Die Dioskuren.
Novelle V von Louiſe tto. (Schluß.)
Roderich wollte das Wort ergreifen und nahm dabei ſeinen Hut zum Zeichen, daß er bereit ſei zu gehen.
Aber der Kammerherr fuhr mit einer ihn anders be⸗ deutenden Handbewegung fort:„Ich laſſe keine Einwen— dung gelten, ich hätte Sie ſchon erſucht zu gehen, wenn ich das wünſchte beim nächſten Wiederſehen aber fragte doch Caſtor den Pollux, was nun verhandelt woerden, oder V dieſer eilte freudeſtrahlend zu ihm, um ſein Glück zu ver⸗ künden— bleiben Sie, bleiben Siel ich bin
Weltmann genug, um mich nicht nur auf Ihre Discretion zu verlaſſen— ich verlaſſe mich eben darauf, daß der Kammerherr von Rauhberg Alles wieder erfährt, was in den Ateliers verhandelt wird, und daß es kein Münchner Künſtler räthlich findet ihn zu erzürnen— das nur noch nebenher— alſo mein lieber Herzen,“ wandte er ſich an
dieſen,„man hat“— er betonte das„man“ und deutete
dabei auf Lesbia's Bild—„man hat von dieſer griechiſch⸗ bairiſchen Schönheit gehört und man wünſcht ihr Portrait
zu beſitzen; da nian nun ein paar gelungene Portraits von
Ihnen geſehen und erfahren hat, daß Sie dieſe Dame kennen— ja in ihrer Nähe wohnen, ſo will man ihr Portrait bei Ihnen beſtellen—“ er ſah dabei Victor mit
ſchmunzelndem Lächeln an und dachte, dieſer werde vor
ſtelzer Freude über die widerfahrene Ehre ſich nicht zu
faſſen wiſſen— denn Jedermann in München, wenigſtens
jeder Künſtler wußte, welche hohe Perſon unter dieſem
„man“ gemeint war.
Victor war allerdings in Verwirrung und ſchlug vor dieſen freundlichen Blicken, die offenbar eine Antwort voll Dank und Entzücken erwarteten, die Augen ſcheu zu Bo⸗ den, und als der Kammerherr ihm in ſeiner Verlegenheit wieder mit aufmunternden Worten zu Hülfe kommen wollte, unterbrach er ihn haſtig mitten in der Rede:„Ich bin unfähig dieſen ehrenvollen Auftrag auszuführen, wie unglücklich mich das auch macht, ich kenne das Fräulein nur flüchtig.“
„Eine ſolche Lüge neben dieſem Bilde,“ lächelte der Kammerherr,„es iſt faſt mehr noch komiſch als plump und V abſurd— indeß ſollte es wahr ſein, und vielleicht ein anderer Künſtler dies Bild in Ihrem Atelier gemalt und
aufgeſtellt haben, ſo würde allerdings ihm der gleiche Auf⸗
Dritte
Folge
Novellen-Zeitung.
trag werden, und ich bitte mir ihn vorzuſtellen oder wenig— ſtens ſeine Adreſſe zu ſenden.“
Einen Augenblick noch ſchwieg Victor, er ſchien ver⸗ geblich nach einer Antwort zu ſuchen, endlich brachte er hervor:„So viel ich gehört habe, iſt das Fräulein heute abgereiſt— wohin, weiß ich am wenigſten.“
„Nun, das kümmert uns auch nicht viel— da ja ihr Bild zurückgeblieben,“ ſchmunzelte der Kammerherr, und dann ſich ſtolz emporrichtend fügte er hinzu:„da es uns nicht um die Perſon, ſondern einzig um das Bild zu thun iſt“—— es war als ſpräche er mit ſeinen Blicken weiter: Hier iſt nur vom äſthetiſchen Enthuſiasnius, nicht von ſinnlichen Wünſchen die Rede—„Sie erhalten tauſend Gulden für dies Gemälde.“
„Ueber dies Bild habe ich nicht zu verfügen,“ verſetzte Victor ſtaudhaft,„wie ſehr ich auch über die unerwartete Gnade, die ich nur ihm allein danke, auf's Höchſte beglückt bin und mich gern derſelben würdig zeigen möchte, ſo viel dies in meinen ſchwachen Kräften ſteht— ſo bin ich es hier doch außer Stande— ich kann das Bild weder aus den Händen geben noch copiren— ohne die Einwilligung des Fräulein Manratos ſelbſt.“
„Nun, die iſt leicht genug zu erhalten—“ triumphirte der Kammerherr—„ich werde Ihnen dieſelbe verſchaffen, und Sie werdeu dann weiter keinen Anſtand haben den Auftrag auszuführen.“
Victor wollte etwas entgegnen— ein warnender Blick Roderich's hielt ihn zurück— er verbeugte ſich nur mit der Erklärung, die ferneren Aufträge des Herrn Kammer⸗ herrn entgegenzunehmen. Dieſer entfernte ſich mit der Warnung, dieſe Gnade weder durch Weigerung noch durch Indiscretion zu verſcherzen.
Als die beiden Freunde wieder allein waren, ſchien es, als wäre hinter dem Kammerherrn noch eine erſtickend ſchwüle Luft zurückgeblieben.
Beide ſprachen kein Wort— Victor ſtand wieder in dem Anblick des begonnenen Gemäldes verſunken, Roderich, der während dieſer Scene ſtumm am Fenſter gelehnt, be⸗ ganu jetzt an den Scheiben deſſelben zu trommeln— end lich riß ihm die Geduld— er ſchlug ein wieherndes Ge⸗ lächter auf und rief:„Der Kammerherr hat von uns eine beſſere Meinung, als wir verdienen— er hieß uns noch immer die Dioskuren! meine Gegenerklärung wollte er auch nicht hören— ſo werd' ich morgen in der Zeitung drucken laſſen, daß ich mir künftig dieſe Bezeichnung ver bitte—“ ſeine Rede nahm dabei einen halb wehmüthigen, halb bittern Ton an.
Bictor eilte auf ihn zu, legte ſeine beiden Hände auf
die Achſeln des Freundes, ſchüttelte ihn und rief:„Nein,
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