Uovellen-Zeitung.
Ein Bildniß aus Leſſing's Knahenzeit. Das Original befindet ſich im Leſſingſtifte zu Kamenz. Photographie nach Zeichnung von A. Clauß.
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Herr Profeſſor Dr. H. Hettner ſagt im Dresdner Journal 1862 Nr. 126 über das vorliegende Blatt Folgendes: war am 12. November 1732 geboren, ſtudirte ſeit 1751 in Wittenberg, war ſpäter Conrector in Pirna und ſtarb am 6. October 1808 als Rector in Chenmitz. Er hat ſich durch nichts ausgezeichnet, als durch ſeine Geſchicklich⸗ keit, lateiniſche Verſe zu machen.
Karl Leſſing, der Biograph ſeines großen Bruders, erzählt aus Leſſing's Kindheit folgenden ſehr bezeichnenden Zug:„Als ein Maler ihn im fünften Jahre mit einem Bauer, in welchem ein Vogel ſaß, malen wollte, hatte
dieſer Vorſchlag, ſeine gauze kindiſche Mißbilligung.„„Mit wenn er den Maler
einem großen, großen Haufen Bücher müſſen Sie mich malen oder ich mag lieber gar nicht gemalt ſein““. Der Maler that es, und wer das Gemälde ſah, erfuhr dieſe Anekdote. Es war eben der Maler, der ihn nachher im Zeichnen unterrichtete und ihm frühzeitig Geſchmack an den bildenden Künſten beibrachte. Denn, wie Leſſing oft erzählte, war er kein ganz ſchlechter Künſtler und beſaß ſo⸗ gar etwas Kunſtgelehrſamkeit. Wie er ſich aber nach Ka⸗ menz verirrt hatte, weiß Gott.“
Dieſes Bildniß galt bisher als verloren. Ich war daher nicht wenig erſtaunt und erfreut, als ich vor etwa drei Jahren auf einem kleinen Sommerausfluge, den ich mit einem Freunde nach der Geburtsſtadt Leſſing's machte, es unerwartet vort in dem ſogenannten Leſſingsſtift fand. Man erzählte mir, es ſei auf einer Dachkammer der Kirche unter altem Gerümpel verſteckt geweſen.
Das Bild iſt nicht, wie die Schilderung des Biogra⸗ phen, der es auch ſeinerſeits offenbar nur vom Hörenſagen kannte, vermuthen läßt, ein einzelnes Portrait, ſondern ein Bild mit einer portraithaften Knabengruppe. Rechts ſitzt der junge Gotthold Ephraim Leſſing, nicht im Alter von fünf, ſondern etwa von ſieben bis acht Jahren; fröhlich aufblickend hat er die linke Hand auf ein auf ſeinen Knieen liegendes offenes Buch gelegt, während er die Rechte nach einigen andern Büchern ausſtreckt, welche zu ſeinen Füßen liegen. Links ſitzt ein jüngerer ein kleines Lamm ſteht, dem der Knabe mit kindlichem
Wunſch aus, daß dieſes Bruder, an deſſen Seite die andere
Leſſing hat völlig Recht gehabt, dieſes Bildes einen in ſeiner Art nicht untüchtigen Künſt⸗ ler nannte. Freilich leidet das Bild an argen Verzeich⸗ nungen, namentlich in der Behandlung des Unterkörpers; aber im Ganzen macht es einen erfreulichen Eindruck. Die Gruppe iſt ſehr gefällig und maleriſch angeordnet; in den Farben liegt, obgleich ſie ſehr nachgedunkelt ſind, eine glückliche Stimmung; der landſchaftliche Hintergrund iſt weit und liebevoll ausgeführt. Und vor Allem der Aus⸗ druck der kindlichen Geſichter ſelbſt iſt unbefangen und äußerſt lebendig und anſprechend. Es iſt merkwürdig, zu ſehen, wie feſt und beſtimmt in den Geſichtszügen des Knaben die Geſichtszüge des Mannes bereits vorgezeichnet erſcheinen. Hohe Stirn, weite, helle, offene, geiſtreiche Augen, die Naſe breit und euergiſch vortretend, um den Mund ein munteres und freundliches Lächelu. Es iſt kein ſchöner Knabe, aber ein Knabe voll kecker Lebhaftigkeit und klar ausgeſprochener Begabung.
Schon früher ſuchte ich in den Blättern für literariſche Unterhaltung und in einigen audern Zeitſchriften die all⸗ gemeinere Aufmerkſamkeit auf dieſes Bild zu lenken. Auf Grund dieſer Mittheilungen hat die Erwähnung deſſelben nunmehr auch in die zweite Auflage von Stahr's Leſſing⸗ biographie Eingang gefunden. Ich ſprach damals den Bild recht bald auf die eine oder Es gibt wohl kein
Art vervielfältigt werde. Männern ein ſo
weites Beiſpiel, daß wir von großen
Sinn eine Aehre reicht. Gotthold Ephraim Leſſing iſt frühzeitiges Jugendbild beſitzen. 3 mit modiſcher Eleganz in rothen Rock, rothe Hoſen und Jetzt iſt dieſer Wunſch verwirklicht. Ein junger hie⸗ rothe Strümpfe gekleidet. Der jüngere Bruder trägt ein ſiger Künſtler, Herr Clauß aus Kamenz, hat eine ſehr ſchwarzes Kleid; in ſeiner ganzen Haltung iſt Etwas, was V treue und überaus gelungene Nachzeichnung dieſes Bildes auf einen künftigen Prediger deutet. In Kamenz hat man gemacht und Photographien derſelben der Buchhandlung bei der Auffindung des Bildes leider auf das Bild ſelbſt des Herrn Ernſt am Ende in Commiſſion übergeben. eine Inſchrift geſchrieben, nach welcher dieſer beigemalte Eine Phetographirung des Urbildes ſelbſt war bei dem jüngere Bruder als Karl Leſſing bezeichnet wird. Dies verletzten Zuſtande deſſelben unmöglich. Dieſe Photo⸗ iſt entſchieden unrichtig. Karl, der jüngſte unter allen graphie verdient die wärmſte Empfehlung. Wer freut ſich Geſchwiſtern Leſſing's, war zu jeuer Zeit noch nicht gebo⸗ nicht, zu wiſſen, wie Leſſing als Knabe ausſah 2 Und es ren. Dieſer Bruder iſt vielmehr Theophilus Leſſing, nur iſt ein Portrait, das die Bürgſchaft der Wahrheit in ſich um zwei Jahre jünger als Gotthold Ephraim Leſſing. Er ſelbſt trägt.
Dresden, Ch. G. Ernſt am Ende.
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig.— Verlag von Alphons Dürr in Leipzi
g.— Druck von Gieſeckt& Devrient in Leipzig⸗


