Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
586
Einzelbild herunterladen

586 wunden von ſeiner hinreißenden Beredſamkeit, die tief aus einem großen Herzen ſtrömte, ein Todesurtheil zurück⸗ nahm, als wenn ich, Euch und andern meiner Räthe fol⸗ gend, die Strenge der Geſetze walten ließ. Doch, ſo fuhr er mit ſtrenger Stimme fort,Ihr wollt es, daß ich ein abſoluter König ſei, daß ich ſchnell jedes menſchliche Gefühl, ehe es Wurzel ſchlägt, in mir bekämpfen ſoll. Statt in den Herzen meiner Unterthanen zu herrſchen, ſoll ich ein Volk von Sclaven beherrſchen! Nur ſo meint Ihr, kann die Stellung eines Königs ſein, deſſen Reich ſich über zwei Welttheile erſtreckt. Wohlan, es mag ſein! Ihr ſelbſt wollt es, daß ich ſo glaube und handle; tragt denn auch die Folgen, wenn Ihr vielleicht zu ſpät einſeht, daß Ihr Euch geurrt habt!*) Vernehmt, ſo ſetzte der König hinzu, indem er in die frühere Ruhe zurückfiel,daß ich wegen meiner königlichen Macht und noch aus andern Gründen den Grafen Mendoza ſeiner ſämmtlichen Aemter doch in Guaden, entlaſſen habe; außerdem iſt derſelbe, um außer allen Staatsverhältniſſen hinfüro zu ſtehen, ſtreng auf den Aufenthalt innerhalb ſeiner Beſitzungen im König⸗ reiche Valencia beſchränkt. Dem königlichen Anſehen iſt dadurch Genüge geleiſtet! Fordert nicht, daß Wir noch ſtrenger gegen ihn verfahren! Wir haben ihm manches

*) Don Felix Elio, durch ſeine in beiden Hemiſphären als Gouverneur verübten Grauſamkeiten bekannt, ſtarb in Valencia den Tod durch Henkershand am 4. September 1822, nachdem er zuvor degradirt und aller ſeiner Orden und Ehrenzeichen durch den Nachrichter beraubt war. Das Volk hatte ſowohl ihn, als den durch ähnliche Schauderthaten, wie die von Elio in Valencia begangen waren, berüchtigten vormaligen Kriegsminiſter Eguia, nachdem die Conſtitution von 1812 wieder hergeſtellt war, zur Verantwortung gezogen, doch nur den Erſten traf die gerechte Strafe, während Eguia nach Frankreich entfloh. Während Elios Verwaltung zu Valencia ließ er, außer denen, welche hingerichtet wurden, 119 innerhalb ſechs Jahren foltern. Auf dieſe Art ſtarb in den Kerkern der Inquiſition eine Frau unter den Qualen der Tortur, welche wenige Tage vorher von Zwillingen entbun⸗ den war.

(VIII. Jahrg.

Gute zu verdanken, und überdies, Sennor General, wollt Ihr, der Ihr doch einmal ein ſo feſter Vertheidiger des geſchichtlichen Rechts zu ſein behauptet, auch wohl erwä⸗ gen, daß der Graf ein Nachkömmling von Don Diego Hurtado de Mendoza iſt, der, gleich berühmt als Staats⸗ mann und als Feldherr, Unſerm großen Ahnherrn Carl V. wichtige Dienſte leiſtete, die Wir dem Enkel jetzt in Unſe⸗ rer Gnade auzurechnen Uns bewogen finden. Den Offi⸗ cier, der ſich ſo eifrig in unſern Intereſſen bewieſen hat, werde ich dem Kriegsminiſter zu einer höheren Anſtellung in Unſern überſeeiſchen Beſitzungen empfehlen, wo ſich die Getreuen ohnehin jetzt mit jedem Tage mindern. Ihr ſeid entlaſſen, General!*)

Elio verließ das Cabinet zwar betreten über des Kö⸗ nigs Worte und getäuſcht in der Erwartung, Don Men⸗ doza ſofort als Hochverräther vor Gericht geſtellt zu ſehen, jedoch fühlte er ſich inſofern befriedigt, als ſchon wieder einer der wenigen Männer, die es wahrhaft wohl mit dem Könige meinten, ſeines unmüttelbaren Einfluſſes auf den Monarchen beraubt, aus dem bisherigen ſo edeln Wirkungs⸗ kreis gänzlich ausgeſchieden war. Er wußte, wie er den König kannte, daß jetzt nicht viel mehr dazu gehörte, ihn zum unverſöhnlichſten Haſſe gegen ihn zu entflammen.

Wenige Monate ſpäter wurde eine Correſpondenz auf⸗ gefangen, worin ſich Don Mendoza ohne Hehl über die täglich überhandnehmenden Zerwürfniſſe zwiſchen Land und Hof, welche die alten Cortesmitglieder zur heftigſten Oppoſition gegen die alte Camarilla entflammten, ausge⸗ ſprochen hatte. Die Correſpondenz hatte zwiſchen dem Grafen und Don Velasco de Gama, einem alten Cortes⸗ mitgliede, der ſich gleich nach der gewaltſamen Auflöſung der Cortes bei der Rückkehr des Königs in die Vereinig⸗ ten Staaten von Nordamerika zurückgezogen, ſtattgefunden.

*) Dieſe Worte ſind des Beichtvaters Esquoiguiz Nach⸗ richten über das Privatleben des Königs Ferdinand entnommen.

ungleich ſind, mag Jeder für ſich auszumachen verſuchen. Sagen

wir nicht von zufälligen Bekanntſchaften, nach einem halbſtündigen Geſpräche, ja nachdem wir eine halbe Stunde nur in einem Zimmer mit ihr verbracht haben, die Dame wiſſe ſich vortrefflich zu beneh⸗ men, eine andere nicht? Der Contraſt beſteht überall, nirgends aber ſo ſtark als in Amerika. An anderen Orten ſind die Frauen anſtändig, vornehm oder gemein, in Amerika dagegen reizend oder widerwärtig.

Man ſehe die in Broadway hingehen. Sie iſt nicht gerade ſo wie jene, welche ich bei dem Eintritte in einen Straßenbahn⸗ wagen zu beſchreiben verſuchte, denn ſie iſt gut gekleidet, wenn feine Sachen dasgut gekleidet allein ausmachen. Die Stahl⸗ reifen oder Drähte ihrer Crinoline ſind nicht gebrochen oder ver⸗ bogen, und ſie hat überhaupt in Allem Aufwand gemacht. Dennoch iſt ſie eine Copie der anderen. Man ſehe nur, wie ſie die Schleppe über das Straßenpflaſter zieht, wo Hunde und Tabakskauer ge⸗ weſen ſind und Alles, was zu Schmuz gehört, nur nicht ein Weg⸗ räumer deſſelben. Alle hundert Schritte tritt irgend ein Unglück⸗ licher auf die ſeidene Schleppe, die ſie nachſchleift, und dann betrachte man das Geſicht und den Ausdruck der Züge, mit welchen ſie des Sünders halb gemurmelte Entſchuldigung annimmt. Die Welt, nimmt ſie an, iſt ihr wegen der ſeidenen Schleppe Alles ſchuldig, ſogar Platz genug in den dichteſten Straßen, damit ſie den Schweif gemächlich ſchleppen könne. Sie dagegen iſt, ihrer An⸗ ſicht nach, der Welt gar nichts ſchuldig. Sie trägt vielleicht den Werth von hundert Dollars auf dem Leibe, und da ſie der Welt die Ehre erzeigt, dies vor den Augen der Welt zu tragen, ſo er⸗ wartet ſie dafür von der Welt Huldigung und Ritterlichkeit. Aber die Ritterlichkeit iſt ihr nichts ſchuldig, gar nichts, und wenn ſie

hundertmal hundert Dollars an ſich trüge, nichts und obgleich ſie ein Weib iſt. Möge es doch ja eine Jede bedenken, daß die Ritter⸗

lichkeit ihr nichts ſchuldet, wenn ſie es nicht durch Dank anerkennt. Sie muß es anerkennen und vergelten, dann wird die Ritterlichkeit ſich nicht bedenken und nicht zögern, allen ihren Forderungen ge⸗ recht zu werden.

Aus der Gegenwart.

Erſteigung der Jungfrau.

Am 20. Juli c. gelang es dem Herrn Tioly aus Genf, der von zwei Führern begleitet war, nach Beſiegung unzähliger Schwierigkeiten, den höchſten, 12,827 Fuß über dem Meeresſpie⸗ gel liegenden Gipfel der Jungfrau zu erreichen. Nach einem Aufenthalt von zehn Minuten, während deſſen es ihnen wegen des heftigen, eiſigen Windes nicht einmal möglich war, eine Fahne aufzupflanzen, ſahen die Reiſenden ſich genöthigt, den Rückweg anzutreten.

V Ein Engländer, Namens Dindel, der ſich mit drei Führern ebenfalls auf den Weg begeben hatte, um dieſelbe Erſteigung vor⸗ Auf einem der Aletſchgletſcher

zunehmen, war weniger glücklich. V es gibt deren drei, der große, der obere, der mittlere, die ſich

zehn Meilen lang am ſüdlichen Abhang der Jungfrau hinziehen V fiel einer der Führer in Folge eines falſchen Schrittes in eine

fünfzig Fuß tiefe Kluft hinab, und ſeine Gefährten vermochten nur mit eigener Lebensgefahr ihn zu retten. Dieſer traurige Un⸗ V fall machte der Expedition ein ſchnelles Ende. C.