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Nr. 43.]
nete ſie mit ihrem Taſchentuch, dann ſtieß ſie einen Seufzer aus, und es überrieſelte ſie kalt.
Endlich wich ſie einem Eindrucke, den ſie fühlte, ohne ihn ſich erklären zu können, verließ ihren Platz, ging ge⸗ rade auf das Pult des jungen Mädchens zu und fragte:
„Was wollen Sie von mir, Elſie Venuer?“
„Ich? Nichts, das ich wüßte,“ erwiderte die Schüle⸗ rin mit ſehr leiſer Stimme und ganz eigenthümlichem Ausdruck,„nur ſage ich mir, daß ich Sie wohl zwingen würde, zu mir zu kommen.“
„Wo haben Sie dieſe Blume her, Elſie?“ fuhr Miß Darley fort.
Es war eine äußerſt ſeltene Alpenpflanze; man findet ſie nur an einem gewiſſen Ort zwiſchen den Felſen des„Berges“.
„Von da, wo ſie wächſt,“ erwiderte Elſie Venner. „Wollen Sie ſie annehmen?“
Die Lehrerin konnte nicht durch eine Weigerung antworten. Indem ſie die Blume nahm, begegneten ihre Finger denen ihrer Schülerin. Wie kalt dieſe waren!
Helene Darley ſetzte ſich wieder an ihren Platz, allein einige Augenblicke darauf verließ ſie unter irgend einem Vorwand das Claſſenzimmer.
Ihre erſte Regung war, die Blume, die ſie erhalten hatte, in den Kamin zu werfen und ſie mit Aſche zu be⸗ decken, als ob ſie ſelbſt den Anblick derſelben fürchte. Das Zweite, was ſie that, war, daß ſie die Hände wuſch.
Armes Geſchöpf! Das Uebermaß der Arbeit führt zu dieſen Verirrungen der Nerven.
III.
Ich hatte Bernhard Langdon ganz beſonders dem erſten Arzt in Rockland, dem vortrefflichen Doctor Kittredge, empfohlen. Er glich nicht ſo vielen Andern, denn er wußte auch noch andere Sachen, als ſeine Formulare, ſeine Tincturen und ſeine Pulver. So war er z. B. ein Pferde⸗
Dritte Folge.
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kenner und der verſchlagenſte Pferdehändler, den man finden konnte. Er wußte, wie das Weib in gewiſſen Fällen zu behandeln wäre und wie man mit dieſen reizbaren Ge⸗ ſchöpfen umgehen muß, für welche ein Wort oft ſo gut iſt wie ein Schlag und deren Nervenſtrömungen man durch die bloße Berührung einer nicht magnetiſirten Hand ſtört. Er wußte endlich auch, wie wenig das, was man ſagt, dem gleicht, was man denkt, und weun er über ſeine Brille hin den aufmerkſam betrachtete, mit dem er ſprach, ſo waren es nicht die Worte, ſondern die Gedanken deſſelben, die ihn beſchäftigten.
Durch ſeine Empfehlung wurde Bernhard zu der gro⸗ ßen Abendgeſellſchaft geladen, welche dieſes Jahr der Oberſt Sprowles gab, in der Abſicht, ſeine Tochter Ma⸗ thilde zu verheirathen, die einzige Waare, deren er ſeine Magazine noch nicht hatte entledigen können; denn der Oberſt— natürlich von der Miliz— war ein verſchlage⸗ ner Kaufmann.
Er hatte klein angefangen, dann aber ſeinen Handel ausgedehnt, hierauf die Tochter eines kränklichen, alten Geizhalſes geheirathet und bei dem Tode ſeines Schwie⸗ gervaters den Handel aufgegeben, um der Stammvater von Gentlemen zu werden. Sein Rang in der Miliz war ihm zu Hülfe gekommen, und nach und nach gelang es ihm, die geringſchätzigſten Bewohner von Elm⸗Street, der ariſtokratiſchen Straße Rocklands, zu zähmen.
Ungeachtet ſo vielen Glücks würde er es vielleicht un⸗ terlaſſen haben, von der Abendgeſellſchaft des Oberſten zu ſchreiben, welche in Rockland das Ereigniß der Saiſon war, wäre ſie nicht neben andern Umſtänden auch noch durch die Anweſenheit Elſie Venuer's und ihres Vaters merkwürdig geweſen.
Dieſer Letztere, traurig und einſam— ein untröſt⸗ licher Witwer, wie die Einen, ein unglücklicher Vater, wie die Andern ſagten— hatte ſich ſeit dem Tode ſeiner Frau kaum in der Welt gezeigt. Er machte hier den
ſchen Daſein Gefahr. Die Sympathien, die ſich damals laut ausſprachen, zeigten, welche tiefe Achtung dieſer rechtſchaffene, liebevolle, uneigennützige und ehrgeizloſe Charakter einflößte. Seine Familie allein, die ihn ſeit ſechs Jahren mit ihrer Sorgfalt umgeben hat, vermag zu ſagen, mit welcher rührenden Ergebung er ſich in das Loos zu finden gewußt hat, das ihn nach einer bewundernswerthen Thätigkeit plötzlich zu einer vollkomme⸗ nen Unthätigkeit verurtheilte. Er verlebte dieſe ſechs Jahre in der Gegenwart Gottes, las die heilige Schrift und vertraute mit der ſeinem Weſen eigenthümlichen Einfachheit den Verheißungen und dem Werke ſeines Erlöſers. Heerr de Gasparin gehörte der Familie de Gaspari an, deren älteſter Zweig im Jahre 1840 in der Perſon des Grafen Luce de Gaspari⸗Belleval zlaſch. Er hinterläßt zwei Söhne, den Gra⸗ fen Agenor de Gasparin, einen ſeit langer Zeit bekannten Publi⸗ eiſten, einen warmen, gläubigen Schriftſteller, den man ſtets auf der Breſche findet, wenn eine religiöſe oder bürgerliche Freiheit bedroht iſt, und den Herrn Paul de Gasparin, einen ausgezeich⸗ neten Ingenieur; Beide würdige Stützen des ehrenvollen Namens, den ihr Vater auf ſie vererbt hat. C.
Zur Culturgeſchichte.
Heirathen unter nahen Blutsverwandten.
Während das alte und neue Teſtament die Heirathen zwiſchen nahen Blutsverwandten verbieten, hat ſich doch ſelbſt in den chriſt⸗ lichen Kirchen der Gebrauch eingeſchlichen, daß der erforderliche
kirchliche Dispens für die Geſtattung ſolcher Heirathen für Geld leicht zu erlangen iſt, und Rom und proteſtantiſche Conſiſtorien ſind in dieſer Beziehung nicht ſehr von einander verſchieden. Viel⸗ leicht würde man ſich befleißigt haben, jene Verbote beſſer aufrecht zu halten, wenn man berückſichtigt hätte, daß jenen kirchlichen Verboten wichtige hygieniſche Gründe unterlagen, und es iſt daher als erfreulich zu betrachten, daß die Wiſſenſchaft in der neuern Zeit ſich damit beſchäftigt hat, die höchſt nachtheiligen Folgen der Verheirathung unter nahen Blutsverwandten durch ſtatiſtiſche Tabellen in's Licht zu ſtellen, weil zu hoffen iſt, daß auf dieſem Wege ſolchen Heirathen vorgebeugt werden wird und ſo die kirch⸗ lichen Behörden immer ſeltner in die Lage kommen werden, ſich mit Geſuchen der Art beſchäftigen zu müſſen. Im Intereſſe der Menſchheit iſt es aber nothwendig, daß Tabellen jener Art recht weit verbreitet werden und zur allgemeinen Kenntniß gelangen, denn nur dann vermögen ſie vor Nachtheilen zu ſchützen, die bis⸗ her noch viel zu wenig bekannt waren. Von dieſer Anſicht aus⸗ gehend, halten wir es für verdienſtlich, hier einen Auszug aus einer Denkſchrift des Herrn Boudin mitzutheilen, welche den Titel führt:„Dangers des mariages consanguins; leur influence sur la surdi-mutité chez les enfans“, die am 16. Juni c. in der Akademie der Wiſſenſchaften in Paris mitgetheilt wurde. Für unſern Zweck genügt es, die wichtigſten ſtatiſtiſchen Angaben dar⸗ aus anzuführen.
In Frankreich bilden die Heirathen zwiſchen nahen Bluts⸗ verwandten ohngefähr 2% aller Heirathen. ⁵
Ganz anders aber iſt das Verhältniß der taubſtumm gebor⸗ nen Kinder aus Ehen unter nahen Blutsverwandten zu dem ſämmtlicher taubſtumm Gebornen.


