Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
597
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ſangbuch vor die Großmutter hin, um ihr auf ein paar Stunden Lebewohl zu ſagen.

Behüt Dich Gott auf Deinem Kirchgange, ſagte im herzlichen Tone die alte Frau, und Lottchen, die bald dar⸗ auf aus dem Hauſe trat, fühlte ſich wunderlich bewegt von dem Abſchiedsgruße der Großmutter. Schon oftmals in ihrem Leben war ſie ja zur Kirche gegangen, aber niemals hatte die Mutter ſie mit ſo bedeutſamen Worten entlaſſen. Sollte das eine Bedeutung haben, und welche denn, eine traurige oder fröhliche? Gewiß nur eine fröhliche, denn wen Gott behütet, der geht ſicher ſeinen Lebensweg und darf kein Ungemach fürchten. So dachte Lottchen, als ſie über der Großmutter Abſchiedswort nachſann, und ein frohes und ſicheres, ein unnennbar ſüßes Gefühl hob ihre Bruſt.

Da es noch ziemlich zeitig war, ſo begegneten noch wenig Kirchgänger dem hübſchen Lottchen, als ſie mit ſittſanem Anſtande durch das Dorf ging und die Leute, die etwa rechts und links vor den Thüren ſtanden, freundlich grüßte. Man erwiderte eben ſo freundlich ihren Gruß, und hin und wieder ſagte Jemand:Ei, Lottchen, gehſt Du ſchon ſo früh zur Kirche? Es iſt ja noch Zeit.

Ich will die Hitze vermeiden, verſetzte Lottchen, in Wahrheit aber hatte ſie noch einen zweiten Grund, warum ſie ſo zeitig zur Kirche ging. Ihrer reichen Pathe Sohn, der junge Kilian, pflegte auch öfters zur Kirche zu gehen, und ſo hatte es ſich häufig gefügt, daß ſie mit ihm auf dem Wege zuſammengetroffen war. Das wäre nun eben nichts weiter geweſen, denn ſie kannte ja den Kilian von Jugend auf, ſchou darum, weil er ihrer Pathe Sohn war; aber da ſie nun jetzt ein erwachſenes Mädchen war, ſo hatten böſe Zungen über dieſes zufällige Zuſammentreffen ihre Gloſſen gemacht. Das verdroß Lottchen aus tiefſtem Herzens⸗ grunde, denn wie hätte ſie, das armne Mädchen, auch nur daran denken ſollen, den reichſten Bauersſohn im Dorfe

für ſich zu gewinnen? Nein, ein ſolcher Gedanke blieb Lottchen fern, eine ſolche Anmaßung kam nicht in ihr Herz; auch war ihr ja Kilian jetzt nicht freundlicher als den an⸗ dern Mädchen des Dorfes begegnet, und ſie ſelbſt beſaß im vollſten Maße jenen Mädchenſtolz, der das eigne Herz verbirgt. Wie hätte ſie die Gefühle dieſes Herzens an die fremde kalte Menge verrathen ſollen, um ſich dem Spotte derſelben auszuſetzen, am wenigſten aber würde ſie dem ſtolzen Kilian einen Einblick in daſſelbe geſtattet haben. Sie vergaß keinen Augenblick den großen Abſtand zwiſchen ſich und ihm, und Kilian, das wußte ſie, vergaß es auch nicht. Dieſes Nichtvergeſſen von Seiten Kilian's zog zwiſchen Beiden die Scheidewand. Früher, da war es freilich anders geweſen, als ſie noch ein paar harmloſe Kinder waren, da hatte Kilian nicht nach ihrer Armuth und nicht nach ſeinem Reichthum gefragt. Aber das war nun einmal jetzt vorbei. Für ein ſo armes Mädchen wie ſie war der reiche Jüngling nicht geſchaffen, die Reichſte und Schönſte im Dorfe war wohl kaum ſeiner würdig.

Wenn ſie Kilian, ſo viel ſie konnte, zu vermeiden ſuchte, glaubte Lottchen alle böſen Zungen zum Schwei⸗ gen zu bringen. Kilian ſelbſt konnte dann wenigſtens nicht auf den Gedanken gerathen, daß ſie ſich irgend wie um ihn Mühe gebe. Sie hatte daher ſchen einige Zeit ihre Pathe nicht mehr beſucht, und heute ſtrebte ſie auch auf dem Kirchgange das Begegnen zu ver⸗ meiden.

Ihr Weg war ziemlich einſam, und das war ihr eben recht. Sie konnte ſich ganz dem Geuuſſe des ſchönen Morgens, der lieblichen Natur und ihren eigenen Gedau⸗ ken hingeben. Sie konnte ihr Herz ungeſtört zur Andacht ſtimmen, denn Lottchen war die Kirche noch der Ort, wo man eben hinging Gottes Wort zu hören und es gläubig aufzunehmen.

Es war ein mühſamer, aber nichtsdeſtoweniger wegen

OMeilen meſſen mögen. Dieſe Länder ſind von der Natur kärg⸗ lich ausgeſtattet, denn ſie haben lange, finſtere, ſchnee⸗ und ſturm⸗ reiche Winter, und einen kurzen glühendheißen Sommer. Tauſende von ◻Meilen ſind Schneewüſten, Sümpfe oder öde Stein⸗ labyrinthe; namentlich iſt die Meeresküſte ſchauerlich öde und unwirthlich; dagegen beginnt wieder im Süden unermeßlicher Urwald, welchen Nadel⸗ und Laubhölzer bilden, und welcher die Heimath zahlreicher Pelz⸗ und Rennthiere iſt. Getreidebau ge⸗ lingt ſelten in einigen günſtig gelegenen Thälern, die Kartoffel erreicht nur die Größe einer Nuß. Jene Gegenden können daher nur dünn bevölkert ſein, und die dort lebenden Volksſtämme müſſen dabei noch unſtät von einem Jagdplatz zum andern ziehn, bei der Kälte unter luftigen Zelten wohnen, und ſterben doch zu Tauſenden den Hungerstod, wenn die großen Jagden, die in ge⸗ wiſſen Zeiten angeſtellt werden, ſchlecht ausfallen. Daher ſind die Handelsgeſellſchaften, welche ſich in London und Moskau ge⸗ bildet haben, um alle Pelze aufzukaufen und mit ihnen Großhandel zu treiben, für jene Jagdnomaden eine große Wohlthat. Der Handel beſteht natürlich im Tauſche, und der Europäer verſorgt die Jäger nicht nur mit beſſeren Waffen, ſondern auch mit wollenen Kleidern, Mehl, Tabak und Branntwein. Der Jäger hat bei dieſem Handel alſo Gelegenheit, ſeine Waare zu verwerthen und ſich jene Bedürfniſſe zu verſchaffen, welche ihm den Aufenthalt in ſeinem unfreundlichen Vaterlande erleichtern. Ja, die Handels⸗ geſellſchaften geben den Jägern Vorſchüſſe, unterſtützen und er⸗ nähren ſie in Nothjahren und ſuchen ſie dahin zu bringen, auch Ackerbau da zu treiben, wo das Klima es erlaubt.

Jene Handelsgeſellſchaften und Pelze haben ſogar weltge⸗ ſchichtliche Bedeutung gewonnen, denn die Pelze waren der erſte

Anlaß, daß Rußland Sibirien, Kamtſchatka und die Weſt⸗ küſte Nordamerikas eroberte. Die Engländer ferner nahmen der Pelze wegen Canada in Beſitz und eine Handelsgeſellſchaft das Gebiet der Hudſonsbayländer, welche ſie bis an die Weſtküſte jen⸗ ſeits der Felſengebirge erweitert hat, ſodaß Privatleute gegen 100,000 ◻Meilen beſitzen. Auch die Art und Weiſe, wie ſie den Handelsbetrieb eingerichtet haben, iſt intereſſant, da wir im Winter, wenn Pelz, Mütze und Handſchuhe draußen, ein warmer Ofen im Zimmer uns ſchützen, kaum ahnen, welche Entbehrungen und Mühſeligkeiten Diejenigen auszuſtehen haben, welche uns aus Amerika und Sibirien die Pelze holen.

Als der granſame Czar Iwan Waſiljewitſch II. Kaſan und Aſtrachan erobert hatte, erwarb Stroganoff, des Czaren Günſt⸗ ling, dort große Beſitzungen und trieb einträglichen Handel mit der Tataren⸗Hauptſtadt Sibir, wo er um einen Spottpreis Tau⸗ ſende von Zobelpelzen kaufte. Als nun ein flüchtiger Koſaken⸗ Hetman, Yermak Timodajeff, zu ihm kam und Schutz gegen den Czaren ſuchte, forderte er dieſen zur Eroberung des Pelzlandes auf und verſchaffte ihm ſogar die Unterſtützung des Czaren, welcher durch Ueberſendung von 2400 Zobelpelzen für den Plan gewonnen wurde. Unter vielen Abenteuern und Gefahren, welche dem Eroberer endlich das Leben koſteten, wurde Weſt⸗Sibirien er⸗ obert, Tobolsk erbaut und die Eroberung bis an das Ochotskiſche Meer fortgeſetzt, und jetzt ſind jene menſchenarmen Gegenden für Rußland ſo wichtig, daß es den Baikalſee, den Amur und die Schilka bereits mit Dampfſchiffen befahren läßt. Als aber von Kamtſchatka und den amerikaniſchen Aleuten koſtbare Otterpelze gebracht wurden, wollten die Ruſſen auch jene Wüſten, winterlichen Länder und Inſeln beſitzen, eroberten ſie und waren nahe daran,