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mit Bretern verkleidet. dieſem Holzhauſe,
mein liebes Kind, bin ich vielen, vielen Dank ſchuldig. Ehrlichkeit läßt ſich nicht bezahlen, aber ich möchte Dir doch gern eine Freude machen. Nimm dies und kaufe Dir, was Du gern haſt und bedarfſt.“ Dabei drückte ſie dem betretenen Mädchen einen blanken Thaler in die Hand und entfernte ſich eilig mit ihrem Begleiter. Ehe ſich daher Lottchen von ihrem Staunen erholt hatte, war die Dame ſchon eine Strecke fort, da ſie ſich augen⸗ ſcheinlich den Dankſagungen oder etwaigen Weigerungen des Mädchens, das Geld zu nehmen, entziehen wollte.
Es blieb Lottchen nichts übrig, als das Geld zu be⸗ halten, und ihr erſter Gedanke war: Was wird die Groß⸗ mutter dazu ſagen?
Lottchens Freude über den Thaler war ſehr groß, ſo viel Geld hatte ſie ſchon lange nicht ihr eigen genannt. Sie beſah ihn immer und immer wieder, und ließ ihn dann in die Taſche ihres Kleides gleiten. Für das arme Mädchen war ein Thaler allerdings ein großer Schatz, denn wie fleißig mußte ſie ſpinnen, ehe ſie ſoviel beiſam⸗ men hatte!
Mit vergnügtem Sinne ob dieſes unerwarteten Glücks ſetzte ſie ihren Weg weiter fort. Das ſchnelle Steigen, denn ſie war ja den Verlierern der Uhr eiligſt nachgegan⸗ gen, die Freude über das Geſchenk und die Wärnie des weiter vorrückenden Tages, der ein ſehr heißer zu werden verſprach, hatte Lottchens Blut ein wenig ſtark in Aufre⸗ gung gebracht, ſo daß es ihr Bedürfniß wurde ſich etwas auszuruhen. Sie hatte den Weg zur Bergeshöhe zur Hälfte bereits zurückgelegt, und ſo durfte ſie wohl noch rechtzeitig zur Kirche kommen, wenn ſie auch jetzt ein Weil⸗ chen ruhte. Ein breiter moosbewachſener Stein, der ſich gerade hier am Wege befand, lud ganz ungeſucht dazu ein, und ſo ließ ſich denn Lottchen darauf nieder, und legte das Geſangbuch und den Blumenſtrauß in ihren Schooß. So ſaß ſie auf den Steine und ſchaute in das Thal zu ihren Füßen nieder, aus dem jetzt die Kirchgänger zum Berge
* Uovellen-Zeitung.
heraufſtiegen. Ueber ihr wirbelte in der reinen Himmels⸗ bläue die Lerche, und um ſie herum ſummten die Käfer und ſpielten die Mücken im Sougenſtrahl.
Man verzeihe dem armen Mädchen, daß recht welt⸗ liche Gedanken ihr Herz erfüllten, während ſie hier auf dem Steine ſaß. Sie mußte wieder und immer wieder an ihr heutiges Glück denken, und ſo nahm ſie den Thaler aus der Taſche, um ihn nochmals zu betrachten. Er war noch ziemlich neu und blinkte hell im Sonnenſchein. Zu⸗ nächſt mußte ſich ihr die Frage aufdrängen, was mit dem Gelde anzufangen ſei.„Kaufe Dir, was Du gern haſt und bedarfſt,“ hatte die Dame geſagt, und o, was hatte Lottchen nicht alles gern, und was bedurfte ſie nicht alles! Hatte ſie nicht zu ihrem Schreck heute wahrgenommen, daß ſie nothwendig einer neuen Kleidung bedürfe, und nun hatte ihr der liebe Gott dadurch, daß er ſie die Uhr finden ließ, ganz unerwartet die Mittel in die Hand gelegt und ihre Sorge gehoben. Ja, einen neuen Rock wollte ſie ſich von dem Gelde ſchaffen, auch wohl ein neues Mieder dazu. Und hatie ſie ein neues Kleid, dann durfte ſie ſich wohl auch ein Mal auf dem Tanzboden am Kirmesfeſte ſehen laſſen, ohne fürchten zu müſſen, von den reichen Bauers⸗ töchtern verlacht zu werden. Vielleicht ließe ſich auch noch ein Band in die Haare kaufen oder ein buntes Halstuch, und ſo konnte ſie ſich einmal putzen wie die andern Mäd⸗ chen, durfte auch einmal hübſch einhergehen und ſich ihrer Jugend freuen. Lottchen jauchzte bei dieſer Vorſtellung hell auf, dem armen Kinde, das bisher nur hatte entbeh⸗ ren müſſen, ſchien ſich auf einmal ein Himmel voll Luſt und Freude aufzuthun. O, es war ein wahrer Zauber⸗ thaler, den ſie in der Hand hielt. Wie ſo recht von Herzen lieb war er ihr jetzt, wie hätte ſie ihn nicht miſſen mögen! Ach, Geld zu haben, war doch eine gar zu ſchöne und be⸗ hagliche Sache; die Reichen wiſſen es nicht, wie es ihnen auf der Welt gut geht. Was wird Kilian ſagen, wenn er mich in dem neuen Kleide ſieht? das war ihr zweiter Ge⸗
Handlungsgehülfen wohnen in ziemlich unbequemen fenſterarmen
Blockhäuſern, die man aus übereinandergelegten Baumſtämmen
verfertigt, die Lücken mit Moos verſtopft und das Haus im Innern Trotz des Ofens iſt es oft ſo kalt in daß der Weingeiſt gefriert, die Wände und Betten mit Eis überzogen ſind. Weht der Nordwind mit Schnee⸗ geſtöber, ſo darf man ſich nicht vor der Thür aufhalten, da die feinen Eisſtacheln des Schnees in die Poren eindringen und ſchmerzhafte, ja tödtliche Geſchwüre erzeugen. Brod iſt in dieſen Häuſern nur eine Feſtſpeiſe; man lebt von Pemmikan, d. h. be⸗ ſonders zubereitetem und in Därme geſtopftem Fleiſch, welches ſo hart gefroren iſt, daß man ſich die täglichen Portionen mit dem Beile abhauen muß. Im Sommer peinigen Moskitos und ſchwarze Fliegen den Reiſenden ſo ſehr, daß er ſich den Winter berbeiwünſcht. Von dieſen Factoreien aus unternehmen die Commis auf Hundeſchlitten durch Schneewüſten weite Reiſen nach den Indianerlagern, ſchlafen unter freiem Himmel im Schnee und müſſen ſtets auf ihrer Hut ſein, daß ſie von raubgierigen und be⸗ trunkenen Indianern nicht erſchlagen werden. Mancher Commis ſchläft im ganzen Jahre nur einigemale unter einem Dache, friert und hungert, und doch gewöhnt er ſich ſo ſehr an das ungebundene Leben, daß er, wenn ſeine Dienſtzeit um iſt, nicht nach Europa zurück will, wo ſeine Familie wohnt. Biberfelle gelten hier als Rechnungsmünze, wie in Sibirien der Tabak.— So erzählt Friedrich Körner über den Pelzhandel, dem er in Ungarn noch näher ſteht, als wir in unſeren von Thieren ſchon ſo ſehr entvöl⸗ kerten Gegenden. 6.
Aus der Geſchichte.
Peusées et Maximes de Christine, reine de Suède.
Die Königin Chriſtine von Schweden, Tochter Guſtav Adolph's, der in der Schlacht bei Lützen am 6. November 1632 ſein Leben verlor, in Folge deſſen Chriſtine, die damals fünf Jahre alt war, den Thron beſtieg, während fünf Reichsräthe, welche die Vormundſchaft über ſie führten, die Regierung bis zum Jahr 1644 leiteken, von welcher Zeit an die Königin die Zügel der Regierung ſelbſt in die Hand nahm, bis ſie 1654 freiwillig auf die Krone verzichtete, um fern von ihrem Vaterlande den Glauben abzu⸗ ſchwören, für deſſen Schutz ihr eigner Vater ſein Blut vergoſſen, ja ſelbſt ſein Leben aufgeopfert hatte,— dieſe Chriſtine war bei allen ihren Schwächen und ihrer Veränderlichkeit dennoch eine merkwürdige pſychologiſche Erſcheinung, und das erklärt es hin⸗ länglich, daß der geachtete franzöſiſche Literat Saint Marc Girar⸗ din unter dem obigen Titel in dem Journal des Débats aus einem ſehr wenig bekannten Werke, das unter dem Titel„Mémoires concernant la reine Christine“ in der Mitte des vorigen Jahr⸗ hunderts(von 1757— 1760) von dem Bibliothekar des Landgrafen von Heſſen und ſpäteren königlich ſchwediſchen Hiſtoriographen Arckenholz in vier Quartbänden in Amſterdam erſchienen iſt, Ge⸗ danken und Maximen dieſer Königin mittheilt, um in dieſer Weiſe das leſende Publicum in den Stand zu ſetzen, zu einem richtigen urtheil über jene oft ſehr excentriſche Dame zu gelangen.
Zunächſt drängt ſich die Frage auf, ob dieſe Gedanken wirk⸗ lich von der Königin Chriſtine niedergeſchrieben worden ſind, und über dieſen Punkt ſcheint kein Zweifel berechtigt zu ſein. Chriſtine
ſtarb im Jahre 1689 in Rom, und Bayle ſpricht in einem Briefe,
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