in den brandenden Strom, der zwei Völker auseinanderriß —— für das Kaiſerhaus! war die Loſung des Vaters — für Italiens Unabhängigkeit vom Joche der Fremd⸗ herrſchaft! die der Mutter— nach Rom ſandte ſie ihn, da er der Kunſt ſich widmen wollte— nach Wien drängte ihn der Vater ſeine Studien zu vollenden— und um nur gleichſam einmal auszuruhen von dieſen Gegenſätzen, hatte er ſich nach München geflüchtet, wo eine lebendige Kunſt⸗ thätigkeit eine heitere Schaar ſtrebender Talente vereinte. Daß nun hier gerade der harmloſe Roderich ſein treueſter Gefährte werden mußte! Faſt war dies ein neuer Gegen⸗ ſatz für dies ohnehin ſchon in lauter Gegenſätzen umher⸗ getriebene Leben! Roderich war ein Sachſe von Geburt, der Sohn eines Philologen. Aus den Studien des claſ⸗ ſiſchen Alterthums hatte der Vater wenigſtens ſo viel für das Leben in der Gegenwart gelernt, daß der Cultus der Kunſt eine Pflicht jedes Staates ſei, der nicht dem roheſten Vandalismus huldigen wolle, daß es mithin auch ein wür⸗ diger Beruf ſei, ſich dem Dienſte der Kunſt zu widmen. So billigte er den Trieb des Sohues, der ihn zur Maler⸗ kunſt führte, und die glückliche Mutter, in Allem einig mit dem Gatten und durch ihn heimiſch in Griechenlands Heroen⸗ und Götterwelt, träumte ſchon von einem künfti⸗ gen Zeuxis oder Parrhaſius, als der Sohn die erſten Früchte malte, ſtatt ſie zu verſpeiſen.
Die idealiſtiſche Richtung der Mutter und der geſunde Realismus, der bei einem glücklichen Familienleben immer, wenn auch mehr oder weniger, ſeine Nahrung findet, hat⸗ ten Roderich bald zu einer richtigen Anſchauung geführt, die nur in der Vereinigung von Idealismus und Realis⸗ mus das Weſen der wahren Kunſt, wie das Ziel alles Lebens und Strebens erblicken kann. Gleich Victor malte er hauptſächlich hiſtoriſche Bilder, doch war ſein Pinſel auch dem Genre nicht fremd und leiſtete zur Zeit in dieſem noch Beſſeres als in jenem, indeß Victor allein der hiſto⸗ riſchen Malerei huldigte— am liebſten allerdings da, wo
Dritte Folge.
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er ſeinen Werken einen monumentalen Charakter ſichern konute, indem er ſie lieber al fresco, als in einzelnen Oel⸗ gemälden ausführte.
Roderich ſah jetzt in der Pinakothek kopfſchüttelnd dem Freunde nach, als dieſer der jungen Dame und ihrem alten Begleiter folgte. Aufänglich geſchah es wie abſichts⸗ los— als ſie aber vor Kaulbach's„Zerſtörung Jeru⸗ ſalems“ bewundernd ſtill ſtanden, geſellte ſich Victor zu ihnen.
„Sieh Vater!“ ſagte Lesbia,„das iſt ein anderer Kaulbach, als der da draußen!“
Der Vater ſchüttelte den Kopf:„Freilich wohl ver⸗ muthet man nicht, daß das derſelbe gemalt wie draußen— aber ein Commentar ſcheint auch hierzu erſt nöthig zu ſein.“
„Den kann ich Ihnen geben!“ ſagte Victor, ſich jetzt direct an das Paar wendend,„zuvor aber muß ich Sie bitten“— und er blickte dabei beſonders auf Lesbia— „bei der Beurtheilung eines Meiſters wie dieſer, des größ⸗ ten des Jahrhunderts, ſich nicht durch das beirren zu laſſen — was Ihnen Lohndiener ſagen.“
„Mein Herr,“ antwortete Lesbia ſtolz zurückweiſend —„wir bedürfen Ihrer ſo wenig wie— eines Lohn⸗ dieners.“
Victor machte eine Verbeugung und ſagte:„Vielleicht kommt noch eine Zeit, wo Sie Enthuſiasmus von Zu⸗ dringlichkeit zu unterſcheiden wiſſen— Humanität von Neugier—“— danitt zog er ſich zurück.
Lesbia vergaß ſelbſt vor Kaulbach's erhabener Schöpfung einen Augenblick auf dieſelbe zu ſehen und ſenkte die Augen zu Boden. Ob ſie erröthete vor Zorn, Beſchämung, Uebereilung oder welcher Empfindung ſonſt — das wußte ſie ſelbſt wohl am wenigſten— dann aber war ſie doch gefeſſelt, verſunken in dem Anblick des großen Gemäldes, deſſen überwältigendem Eindruck ſich noch nie ein Beſchauer entziehen konnte. Eine Welt im Untergange
des abzuſchneiden und mit ihren Verſchanzungen ſich Turon im⸗ mer mehr zu nähern, um ſo die Franzoſen, die ſie in der feſten Stadt nicht anzugreifen wagten, zu zwingen, Turon und das anamatiſche Reich ſelbſt zu räumen. Die zurückgebliebenen weni⸗ gen franzöſiſchen und ſpaniſchen Truppen machten öfters Aus⸗ fälle, vertrieben die Anamiten aus ihren Verſchanzungen und zerſtörten dieſelben, doch ſobald ſie ſich wieder in die Stadt zu⸗
rückgezogen hatten, erſchienen die Anamiten und ſtellten ſofort
die zerſtrten Werke wieder her, und ſomit war für die Sieger durch den unausbleiblichen Verluſt von Leuten nichts weiter ge⸗ wonnen, als daß ſie den Anamiten thatſächlich den Beweis ge⸗ liefert hatten, wie ſehr ein europäiſches Truppencorps ihnen über⸗ legen ſei.
3 Trotzdem hatten aber die Anamiten viel taktiſche Kennt⸗ niſſe, eine vortreffliche Disciplin und großen Muth entfaltet, und
der Admiral Rigault de Genouilly überzeugte ſich bald, daß einem 1 2 2 der von den Franzoſen beſetzten Stadt Saigon, regieren konnten,
ſolchen Heere gegenüber die mit ſtarken Feſtungswerken— ſie wurden erſt im vorigen Jahrhundert von franzöſiſchen Ingenieu⸗ ren erbaut— verſehene und mit 60 Fuß hohen Mauern umge⸗
bene Hauptſtadt, die überdies die Elite des Heeres zu Vertheidi⸗ gern hatte, weder durch einen Handſtreich genommen, noch von einem kleinen Truppencorps behauptet werden könne, und er be⸗
ſchloß daher, den Kriegsſchauplatz nach Unter⸗Cochinchina zu ver⸗
legen und ſich zum Herrn dieſer Provinz zu machen, die mit
Recht als die Kornkammer des anamitiſchen Reichs zu betrachten
i*ſt, weil hier der meiſte Reis gebaut wird, welcher das vorzüg⸗ lichſte Nahrungsmittel im ſüdöſtlichen Aſien iſt. Zu dieſem Zweck unternahm er eine Expedition gegen Saigon, die Hauptſtadt von
Turon ganz aufgegeben wurde, um jede Zerſplitterung der noch
immer geringen Streitkräfte zu vermeiden.
Saigon iſt 20 Stunden von der Mündung eines Fluſſes erbaut, der zu den wichtigſten Nebenflüſſen des Cambodſcha ge⸗ hört, welcher Letztere alle Verbindungen zwiſchen Unter⸗Cochin⸗ china und den übrigen Theilen des anamitiſchen Reichs be⸗ herrſcht. Der Combodſcha theilt ſich, wie die meiſten Ströme in der Nähe des Meeres, in mehrere Arme. Saigon iſt der Schlüſſel eines der wichtigſten Flüſſe, weil er bis ins Meer ſchiffbar iſt, während die Fahrt auf den übrigen Armen des Combodſcha durch Sandbänke verſtopft iſt. Ein anderer Fluß wird durch die Feſtung Win⸗Long beherrſcht. Die einzige Landſtraße aber, welche von Unter⸗Cochinchina nach der Hauptſtadt Hué⸗Fu führt, wird durch die befeſtigte Stadt Bien⸗Hoa geſchloſſen.
So lange Win⸗Long und Bien⸗Hoa in den Händen der Man⸗ darinen waren, von wo aus ſie die ganze Provinz, mit Ausnahme
war für die Franzoſen noch nicht viel gewonnen, deren Stellung noch dadurch bedroht wurde, daß die Mandarinen zwei Stunden von Saigon ein verſchanztes Lager errichtet hatten, von wo ſie immer weiter vordrangen, um ſich in Betreff Saigons ganz der⸗
ſelben Taktik wie früher gegen Turon zu bedienen. Aber der Frie⸗ densſchluß mit China erlaubte jetzt dem Kaiſer der Franzoſen ſeine Unternehmung gegen Anam kräftiger zu betreiben, und zu dieſem Zweck wurde der Contreadmiral Bonard, der das von
ſeinem Vorgänger ſo gut begonnene Werk beendigen ſollte, mit Verſtärkungen dahin geſandt. Im December 1861 rückte das Ex⸗ peditionscorps von Saigon aus, bemächtigte ſich zuerſt des ver⸗
Unter⸗Cochinchina, und ſetzte ſich in den Beſitz derſelben, worauf ſchanzten Lagers und marſchirte dann auf Bien⸗Hoa, das nach


