Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
627
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ßen!

Novellen-

Die Dioskuren.

Novelle von

Louiſe Htto.

1.

Der Carneval mit ſeinen Luſtbarkeiten, mit all' den Künſtlerfeſten und Faſtnachtsſcherzen, dem übermüthig heitern Toben bei Tag und Nacht, worin das Volk des katholiſchen Südens ſich ſo gern ergeht, und dem im kunſt reichen München die ſchöpferiſche Phantaſie freiwaltender Künſtler oft eine höhere Weihe gibt, war vorüber. Stille, der Ruhe und Arbeit gewidmete Tage waren gekommen verſchwunden waren die glänzenden Maskencoſtüme und wieder vertauſcht mit den einfachen Malerröcken, in denen die Jünger der bildenden Kunſt wieder in ihren Ateliers ſaßen und fleißig arbeiteten, damit noch dies und jenes Bild fertig werde, das nächſten Sommer auf der Ausſtellung im goldnen Rahmen prangen, vielleicht den Ruhm eines Genies begründen, vielleicht auch die Summe erwerben helfen ſollte, die uöthig war, um die im Carne⸗ val gemachten Schulden zu bezahlen. Aber nachdem die ſtillſte Woche, die Charwoche, jenen ſtillen Wochen ge⸗ folgt war, brach ja ein heiteres ſonniges Oſtern an, lauter Frühlingsjubel zog über die Erde, und in allen Bäumen trieb es und ſchrieb es, aus allen Vögelkehlen ſang es und klang es: heraus! heraus!

Da ſtrömte wieder eine ganze luſtige Bevölkerung vor die Thore der Stadt in den Ateliers war es wieder wie ausgeſtorben wie hätte auch am ſchönſten Frühlingstag und Feſt, da drinnen in dumpfen Mauern der hocken mögen, deſſen Beruf es doch war, durch die Kunſt einen ewigen Frühling in's Leben zu bringen und oft ſogar den vergänglichen Frühling der Landſchaft feſt zu zaubern auf Leinwand und Papier! Hinaus! hinaus! wo das junge

Leben ſprießt von warrner Lenzesluft geweckt, wo die Natur ſelbſt ganze Galerien von Werken ſchafft, bei denen man nicht mehr fragt, ob ſie im Dienſt des Idealismius oder des Realismus entſtanden ſind. Hinaus! und entlauft nicht nur der dumpfen Luft der Ateliers, ſondern auch dem Gezänk der Akademien und der Schüler, die ſich um Stich⸗ worte der Schule faſt erwürgen möchten, bei denen jeder Einzelne ſich doch etwas Anderes denkt.

Im Thiergarten waren ſchon Tiſche und Stühle und Bänke im Freien wieder zurechtgeſtellt, zum Theil auch ſchon von einer geputzten Menge beſetzt auch die zah⸗

men Hirſche fanden ſich wieder ein, die gravitätiſch von

Dritte Folge

Zeitung.

Tiſch zu Tiſch wanderten, die ſtolze Majeſtät ihrer Ge⸗ weihe präſentirten und ſich trotz dieſes erhabenen Nimbus doch ſo weit erniedrigten um ein Stückchen Zucker zu betteln, das ihnen denn auch gern von thierfreundlichen Händen gereicht ward.

An einem dieſer Tiſche ſaß ein Malerclub zuſammen, rauchend, trinkend und plaudernd aber ſie hatten noch, wenn auch nicht au Kleidern und Händen, doch in ihrer Unterhaltung allen Farbenſtaub und Oelgeruch des Ate⸗ liers mit hinaus genommen in Gottes ſchöne freie Natur und ſtritten und witzelten nur über Bilder ihrer Camera⸗ den, von denen ſie fürchteten, daß ſie ihnen ſelbſt den Rang damit ablaufen könnten. Ueber das eines kürzlich unter ihnen heimiſch gewordenen Malers Victor Herzen erhitzten ſie ſich beſonders, meinten, man wiſſe nicht, weſſen Schüler er ſei, bald habe er da, bald dort gemalt, er taumele ewig zwiſchen Romantik und Claſſicität, zwiſchen Realismus und Idealismus umher, halte ſich bald ſelbſt für einen zweiten Cornelius, bald für einen zweiten Kaulbach, ſei unzugäuglich und unverträglich für Andere, nähre ſich meiſt von Limonade und verſchmähe das beſte Münchner Gebräu.

Ja, Ihr ſeid das im Stande, einen Menſchen, einen Cameraden danach zu beurtheilen oder zu verurtheilen, ob er ſeine richtigen Maß auch vertilgen kann, rief ein kleiner Blondin aus ihrer Mitte, indem ex zürnend auf⸗ ſtand,nun, ich denke, ich will's im Trinker nfalls auch mit den Meiſten von Euch aufnehmen rdas weiß ich, daß Biertrinken gerade noch Niemanden zum Genie gemacht hat, imd daß Keiner unter Euch iſt, der dem Vic⸗ tor Herzen das Waſſer reicht in ſeiner Kunſt, das behaupte ich Euch Allen keck in's Geſicht!

Oho! rief ein anderer Maler, der ein ſchönes, ſüd⸗ liches, aber nicht beſonders geiſtreiches Geſicht hatte, wenn auch ſeine Augen ein keckes Feuer ſprühten,wer iſt denn dieſer kleine Mann, der dem italieniſchen Farben⸗ kleckſer das Wort reden will? 4

Mein Name iſt Roderich Feldberg! antwortete der Blondin,und ich behaupte kühn und frei! ſang er nach der Melodie aus Marſchver'sTempler und Jüdin, daß Herzen's GemäldeKonradin und Friedrich hiel eher den Namen eines Kunſtwerkes in Anſpruch nehmen darf, als derKonradin eines gewiſſen Achilles! 4

Wiſſen Sie, daß ich der gewiſſe Achilles bin! ant⸗ woörtete wuthſchäumend der Sprecher von vorhin.

Ich wußte es nicht, aber ich vermuthete es, ant⸗ wortete Roderich kaltblütig;weil Sie derjenige waren, der am meiſten auf Herzen'sKonradin ſchimpfte und weil es Sie allerdings verdrießen muß, denſelben Stoff,