Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
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N. 42.] Dritte

geborene Mann, der bereits 1786 die Stelle eines Rathes am dortigen Parlamente bekleidete, wenn auch nicht der letzte Augenzeuge der Ereigniſſe der erſten franzöſiſchen Revolution, doch jetzt der Einzige unier den noch lebenden Augenzeugen war, der bei dem Ausbruch der Revolution bereits das Alter von 22 Jahren erreicht hatte und eine Stellung bekleidete, die ihn in den Stand ſetzte, dem Gange derſelben aufmerkſam zu folgen. Seine Memoiren werden uns aber nicht bloß über die erſte Revolution, die Schreckenszeit, das Directorium, Conſulat und die Kaiſer⸗ zeit, ſondern auch über die Reſtauration, die Julimonarchie, die Februarrevolution manchen neuen Aufſchluß eines Staatsmannes bringen, der durch ſeine hohen amtlichen Stellungen, die er während dieſer Ereigniſſe bekleidete, denſelben nahe ſtand, weßhalb ihm Vieles bekannt ſein muß, was in keinem Geſchichtswerke ſich findet, und ſie werden uns ſchließlich das Urtheil deſſelben über die ſeit 1848 in Frankreich vorgefallenen Veränderuugen und Er⸗ eigniſſe, die er zwar nur von fern, aber fortwährend auf⸗ merkſam beobachtete und ruhig beurtheilte, bringen, die ſicher ſelbſt für uns, die wir dieſe merkwürdigen Ereigniſſe mit erlebt haben, großes Intereſſe darbieten werden.

Bis jetzt haben wir noch nichts darüber vernommen, wann dieſe Memoiren veröffentlicht werden ſollen, und da⸗ her iſt es doppelt erfreulich, daß der allgemein geachtete Literat und Profeſſor der Geſchichte an der Sorbonne, Saint⸗Mare Girardin, der ſich des beſondern Vertrauens des Verſtorbenen erfreute, jetzt einige charakteriſtiſche Züge einer der größten politiſchen Figuren unſers Jahrhunderts, wie er den Herzog Pasquier bezeichnet, im Journal des Debats mittheilt. Wir glauben den Leſern dieſer Zeit⸗ ſchrift eine Freude zu machen, wenn wir ihuen das Wich⸗ tigſte aus dieſen Artikeln mittheilen. Saint⸗Marc Girar⸗ din ſagt:

Bei den Erzählungen, die ich aus dem Munde des

Folge.

Kanzlers Pasquier vernahm, und bei dem Leſen ſeiner Me⸗

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moiren, das er mir erlaubte, habe ich oft gedacht, wenn ich Jemanden zu wählen hätte, um in letzter Inſtanz die Er⸗ eigniſſe und die Menſchen unſerer Geſchichte ſeit 1789 zu beurtheilen, ſo würde ich den Herrn Pasquier als den ge⸗ mäßigtſten und ſcharfſichtigſten Richter dazu nehmen. Er hat Alles geſehen, Alles gewußt und an den Thaten und Ereigniſſen der Reſtauration und der Monarchie von 1830 ſich ſehr betheiligÄt. Der Antheil, den er an der Politik genommen, blendet und berauſcht ihn aber nicht. Er be⸗ zieht nicht Alles auf ſich ſelbſt und auf ſich allein, er denkt an die Andern, er erinnert ſich ihrer, er weiß, was ſie ge⸗ than haben; er glaubt ſogar, daß ſie das, was ſie thaten, nicht für ihn oder gegen ihn gethan haben. Ich will kei⸗ neswegs ſagen, daß der Kanzler Pasquier nicht auch ſeine Eigenliebe und ſeinen Stolz gehabt habe. Er wußte, was er war und was er galt. Er beſaß indeſſen die Unter⸗ ſcheidung des Wirklichen und des Möglichen in einem ſo hohen Grade, daß er ſie auch auf ſich ſelbſt anzuwenden verſtand.

Pasquier erzählte gern, daß er träge geboren ſei, und wenn ſich ſeine Umgebung wunderte, daß er, der ein ſo thätiges und beſchäftigtes Leben geführt, ſo von ſich ſpreche, ſo erklärte er derſelben dann, daß er in ſeinen Jugend beim Lernen und Studiren ſehr faul geweſen ſei; von dem Augenblicke an aber, wo es das Handeln gegolten hätte, ſei ſeine Faulheit vollkommen verſchwunden. Das abstracte Studium hatte alſo ſeine Thätigkeit nicht erwecken können. Im Studium iſt allerdings die Arbeit noch fern vom Handeln. Man lernt, um etwas zu wiſſen, nicht um zu haudeln. Die reine Wiſſenſchaft gab dem Geiſte Pasquier's in ſeiner Jugend nicht genug Anxeiz; er mußte dem Hau⸗ deln gegenüberſtehen, um ſeinen Geiſt keunen zu lernen und ſich deſſelben zu bedienen.

Ich hebe dieſen Punkt aus zwei Gründen beſonders hervor; der Erſte derſelben iſt, daß es in der Welt zwei Arten von Geiſtern gibt, von denen die Einen durch das

Ihr ſeid aus Deutſchland, ſagt's ungenirt! Auf der Landkarte ſah ich häufig

Die Namen der Städte wie verhext

In ſchwarzen Lettern angekleckſt;

Doch wo ſeid Ihr angeſeſſen?

Den Todtenſchein nicht zu vergeſſen!

Ach lieber Herr, wie Ihr doch ſchnaubt! Ich bin nur hindurchgeſegelt,

Und wenn ich wo feſtzuſitzen geglaubt,

Hat man mich hinausgemaßregelt,

Und mittels des Schubs! So bin ich meiſt Durch Stadt und Land recht wohlfeil gereiſt. Ich muß es dankbar erkennen

Es war ein Kirchthurmrennen.

Die Feldjägerſchaft und die Gendarmerie Man trifft ſie auf allen Wegen

Sind in ſolchen verwickelten Fällen nie

Um ein Wie und Warum verlegen.

Sie ſorgen dafür, daß Jedermann Genügend ſich unterrichten kann

Ueber Deutſchlands verworrne Statiſtik Und Populationiſtik.

Daß mir ein Todtenſchein gebricht,

Das liegt ja auf den Händen;

Man pflegt doch ein Todtenzeugniß nicht Den Todten ſelbſt zu ſpenden.

Man denkt in Deutſchland: Sind wir ihn los, Mag er ſelber ſehn, wie in Himmelsſchooß Und unter die Heiligen, Frommen

Er ohne Schein mag kommen.

Kopfſchüttelnd ſprach Sanct Peter nun: Ihr dauert mich, armer Geſelle!

Doch muß ich, um meine Pflicht zu thun, Anfragen an höchſter Stelle.

Eure Sache, Freund, ſteht zwar nicht gut, Verliert indeß darob nicht den Muth! Ach, ſprach die Seele,verzeihen

Muß man ſolche Scherereien.

In den Himmel eilte Sanct Peter alsbald Mit dem ganzen Stoß von Papieren;

Da mußt er, gerad' in der Thüre Spalt, Ein Stück davon verlieren.

Gewandt und pfiffig ſprang im Nu,

Das Papier ihm reichend, die Seele hinzu, Um ſo mit flüchtigem Hüpfen

In den Himmel hineinzuſchlüpfen.

Bleibt draußen, ſagt Sanct Peter im Gehn, Bis Eure Sache im Reinen!

Wohin Ihr wollt mit den Scheinen! Und wie ſie ſo zanken an der Thür,

Die Seele ſpricht:Ich muß doch ſehn,

Tönt mächtig eine Stimme herfür