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gen und mit einer ſehr großen Naſe ausgeſtattet, ſeine hohe Stiru trug das Gepräge des Scharfſinns. Um die feingeſchnittenen Lippen ſpielte gewöhnlich ein ſarkaſtiſches Lächeln, hinter welchem ſich entweder eine boshafte Be⸗ merkung oder Gott Bacchus barg, dem er mit ganzer Seele ergeben war.— Seine Verehrung für dieſen heidniſchen Gott veranlaßte einmal eine höchſt drollige Scene.
Zuweilen lud Goethe auch einige ſeiner Eleven zum Mittageſſen ein. Mir war eines Tages ebenfalls dies Glück zu Theil geworden.
Goethe verlangte von ſeinen Untergebenen, und na⸗ mentlich von ſeinen Hausgenoſſen, die größte Pünktlichkeit, vor ein Uhr mußte Alles verſammelt ſein. Gerade an dem Tage, wo ich die Ehre hatte bei dem Meiſter zu ſpei⸗ ſen, traf es ſich, daß John ausblieb. Wir ſetzten uns ohne ihn zu Tiſche, und Goethe ſchien ſehr ungehalten zu ſein. Da öffnete ſich endlich die Thür, und der Verbrecher trat mit ungeheurer Grandezza herein und machte vie cere⸗ moniöſeſte Verbeugung. Goethe wollte ihm wahrſcheinlich eine Bemerkung anzuhören geben, aber das Wort erſtarb ihm beim Aublick des Miſſethäters auf der Lippe. Die Rieſennaſe deſſelben war mit Puder bedeckt, unter dem ein purpurner Schimmer hervorleuchtete. Dem Anſchein nach war dieſer hervorſtehende Theil ſeines Geſichtes mit einem Prellſtein in zu nahe Berührung gekommen, und der Pu⸗ der ſollte die Folgen verdecken. Goethe war ſelten aus ſeiner gemeſſenen Haltung zu bringen, aber hier war es denn doch damit zu Ende, er erhob ſich und begab ſich lachend in das andere Zimmer. Seine Entfernung war das Signal zum allgemeinen Gelächter, bei welchem ſich John ganz verwundert umblickte und fragte:„Warum hat mein Eintritt ſo allgemeine Heiterkeit erregt?“
„John,“ rief der junge Goethe,„was für ein Zufall hat Ihre Naſe mit einem Mehlſack in Berührung ge⸗
Uovellen-Zeitung.
[VIII. Jahrg.
und augenblicklich entfernte er ſich. Der Meiſter trat wieder ein und begab ſich ohne jegliche Bemerkung auf ſeinen Platz, nur ſeine Gemahlin ſagte:„Lieber Geheim⸗ rath, John läßt ſich entſchuldigen, er iſt nicht ganz wohl.“
„Nun, dann ſervire man ihm auf ſeinem Zimmer,“ erwiderte Goethe, und damit war die Sache ein für alle⸗ mal abgethan.
Frau von Goethe war ſehr lebensluſtig, aber dabei voll Güte und Liebenswürdigkeit; wo ſie Jemand eine Freude machen oder Hülfe leiſten konnte, ſo geſchah es mit Wohl⸗ wollen und Uneigennützigkeit. Sie liebte es, junge Leute um ſich zu haben, und nahm öfters Theil an deren muth willigen heitern Spielen. In„die Luſtigen von Weimar“ beſchreibt Goethe die Eintheilung ihrer Tage, nur daß die Fahrten nach Jena höchſtens alle vier Wochen ſtattfanden; aber Donnerſtag, Montag, Dienſtag und Mittwoch waren zumeiſt ſtehend. Donnerſtags fuhr ſie mit der Ullrich und noch einigen jungen Damen nach Belvedere, wohin ſich auch ihr gewöhnlicher Cirkel von jungen Mädchen und Männern begab. Da wurde zunächſt Kaffee getrunken,
dann in den Park gegangen, dort Geſellſchaftsſpiele vor⸗
genommen und die Schaukeln benutzt. Dienſtags war das ſchon erwähnte Spielkränzchen, Montags und Mittwochs ihre Theaterabende. Bei aller Vergnügungsluſt war ſie jedech eine der trefflichſten Hausfrauen und die aufmerk⸗ ſamſte Gattin, die es geben konnte.
Wie ſein erhabener Fürſt und Freund, ſo war auch Goethe ein Mann nach der Uhr und machte die Glocke zu ſeiner Herrin. Früh um ſechs Uhr im Winter, im Som⸗ mer um vier Uhr verließ er ſein Bett, deſſen Geſtell nicht aus Mahagonihelz gefertigt und mit Goldleiſten verbrämt, noch mit ſeidenen Decken und Kiſſeu ausgefüllt war, ſon⸗ dern aus braungebeiztem weichen Holze, einer Matratze und gewöhnlicher Decke und Kiſſen beſtand. Außerdenmn
bracht?“ Damit war für den Armen das Räthſel gelöſt,
befand ſich in dem nur geweißten, einfenſtrigen Kämmerchen
Durch den entzückten Himmel hin; Der Schatten eines Prieſters ſchwebt Herauf, vom Lobgeſang erbebt
Der Himmel:„Leuchte wie ein Stern; Komm, Du Geſegneter des Herrn!“ Mit Abraham und Iſaak ſaß
Der Selige zu Tiſch und aß
Das erſtemal Ambroſia;
Und Amen und Hallelujah
Sang laut der Seraphinen Chor
Um des entzückten Prieſters Ohr. Und erſt am Himmelsabend kam
St. Peter vor das Thor und nahm Mit ſich den armen Bauersmann
Und wies ihm auch ſein Plätzchen an. Der Bauer faßte wieder Muth
Und ſprach:„Herr Peter, ſei ſo gut Und ſag' mir, warum war denn heut' Im Himmel ſolche große Freud'?“ „Sahſt Du's denn nicht?“ ſagt Peter drauf, „Ein frommer Prieſter ſchwebt herauf, Drum hat ob ſeiner Seligkeit
Der Himmel ſolche große Freud'!“ „So müſſen,“ fiel der Bauer ein, „Im Himmel lauter Feſte ſein, Weil's ja viel tauſend Prieſter gibt, Und Jeder ſeinen Herrgott liebt.“ St. Peter lachte laut dazu
Und ſprach:„Du liebe Einfalt Du!
Ich, der ich bald zweitauſend Jahr Thürhüter in dem Himmel war, Hab' vor den Pfaffen gute Ruh'; Doch ſolche Bauernkerls wie Du,
Die kommen oft ſo häufig an, Daß ich ſie nimmer zählen kann.“ Dies Märchen hat Hans Sachs erdacht Und es in Knittelvers gebracht;— Doch ärgert's Dich, mein frommer Chriſt, So denk, daß es ein Märchen iſt!
Odaliskentänze.
Ueberall ſpielen bei den Arabern die Tänzerinnen eine nicht unwichtige Rolle, ſo weit das Vergnügen in Frage kommt. Sie ergötzen den ernſten Mann in den Oaſen der Wüſte oder in den Kaffeehäuſern der Stadt. Wie bei uns ein großer Theil der Har⸗ fenmädchen aus einigen Theilen des nördlichen Böhmens kommt, ſo ſtammen die Tänzerinnen im ſüdöſtlichen Algier aus dem Sa⸗ haraſtamme der Uled Nail. Die Odalisken deſſelben ziehen einige Jahre lang umher, ſammeln ſich durch ihre Künſte ein klei⸗ nes Capital, kehren dann heim zu ihrem Stamme und verheirathen ſich. Dann nehmen Mädchen von jüngerem Nachwuchs ihre Stelle ein. Ein Reiſender erzählt: 1 In der Stadt Biskra ging ich in ein Kaffeehaus. Gleich nachher kamen zwei Tänzerinnen und ſetzten ſich auf eine Bank. Man forderte ſie auf die Anweſenden zu ergötzen; die Eine wei⸗ gerte ſich aus irgend einem Grunde, aber die Zweite war willig,
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