Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
607
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Nr. 38.]

So hab' ich denn als Bettlerin Den Heimweg angetreten;

Die Ruh' des Herzens war dahin Ich konnte nur noch beten!

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Den Vierten geb' ich Euch nicht mehr, Drei hab' ich ſchon verloren!

Nein, eher ſoll ihn, wie ich ſchwör', Mein ſcharfer Stahl durchbohren!!

Literariſche Briefe von Otto Banck.

Die Kaiſerbrüder, hiſtoriſcher Roman von Emilie Tegtmeyer. Lübeck, Fried. Asſchenfeldt. 1862.

Die hiſtoriſchen Romane ſind nun einmal ganz zum Modeartikel geworden, und die allercomplicirteſten Stoffe ſind den Schriftſtellern die liebſten. Bieten ſie ihnen doch Gelegenheit, möglichſt viel Perſonen auf die Bühne zu bringen und mit recht gewaltigen Begebenheiten herumzu⸗ ſpielen. Man hat bei der Wahl der Sujets und noch mehr bei der Behandlung derſelben jetzt eine ordentliche Gewandtheit bekommen, überall Momente herauszufinden, die entweder einen Reflex, eine Beziehung auf unſere Zeit an ſich tragen, oder doch ſo behandelt werden können, daß ſie einer zeitgemäßen Tendenz dienen.

Ju der Wahl der Gegenſtände iſt man daher auch gar nicht mehr peinlich und darf es nicht ſein, denn wo jährlich

mehre Hundert Autoren in die deutſche Geſchichte greifen, da muß endlich eine bedeutende Lücke entſtehen und es kön⸗ nen nur noch wenig unberührte Begebenheiten und Geſtal⸗ ten übrig bleiben. Wenn man daher bedenkt, daß alle

mittelmäßigen Romane doch ihr Leſerpublicum finden, weil die armen Kuppler der geſchriebenen Intelligenz, die Leih⸗ bibliothekare, vor Angſt nicht wiſſen, was ſie ihren hungri⸗ gen Abonmenten Neues zuführen ſollen: ſo zeigt dieſer Umſtand eine traurige Folge, die nämlich, daß auch die mißlungenſten Romane bis zu einem gewiſſen Grade hin bekannt werden und, im Fall ſie gute hiſtoriſche Stoffe be⸗ handeln, dieſe dann auf einige Zeit entweiht, oder wenig⸗ ſteus nicht mehr friſch ſind. Erſt nach einer Reihe von Jahren kann es wieder gewagt werden, ſie noch einmal zu bearbeiten.

Es ſind ebenſoviel weibliche als männliche Autoren, welche ſich mit dieſem modernen Induſtriezweig der Ro⸗ manliteratur abgeben, und man muß über die kaltblütige Bravour erſtaunen, die ſich in ihren Compoſitionen und Dialogen bekundet. Sie copiren mit beliebigen Verän⸗ derungen in ihren novelliſtiſchen Gemälden die Wirklichkeit der Geſchichte, als ob ſie nach der wirklichen Natur ein lebendiges Blumenbouquet abſtickten. Dieſe Arbeit geht ihnen mit derſelben Leichtigkeit aus der Feder, als ob es eine Converſation am Kaffeetiſche wäre. Dazu kommt, daß es durch hundert Hülfsbücher der Gegenwart ſo ſehr bequem gemacht iſt, ſich über den ſpeciellen Zuſammenhang

hiſtoriſcher Momente näher zu unterrichten. Es ſteht bei⸗

nahe in den beſſern Converſationslexicis genug, um dar⸗

ach eine romauhaft romantiſche Einkleidung zu unter⸗ nehmen.

Sie werden ebenſoweni davon haben, was ſich die

Schreiber ſolcher Bücher wohl

g wie ich einen klaren Begriff

vom Werth und Nutzen derſ deutſche Geſchichte kann doch würdige Weiſe populär gemacht werden, denn es iſt mehr ein Schade als ein Vortheil, wenn die Menge Anſchauun⸗ gen und Daten gewinnt, die durch eine mehr willkürliche, als poetiſch freie Behandlung ſchwere Abweichungen von der Wirklichkeit zeigen. Das allgemeine Wiſſen wird da⸗ durch nur verwirrt. Und was ſoll es endlich helfen, be⸗ rühmte hiſtoriſche Geſtalten der Nation ohne Schwung und poetiſche Productionskraft vorzuführen? Was ſoll Weſen und Reden ſolcher Perſonen für einen andern Ein⸗ druck hinterlaſſen, als den abgeblaßter Schemen und gleich⸗ mäßig geharniſchter Dutzendritter, wie ſie ſchon vor langen Jahren Herr Wachsmann, Van der Velde und Leibrock in ihren Romanen aufmarſchiren ließen? Was ſollen endlich Schilderungen mittelalterlicher En turzuſtände für eine gute belehrende Wirkung haben, wenn ſie ſo gehalten ſind, daß man bei näherem Hinſehen darin lauter kleine Verſtöße gegen die Richtigkeit erblickt?

Es iſt eine merkwürdige Erſ heimliches hat, daß faſt alle jene hiſtoriſchen Romane ſich einander gleichen, wie ein Ei dem andern. Von Indi⸗ vidualität oder Originalität iſt ſelten eine Spur zu finden. Die Perſonen ſprechen allenthalben daſſelbe und haben ganz das nämliche geiſtige Coſtüm an. Nicht einmal der Styl der Sprache zeigt Verſchiedenheit. Dieſe Bücher ſind ſcheinbar ordentlich nach einem Schema, nach einem allen gegebenen Maßſtabe gearbeitet, und dieſer Maßſtab iſt die faſt allen ſolchen Romanſchreibern gleichmäßig verliehene Talentloſigkeit.

Ich muß es ſagen, und es iſt keineswegs ein ſpecieller Tadel, weil er ſo Viele trifft, daßdie Kaiſerbrüder auch zu jener fabrikmäßig gearbeiteten, durch nichts, nicht ein⸗

elben denken mögen. Die dadurch unmöglich auf eine

cheinung, die etwas Un⸗

mal durch große kühne Fehler hervorſtechenden Roman⸗ gattung gehört.

Bei einer nicht geringen Gewandtheit in der Führung einer ſehr gewöhnlichen Compoſition würde die übrigens nicht durch Schrullen und abſprechende Bemerkungen etwa anmaßende, ſondern im Gegentheil ruhige Verfaſſerin ſich gewiß recht gut dazu eignen, eine einfache Novelle anſpre⸗ chend zu erzählen und ſogar tüchtig durchzucomponiren. Sie hat ſich aber hier an einen Gegenſtand von ungeheurer Vielſeitigkeit und Breite verloren und über kleine roman⸗ tiſche Epiſoden und materielle Nebenſachen die Charakter⸗ zeichnung der Hauptperſonen verſäumt und den innern Zuſammenhang des deutſchen Reiches den Leſern gar nicht klar gemacht.

Sie behandelt nämlich die hartnäckigen Thronſtreitig⸗