und Ruhepunkt bezeichnete— unwillkürlich trat Victor hinter denſelben, da er von der andern Seite einen jungen Mann kommen ſah, den er an der Tracht und dem zuſau⸗ mengerollten Malergeräth für einen Collegen erkannte— um auch ſein Geſicht zu erkennen, war er ihm noch zu fern — vielleicht aber war es ein Bekannter, er wollte ihn erſt vorüber laſſen, ehe er ſich Lesbia näherte.
Da plötzlich rief dieſe eutzückt:„Achilles!“ und eilte auf den Kommenden zu, dieſer warf ſeinen Apparat zur Seite, ſchloß Lesbia in ſeine Arme, zog ſie mit ſich in den Pavillon— und wenn Victor ſich nicht ſo eutfernen wollte, daß er von den Beiden geſehen werden konnte, ſo mußte er bleiben, bleiben und Zeuge der zärtlichſten Liebes⸗ ſcene ſein— einen Andereu an der Stelle, an der er eben ſelbſt ſich ſelig geträumt hatte.
„Ja, Du biſt noch meine Lesbia! Es iſt nicht wahr, daß dieſer Herzen die kleinſte Gunſt von Dir empfing!“ ſo rief dieſer Andere, und Lesbia antwortete mit ſchelmi⸗ ſchem Lächeln:
„Ach, laß die Phantaſien und den Phantaſten! er iſt mir oft genug auf Schritt und Tritt gefolgt, und ich that Alles, um ihn los zu werden! Als mich nun der unglück⸗ lichſte Zufall ſeiner Wohnung ſo nahe gebracht hatte und er es gar wagte auf den Baum unter meinem Fenſter zu klettern— er hätte ſich in ſeinem halben Wahnſinn wohl gar ein Leid's gethau, wenn ich ihn nach Gebühr zurückge⸗ wieſen hätte— ich vertröſtete ihn auf den folgenden Tag — dann wußt ich, war ich fort, und hoffe, daß ihm dieſe abſchiedsloſe Abreiſe nun endlich Zurückweiſung genug ge⸗ weſen iſt!“
Und als Achilles von dieſer Erklärung doch nicht ganz befriedigt war und Lesbia noch eiferſüchtige Vorwürfe machte, brach ſie in Thränen aus und ſagte:
„Ach, iſt es denn nicht Qual genug? Ich habe den Wahn⸗ ſinn des Vaters um ſeiner hellen Stunden willen ſo lange ſchweigend ertragen, daß ich von allen Menſchen ſolche
Dritte Folge.
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Wahnſinnsausbrüche fürchte— Herzen machte mir dieſen Eindruck— ich behandelte ihn ſchonend, wie ich meinen Vater behandelte— ich fürchtete mich vor ihm— und nun quälſt Du mich!“
Achilles küßte ihre Thränen hinweg, bat ſie unter Lieb⸗ koſungen um Verzeihung, und ſie lächelte bald wieder.
„Ich gehe nicht wieder nach München,“ ſagte ſie,„und werde ſo auch den überſpannten Herzen nicht wiederſehen, der zugleich ein idealiſtiſcher Deutſcher und ein leidenſchaft⸗ licher Italiener iſt— ein Romeo, der noch vergeblich ſeine Julia ſucht— aber mein Bild ſoll nach München, in die Reſidenz— Du magſt es malen.“ Sie gab Achilles einen Brief und ſagte:„Ein Kammerherr von Rauhberg hat mir ſo eben geſchrieben, daß man mein Portrait wünſche, und daß ich den Maler, dem ich ſitzen wolle, ſelbſt beſtim⸗ men könne— natürlich werde man nur ein vollendet ſchö⸗ nes Bild annehmen, für dieſes aber, je nach dem Kunſt⸗ werth, dem Künſtler 1— 2000 Gulden zahlen.— Nun, willſt Du Dein Meiſterwerk au mir machen?“
„Ja,“ rief er jubelnd;„Deine Schönheit ſoll un⸗ ſterblich werden— Dich ſelbſt nehme ich mit mir in unſer ſchönes Hellas, Dein Bild aber laß ich zu unſer Beider Ruhm zurück. Morgen ſchon beginne ich die köſtliche Arbeit, und ſobald ſie abgeliefert, laſſen wir uns trauen, und ich habe das ſchöne Bewußtſein das Geld zu unſerer griechi⸗ ſchen Hochzeitsreiſe ſelbſt verdient zu haben.“
„Nun komm zur Doctorin,“ ſagte Lesbia,„die noch gar nicht weiß, daß ich gleich dafür war hierher zu gehen, weil ich Dich in der Nähe wußte und herbeſcheiden konnte. Sie hat einige Sonderbarkeiten, aber ich bin ihr Dank ſchuldig, daß ſie mich, die Fremde, ſo liebreich aufnahm, als der Wahnſinn des Vaters offenbar ward. Mitunter iſt ſie ein wenig unbequem mit ihrer gar zu großen Auf⸗ merkſamkeit und Bevormundung, aber Du kannſt es ihr noch beſonders danken, daß ſie den aufdringlichen Maler von mir entferut zu halten wußte!“
Pelikane, ſchwarze Schwäne, drei braune Bären, Känguruhs, Blaufüchſe, ferner Victoriakrontauben, wovon das Paar 50 bis 80 Pfd. St. werth iſt, in ſeinem Hof vorräthig hätte, und außer⸗ dem 6 Löwen, die er dem Regentspark in Koſt und Logis gegeben, und für die er täglich 8 Pfund Fleiſch für jeden verguͤten mußte. Entſprechend ſolchen großartigen Koſten muͤſſen natürlich auch die Procente bei dieſem Geſchäft geſtellt werden, und wenn durch den Tod eines Thieres vielleicht mit einem Mal 1000 Thlr. und mehr verloren gehen, wird auf ein anderes wohlfeil von den Capitänen gekauftes und gut verkauftes dieſe Summe wieder gewonnen. Dieſer Handel mit lebenden Thieren wurde zunächſt durch die mehr und mehr auftommenden Menagerien in's Leben gerufen,
welche ſeit dem Anfang dieſes Jahrhunderts ganz Europa durch⸗
ziehen, und die ihren Bedarf an Thieren zumeiſt von jeher von London bezogen; aber eine ſichere Baſis und eine größere Aus⸗ dehnung erhielt jener Handel doch erſt durch das ziemlich moderne Inſtitut der zoologiſchen Gärten.
Dieſe datiren nämlich auch in England erſt von den zwanzi⸗ ger Jahren dieſes Jahrhunderts, und es gibt noch heute Leute genug in London, welche ſich erinnern, wie die Bären und Löwen im alten London Tower die einzige ſtehende Menaggeriein jener Stadt ausmachten. Dieſe Thiere gehörten den jeweiligen Thronfolgern, dem jedesmaligen Prinzen von Wales. Sie waren aber auch dem Publicum zugänglich gegen die Entrichtung eines kleinen Ein⸗ trittspreiſes, oder gegen Ablieferung einer Portion Nahrung für die Löwen, meiſt beſtehend in einem lebenden Hunde. Dieſe Me⸗ nagerie ſtand alſo auf derſelben Stufe mit den Bären⸗ und Hirſch⸗
gräͤben der alten deutſchen Städte, deren ja auch Frankfurt dereinſt einen beſaß.— 6.
Zur Literaturgeſchichte. Zwei humoriſtiſche gedichte von Hermann Marggraff. Der Deutſche an der Himmelsthür.
Sanct Peter ſtand am Himmelsthor
Mit dem klappernden Schlüſſelbunde,
Da ſtieg ein Abgeſchiedner empor
Vom dunſt'gen Erdenrunde.
„Wer biſt Du?“—„Ein Mann vom Frankenreich!“ „Alle Achtung!“ rief Sanct Peter ſogleich,
„Tritt nur herein in die Pforte,
Ein Franzmann braucht keine Escorte!“
Und wieder kam eine Seel' heran
Mit ſtolzem, mächtigem Schritte.
„Euch ſieht man’s an den Augen an,“ Sprach Petrus,„Ihr ſeid ein Britte! Nur herein, Freund Britte, denn ſicherlich, Wehrt' einem Britten den Eintritt ich, So kämen alle Theerjacken,
Mich an der Hüfte zu packen.“
Drauf kam mit einem mächtigen Satz
Zur Thür ein ſtolzer Hiſpaner.
„Zu oberſt im Himmel gebührt der Platz,“ Rief er,„einem Caſtilianer!“
„Nicht übel!“ ſtottert Sanct Peter hervor,


