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Plötzlich ſchloſſen ihre Augenlider ſich unwillkürlich; eine wohlbekannte Schrift war ihr erſchienen.
Sie zögerte einen Augenblick, ehe ſie das Papier nahm, auf welches jene langen ſchmalen Buchſtaben geſchrieben waren, deren jeder das Ausſehen einer Pfeilſpitze zu haben
„ſchien. Endlich nahm ſie dies mit den Fingerſpitzen und legte es bei Seite.
Dergleichen nervöſe Perſouen haben zuweilen ſonder⸗ bare Launen.
Der Gegenſtand des Aufſatzes war„der Berg“. Die⸗ ſer öde Ort war hier mit großer Genauigkeit und mit einer auffallenden Kenntniß ſeiner wechſelnden Ausſicht beſchrieben. Man konnte glauben, die Beſchreibende hätte den Berg zu jeder Stunde des Tages und der Nacht be⸗ ſucht, eine ſolche Genauigkeit und Beſtimmtheit hatte die Beſchreibung.
In dem Grade, als Miß Darley mehr und mehr überraſcht ſich in ihre Lectüre vertiefte, empfand ſie ein unbeſchreibliches Gefühl des Schreckens und der Angſt. Gleichwohl hätte ſie ſich nicht unterbrechen können, nicht etwa, daß dieſe Arbeit aus rein literariſchem Geſichts⸗ punkte bemerkenswerth geweſen wäre, aber ſie hauchte einen ſolchen wilden Duft aus, daß ſie ihr nach und nach entweder ein Schluchzen oder ein krampfhaftes Lachen ent⸗ riß. Endlich, von einer Art hyſteriſchen Anfalls ergriffen, warf ſie ſich auf ihr Bette und fand endlich den Schlaf, der ſie längere Zeit geflohen hatte. Allein ſelbſt während dieſer ſo erwünſchten Ruhe verfolgten ſie noch immer ab⸗ ſcheuliche Träume.
9 1* nächſten Morgen fand Bernhard Langdon ſie ſehr aß. „Sie ſind leidend?“ fragte er. „Ich war es geſtern Abend,“ erwiderte ſie.„Es hatte mich ein alberner Schreck ergriffen, deſſen Spuren Sie noch heute ſehen. Ich habe zuweilen ſolche Anfälle, indem ich daran denke, was ich für die jungen Mädchen hin und
ſein ſollte, die meiner Sorge anvertraut ſind. Jedes der⸗ ſelben ſollte zwiſchen zwei Schutzengeln durch das Leben hinſchreiten.— Sagen Sie mir, Herr Langdon, gibt es nicht Naturen, deren Weg ſich ſo ſehr von dem geraden abwendet, daß nur ein Wunder es auf denſelben zurück⸗ führen könnte?“
Bernhard lächelte über dieſe Frage, welche eine von denen war, die er mit beſonderem Eifer ſtudirt atte.
1„Ohne Zweifel,“ ſagte er.„Jeder von uns iſt das Product einer langen Reihe von Combinatiouen, von Zah⸗ len, wenn Sie wollen, die in zwei Reihen bis zu einem urſprünglichen Paare hinaufſteigen. Scheint das Reſultat hie und da nicht richtig zu ſein, ſo kommt dies daher, daß, wie gewöhnlich, eine Zahl überſehen. Kein Zweifel, daß Einige von uns mit gewiſſen Neigungen geboren ſind, die ſich von der Parallellinie des Naturgeſetzes entfernen. Durch⸗ ſchneiden ſie dieſe in einem rechten Winkel(um die Meta⸗ pher fortzuſetzen), ſo ſind ſie dann den verbeſſernden Ein⸗ flüſſen unzugänglich. Dann treten Strafgeſetze vermittelnd ein, nicht etwa als volle Gerechtigkeit, aber doch als unbe⸗ ſtreitbare Nützlichkeit. Leichte Abweichung kann die Er⸗ ziehung zum Theil gut machen, und das iſt unſere Aufgabe.— Aber ich bitte Sie, wohin zielt denn dieſe Frage? Zeigt ſich hier irgend ein ungewöhnlicher Fall?“
Miß Darley ſah ihn wieder an, erkannte, daß keine niedrige Neugier in ihm dieſe Frage veranlaßte, und ent⸗ gegnete:
„Es gibt überall Excentricitäten, hier wie anderwärts. Es freut mich, daß Sie die beinahe unwiderſtehliche Ge⸗ walt erblicher Neigungen anerkennen. Nicht zu glauben, daß es Fehler gibt, für welche die göttliche Gnade allein Hülfe bietet, wäre für mich ein wahres Herzeleid. Wenn ich dagegen glaube, daß ich aus Nachläſſigkeit oder Un⸗ fähigkeit für die Irrthümer oder Verbrechen der Kinder, die mir anvertraut ſind, verantwortlich ſein könnte, ſo
und metalliſchen Tinten, auf welche die Zacken der Felſen ſo ſcharfe und düſtere Schatten werfen, daß ſie den Glanz nur noch mehr erhöhen. Man möchte ſie mit Lavaſtrömen vergleichen, die ſich aus einem Krater ergießen, um das Kloſter und das ganze Land in Feuer zu ſetzen.
An der Thür des Kloſters fängt der Weg aufwärts zum Sinai an. Man kommt auf eine Hochebene, welche nach allen Seiten durch ungeheure Berggipfel eingeſchloſſen und umgürtet iſt, von denen der eine, der Katharinenberg, ſich nicht weniger als 8500 Fuß über dem rothen Meere erhebt. Der Horeb und der Sinai ſtehen ihm an Größe nicht nach. Es iſt dies die Grenze des ewigen Schnees unter den nördlichen Breitengraden. Nach wel⸗ cher Seite man auch die Blicke richten mag und ſo weit man ſie auch ſchweifen läßt, entdeckt man doch nichts als röthliche, ſchroffe, kahle Granitmaſſen, die noch ganz ebenſo ſind, wie ſie aus den Ei⸗ geweiden der Erde herausgekommen; niemals liſt eine Pflanze dort gewachſen und es könnte keine dort jemals beſtehen. Nur ein Baum, aber auch nur ein einziger, erhebt ſich mitten in der dürren Umgebung. Es iſt eine Cypreſſe von ungewöhnlicher Größe, deren düſterer, einer Grabespyramide ähnlicher Wipfel ſeit Jahr⸗ hunderten allen Stürmen Trotz bietet. Ihr zu Füßen öffnet ſich ein Brunnen, deſſen friſches klares Waſſer Niemand labt, denn Niemand wohnt dort, und außer wenigen Reiſenden kommt Keiner in dieſe fürchterliche Einöde. Ich raſtete lange am Rande des verlaſſenen Brunnens im Schatten der düſtern Cypreſſe, in⸗ dem ich dieſe ernſte, großartige Landſchaft auf mich wirken ließ und ſie mir gewiſſermaßen zu eigen machte; ſie iſt ſo melancholiſch, ſo einſam, ſo ahnungsvoll und wieder ſo reich an Erinnerungen, uund für das geiſtige wie das körperliche Auge von einer ewigen
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Strahlenkrone umglänzt. Beim Anblick dieſer überwältigenden Natur fühlt man, daß dort etwas Großes, Ungeheures vor ſich gehen mußte, daß ſie im Voraus geſchaffen und gebildet wurde, um der Schauplatz erhabener Geheimniſſe und überraſchender Wunder zu werden; und man begreift, daß Gott ſie gewählt hat, um ſich dort ſeinen Propheten zu offenbaren.
Welche Ereigniſſe, welche Jahrhunderte umfaßt man nicht mit einem Blick! Zuerſt den Sinai, von deſſen Höhen unter Blitz und Donner das Geſetz des erwählten Volkes verkündet wurde, jenes nach ſo viel Jahrhunderten noch lebende Geſetz; tiefer unten die Grotte, in welcher Moſes vierzig Tage und vierzig Nächte in Gegenwart und im vertrauten Verkehr mit dem Gotte zubrachte, der ihn begeiſterte! Gegenüber iſt der Horeb, wo er vor dem feurigen Buſch knieend aus der Höhe den göttlichen Be⸗ fehl empfangen, und wenige Schritte von mir ſah ich eine zweite Höhle, in der Elias, einer der größten unter den Propheten Iſraels, ebenfalls ſeine Viſion hatte, welche zu den ergreifendſten gehört, deren die Schrift erwähnt..
Aus der Gegenwart. graf de gasparin.
Ueber den in der zweiten Hälfte des Septembers c. in Orange im Alter von 80 Jahren verſtorbenen Grafen de Gasparin, auf welchen die evangeliſche Kirche in Frankreich mit Recht voller Stolz blickte, da ei ſich das ehrenvollſte und reinſte Andenken zu ſichern gewußt hat, ſoricht ſich das Journal des Debats vom 28. September in folgend. Worten aus:
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