Nr. 38.) Dritte Folge 595
Novellen-Zeitung.
begießen, da bemerkte ſie zu ihrer Freude, daß die Entfal⸗ lung der Knospe ſchon ſo weit gediehen war, daß ſie durch die grüne Blätterhülle die rothe Farbe durchſchimmern ließ. Bewundernd ſtand ſie vor der ſich entwickelnden Knospe, die noch Schöneres zu verheißen ſchien, und in ihrer Herzensfreude, daß es ihr gelungen ſei, eine ſo hübſche Blume zur Entfaltung zu bringen, hauchte ſie ſogar einen Kuß auf die ſchwellende Knospe, die unter dieſer Berüh⸗ rung leiſe erbebte.
Nachdem ſie die Blume begoſſen und die Blätter von dem etwa angeſammelten Staube gereinigt hatte, ent⸗ fernte ſich das Mädchen vom Fenſter und begann ihr Kämmerchen, in dem es gar armnſelig ausſah, in Ordnung zu bringen. Das war nun eben kein Geſchäft, das viel Zeit erforderte, denn außer ihrem Bett, einer buntbemal⸗ ten Lade, einem kleinen wackligen Tiſche, der ſich mühſelig auf drei Beinen erhielt, und einem Schemel war eben nicht viel anderes Geräth in dieſen Raume zu finden. Das Geſchäft des Aufräumens, bei dem ſich das Mädchen ein heiteres Liedchen ſummte, war daher bald gethan, und nun ging ſie daran ſich ſelbſt für den Tag auzukleiden. Sie öffnete die erwähnte Lade, die ihre wenigen Habſeligkeiten enthielt, und holte daraus einen Rock von gedrucktem Kattun, ein eben ſolches Jäckchen, eine ſchwarze Merino⸗ ſchürze und ein blaues Halstuch hervor. Dann laugte ſie einen ſorgfältig in Papier eingeſchlagenen Gegenſtand heraus, entfernte die Umhüllung und hielt ein ſchwarz ein⸗ gebundenes Geſangbuch, mit einem goldenen Kreuz oben darauf, in der Hand. Es war dieſes Buch der größte b Schatz des armen Kindes, das ſonſt nichts an Kleinodien oder Geld und Geldeswerth beſaß. Es war das Confir⸗ mationsgeſchenk der Frau Pathe, der reichen Bäuerin, die da oben am Bergeshang das große Gut beſaß. Als ſie das Buch in der Hand hielt, ſchaute ſie ſinnend darauf nieder, dann flog ihr Blick, als wolle ſie Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden, zum offnen Fenſter hinaus und blieb einen Moment au den rothen Dächern des ſtattlichen Gehöftes ihrer Pathe hängen, die aus der Ferne herüberſchimmerten. Ihr Blick nahm hierbei einen etwas trüben Ausdruck an, und ein kleiner Seufzer entfloh ihren Lippen. Aber hierauf erröthete ſie lebhaft, als er⸗ tappe ſie ſich auf einem unmrechten Gedanken, und legte das Buch zu den übrigen Sachen.
Vor einem kleinen, halberblindeten Spiegel, dem ehe⸗ maligen Beſtandtheil eines größeren, flocht das Mädchen ihre ſchönen blonden Haare, die in üppiger Fülle ihr rei⸗ zendes Geſicht umgaben, in dicken Flechten zuſammen. Sie neigte dabei gar aumuthig ihr Haupt, als ſie die vollen Zöpfe mit ein paar verſilberten Nadeln aufſteckte, dem
V Der Kirchgang.
Eine Erzählung von A. S.
Die Sonne war aufgegangen. Der Tag mit ſeinem Lichte, mit ſeinem Leben hatte die Nacht mit ihrem ge⸗ heimnißvollen Dunkel, mit ihrem Schlummer verdrängt.
Unter dem grünen Laube des großen Birnbaums, deſſen
Zweige das niedrige Strohdach eines kleinen Häuschens beſchatteten, ſchmetterten ein paar Finken aus voller Bruſt ihren Morgengeſang, und leiſe öffnete ſich oben unter dem hache der Laden eines kleinen Fenſters, und ein roſiges Nädchenantlitz, das ſich ſoeben auch erſt dem Schlummer ntriſſen zu haben ſchien, lauſchte dahinter hervor und hörte it offenbarem Vergnügen den kleinen Sängern zu, die ſich eigens dies ſchattige Plätzchen erwählt zu haben ſchienen, um dem hübſchen Kinde einen Morgengruß zu bringen. „Das iſt ja ein herrlicher Sountagmorgen,“ rief end⸗ lich das hübſche Mädchen, bog ſich weiter aus dem kleinen Fenſter, wandte ihren Blick dem leuchtenden Soanenglanze entgegen und badete ihr Antlitz in der friſchen reinen Morgenluft, die ihr balſamiſch von den ringsumgebenden Bergen entgegenſtrömte. Die feierliche Ruhe eines Sonn⸗ tagmorgens lag auf der ganzen Natur, verſtummt war das Geräuſch des Alltaglebens, und ſo konnte man ganz deut⸗ lich den fernen Klang eines Glöckchens vernehmen, den der Windhauch von der Bergeshöhe in das Thal hernieder zu tragen ſchien.
Das junge Mädchen am Dachfenſter, das mit innigem Behagen und reiner Luſt ſich dem belebenden Eindrucke dieſes ſchönen Sommermorgens hingegeben hatte, faltete beim Klange der Morgenglocke andächtig die Hände zuſam⸗ inen, neigte den blonden Lockenkopf, und ein wortloſes und kindliches Gebet ſchwebte auf ihren friſchen Lippen und ſteeg aus einem reinen Herzen zum Himmel empor.
Am Fenſter ſtanden ein paar Blumentöpfe, ein Myr⸗ then⸗ und ein Roſenſtock; ſie waren wohl der einzige Schmuck des kleinen Dachkämmerchens. Die Nachbarin hatte ſie als nutzloſe Ableger dem Mädchen gegeben, und jetzt grünte die Myrthe herrlich und die Roſe hatte ſchon ein Knöspchen getrieben. Das machte dem jungen Mäd⸗ chen gar viele Freude, ſie hatte die Zweige gehegt und ge⸗ pflegt, und weil ſie ſich ſo viel Mühe mit ihnen gegeben,
darum waren ſie ihr auch ſo lieb. Das Röschen hatte
ſich zuſehends entwickelt, und als jetzt das junge Mädchen „ 136 mit einem Waſſerkrüglein herzutrat, um ihre Blumen zu
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