Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
599
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ältere

gar zu niedlich aus, ſolch eine Uhr hatte Lottchen noch nie⸗ mals geſehen, denn Kilian's goldene Uhr, die er von ſei⸗ nem Vater ererbt hatte, war ein Ungeheuer gegen dieſe zu nennen. Sie hielt ſie an ihr Ohr, und richtig, die Uhr

tickte in einem fort, es war eine gewiſſe und wirkliche Uhr,

und nicht etwa zum Scheine. Welch ein Künſtler mochte die gemacht haben, und wie kam ſie hier in das Gras? Gewiß hatte ſie eins aus der Geſellſchaft, die ſoeben hin auf zur Kirche gegangen, verloren. Wenn ſich Lottchen recht ſputete, glaubte ſie wohl hoffen zu dürfen die Frem⸗ den noch einzuholen, die vielleicht nicht einmal den Verluſt des Kleinods bemerkt hatten. So ſchritt denn Charlotte rüſtig fürbaß, und da es bergauf ging, ſtieg ihr bald das Blut in die Wangen.

Sie war ſo ein Weilchen vorwärts gegangen, da ſah ſie die Dame, die freundlich mit ihr geſprochen, in Beglei⸗ tung eines Herrn haſtig bergab auf ſich zuſchreiten. Lott⸗ chen ahnte, daß dies wohl die Verliererin der Uhr ſei, und um ſie aus ihrer Sorge zu reißen, hielt ſie ihr die Uhr ſchon von ferue entgegen. Die fremde Dame wiakte freudig mit ihrem Tuche, und als ſie nahe genug gekom⸗ men war, rief ſie aus:Du haſt meine Uhr gefunden, liebe Kleine; wie freue ich mich, daß ſie in ſo ehrliche Hände kam!

Lottchen ſtutzte und blieb ſtehen, eine jähe Röthe ſchoß in ihr Antlitz. Wie denn, hätte ſie ſich denn die Uhr be⸗ halten können? Gewiß, ſie durfte ja nur ihren Fund ver⸗ leugnen. Und die Uhr war wohl viel, viel Geld werth, und wer ſie beſaß, beſaß einen wahren Schatz. Aber bei dieſem Gedanken, heraufbeſchworen durch die Worte der Fremden, ſchauderte Lottchen zuſammen, ſie dankte Gott im Herzen, daß er eine Verſuchung von ihr ferne gehalten, der ſie doch bei ihrer Armuth ſo leicht hätte erliegen kön⸗ nen. O wie ſchön war es doch, daß ſie jetzt nicht vor ſich und vor Andern zu erröthen brauchte, daß ſie frei ihr Auge zun: Himmel erheben kounte! Das Abſchiedswort

Dritte Folge.

der Großmutter fiel ihr ein, dachte ſie daran zurück.

Hätte ich nicht Blumen geſucht, ſo würde ich die Uhr vielleicht überſehen oder beim Vorübergehen gar entzwei⸗ getreten haben, ſagte Lottchen zu der Fremden und hän⸗ digte ihr die Uhr ein.

Dieſe bezeigte ſich ſehr erfreut über das Wiederfinden eines, wie es ſchien, ihr ſehr werthen Gegenſtandes, denn ſie barg das Kleinod in ihrem Buſen, indem ſie lächelnd ſagte:Jetzt wollen wir den Flüchtling ſo verwahren, daß er nicht mehr entfliehen kann.

Lottchen lächelte.Es iſt wohl ein liebes Andenken? fragte ſie beſcheiden.

Es iſt ein Geſchenk, das meine Schweſter von ihrem Bräutigam erhalten hat, antwortete der die Dame be⸗ gleitende Herr.

Die Dame erröthete lebhaft, und Lottchen ſagte: Ach, da begreife ich, daß Sie ſehr in Sorge ſein mußten.

Die Dame ſah das arme Mädchen bedeutſam an und fragte lächelnd:Trägſt auch Du vielleicht eine Liebe in Deinem Herzen?

Eine verrätheriſche Röthe ergoß ſich über Charlottens Geſicht.Wie ſollte ich! ſtammelte ſie verlegen.

Nun, nun, ich will Dein Herzensgeheimniß nicht neugierig erforſchen, ſagte gutmüthig die Fremde.

Ich hab keins, rief das Mädchen noch verwirrter, und um ferneren peinlichen Fragen auszuweichen, fragte ſie ſchnell, wie es wohl gekommen ſein möge, daß die Dame die Uhr verloren habe.

Dadurch, daß ich Deine Blumen in den Gürtel ſteckte, hat ſie ſich wielleicht ausgehakt, erklärte dieſelbe.

O, da iſt mein Sträußchen am Ende gar ſchuld, rief Lottchen aus.

Nicht doch, warum gab ich nicht beſſer Acht. Dir aber,

und mit gerührtem Herzen

Meſſen gebracht werden können. Der ruſſiſche Kaufmann reiſt einige tauſend Werſt, um die Waare an Ort und Stelle zu kaufen und zugleich europäiſche Artikel abzuſetzen. Dabei darf er unter⸗ wegs keinerlei Bequemlichkeiten erwarten, denn nur von Zeit zu Zeit berührt er ein kleines Städtchen oder ein Dorf im Walde; ordentlich gehaltene Straßen trifft er auch nicht, eben ſo wenig Brücken, behagliche Wirthshäuſer u. dgl. Er muß ſich alſo dar⸗ auf gefaßt machen, lange Wochen unter freiem Himmel bei grim⸗ miger Kälte zuzubringen und ſich für die Reiſe mit Lebensmitteln verſehen zu müſſen. Er reiſt mit ſeinen wenigen Begleitern auf Pferde⸗, Rennthier⸗ oder Hundeſchlitten. Langſamen Schritts arbeiten ſich die Pferde, eines hinter dem andern mit 280 Pfund Gepäck gehend, durch den pfadloſen Schnee. Der Reiſende, von oben bis unten in Pelz gewickelt, mit Pelzſtiefeln, die bis an den Leib reichen, mit Pelzlarve und Pelzhalskragen verſehen, ſitzt unbeweglich auf hohem Sattel, umweht von eiskaltem Nebel oder geblendet vom Sonnenſchein. Will er raſten, ſo ſucht er ein paſſendes Plätzchen im Schnee, ladet die Pferde ab, daß ſie ſich unter dem Schnee Futter ſuchen, macht ſich ein Feuer an, um ſich einen wärmenden Thee zu kochen und die gefrorenen Pelze auf⸗ thauen zu laſſen, und zieht dann bei Sternen⸗ und Nordlichtſchein weiter. Auch die fernwohnenden ſibiriſchen Jagdnomaden ge⸗ brauchen oft fünf bis ſechs Monate zu ihrer Reiſe nach dem Pelz⸗ markte, beſonders die Tſchuktſchen, deren Hauptmarkt drei Tage lang bei Oſtronowje abgehalten wird. Unter freiem Himmel ſtehen die rauchenden Zelte, Nordlichter leuchten, Schamanen trommeln, Hunde heulen, Koſaken caſſiren das Marktgeld ein, Ruſſen beten zu ihren Heiligen, dann gibt eine Flagge auf dem Thurme der aus 16 hölzernen Häuſern beſtehenden Stadt das

Zeichen zur Eröffnung des Marktes. Die Ruſſen ſtürzen in das Tſchuktſchenlager, welches einen Halbkreis bildet. Nun beginnt ein Feilſchen und Handeln, welches der mißtrauiſche Nomade ſchweigend anhört, die angebotene Waare ſorgfältig in der Hand wägt und den Kauf abſchließt. Ein Ball im Schnee beſchließt den Markt, auf welchem die Tſchuktſchen in ihren Pelzkleidern tanzen und die Muſik durch einen grunzenden Geſang erſetzen. Wieder anders, wenn auch nicht minder mühſelig, iſt der Pelz⸗ handel in den Hudſonsbayländern, deren ebene Landſtrecken von zahlreichen Seen bedeckt ſind, welche durch Stromſchnellen mit einander verbunden, oft aber ſeicht und ſtets mit ſcharfkantigen Steinblöcken beſetzt ſind. Wo ja die Verbindung dieſer natürlichen Canäle unterbrochen wird, da ſind doch dieſe Zwiſchenſtellen ſo ſchmal, daß man über ſolche Tragplätze, wie man ſie nennt, Waaren und Fahrzeug leicht tragen kann. Man befährt dieſe Canäle viele Meilen weit mit Canots von Birkenrinde, indem man dieſe über ein Gerippe von dünnem Tannenholz zieht, ſie mit Fichtenwurzeln zuſammennäht und mit Fichtenharz verklebt. Ein ſolches Canot wird 30 40 Fuß lang, 5 Fuß breit, hat 1 ½ Fuß Tiefgang und trägt außer 9 10 Ruderern noch 40 Cent⸗ ner Waare. Die Ruderer und Commis Voyageurs fahren täglich 18 Stunden, ſteigen an ſeichten Stellen ins 2 aſſer und ziehen ihr Fahrzeug, ſchleppen es an Seilen durch Stromſchnellen und tragen Canot ſammt Waaren über die Tragplätze. Im kurzen Sommer ſchafft man die Waaren aus den größeren Niederlaſſungen an den großen Seen nach den Blockhäuſern der Factoreien und Poſten, welche einſam und Tagereiſen weit von einander über das Handelsgebiet zerſtreut liegen. Aus England geht das Pelzſchiff

im Juli ab und kommt im Auguſt in Montreal und York an. Die

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