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Jahug Nr. 36.).
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Ein Graf von Oſtfriesland.
Hiſtoriſche Novelle von
A. Hrlog.
(Schluß.) IX. Das Gericht.
Der hohe Gerichtshof zur Aburtheilung des Grafen Johann von Oſtfriesland und ſeiner etwaigen Mitſchuldi⸗
V gen, wider den die Anklage auf Hochverrath und Maje⸗
ſtätsbeleidigung lautete, wurde vom Kanzler Swante Sture unter Vorſitz ſeines Vetters, des Staatsraths
Grafen Löwenhaupt, gebildet und begann alsbald ſeine Es war ihm jedoch nicht geſtattet, die Mit⸗
Thätigkeit. glieder des königlichen Hauſes zu vernehmen; nur der Hauptdelinquent, Enno von Norden, die Gräfin Skitte, Chevalier de Mornay und andere untergeordnete Augen⸗ zeugen der Kataſtrophe von Wadſtena wurden vor die Schranken des Gerichts citirt. Sehr bald ließ ſich erken⸗ neu, daß der Gerichtshof von einem Sture beſtellt und von einem Mitglied der Sture'ſchen Partei geleitet wurde; man war allein darauf bedacht, das volle Maß der Schuld auf den Grafen Johann auszuſchütten und die übrigen Betheiligten, namentlich die Gräfin Skitte, vollſtändig vorwurfsfrei erſcheinen zu laſſen.— Zwar protokollirte man die unumwundene Ausſage Hans' von Oſtfriesland, welche die Verrätherei der Gräfin Skitte in's hellſte Licht ſetzte und beſonders dabei verweilte, daß ſie die letzte ver⸗ hängnißvolle Zuſammenkunft mittelſt der Strickleiter herbeigeführt habe; allein man nahm dieſelbe von vorn⸗ herein als Lügengewebe, vermöge deſſen der Delinquent zu entſchlüpfen trachte.
Hierin wurde man beſtärkt, als die Oberhofmeiſterin vollſtäudig unbefangen erſchien und angab, daß ſie nichts von der ſträflichen Neigung des Angeklagten zur Prinzeſſin geahnt, vielmehr geglaubt habe, die jugendliche Schwär⸗ merei derſelben gelte dem Gefährten früherer Tage, Nil Sture. Sie fügte hinzu, daß ſchlaue Ränke geſpielt haben müßten, um ihre ſtete Wachſamkeit zu täuſchen, doch ſei dieſe auf einer Reiſe mit wechſelnden Wohnungen ohnehin
leicht irre zu führen.
Der Chevalier de Mornay rechtfertigte ſeine freiwillige Wache dadurch, daß er ſchon ſtets Verdacht gegen den Gra⸗ fen von Oſtfriesland wegen ſeines heimlichen Weſens ge⸗
Dritte Solge.
habt habe, auch ſei er faſt nie des Abends in der Trink⸗ halle geweſen. In Wadſtena habe derſelbe große Unruhe gezeigt, und deßhalb er, Zeuge, ſich entſchloſſen die Wache zu übernehmen, um den Verdächtigen beſſer beobachten und jede Ungebühr verhüten zu können. Leider ſei die Finſterniß ſo groß geweſen, daß er das Attentat erſt au der herabhängenden Strickleiter entdeckt und dann ſofort ge⸗ meldet habe.
Dieſe Ausſagen ſchienen dem Gerichtshof willkommen; der einzige Entlaſtungszeuge, Enno von Norden, wurde verworfen, vielmehr des Einverſtändniſſes mit dem Haupt⸗ angeklagten, durch die Entwaffnung des Kronprinzen, ſchuldig befunden.
Man ſchritt zum Spruch, und einmüthig lautete der⸗ ſelbe wegen Hochverraths an der Krone Schweden und wegen Beleidigung der königlichen Familie wider den Gra⸗ fen Johaun von Oſtfriesland auf Tod, wider Enno von Norden, als Mitwiſſer, auf Landesverweiſung. Alle Uebrigen wurden als ſchuldlos gänzlich freigeſprochen. Die⸗ ſes Urtheil ward mit den Verhandlungen dem Könige zur Beſtätigung vorgelegt.—
Sobald dies bekannt geworden, ſchickte der frieſiſche Kanzler Weſten Botſchaften nach Aurich und im Namen ſeines Souverains an alle befreundeten Höfe Deutſchlands, mit der Bitte, wider dieſes ungegründete Urtheil zu pro⸗ teſtiren. Er ſelbſt legte ſeitens ſeiner Regierung ſofort feierlich Proteſt ein. Seine Bemühungen waren nicht erfolglos: Kurfürſt Joachim Hector von Brandenburg, der Erzbiſchof von Magdehurg, die Herzöge von Mecklenburg und faſt alle mit Schweden befreundeten proteſtantiſchen Höfe Deutſchlands proteſtirten wider die Anklage auf Hochverrath, die ſich wider einen freien deutſchen Fürſten aus den vorliegenden Thatſachen nicht herleiten laſſe. Im Uebrigen that man Fürbitte und ertheilte Rathſchläge zur Mäßigung.
Der König achtete nicht ſonderlich darauf, aber ernſt und gewiſſenhaft prüfte er die Protokolle und Verhand⸗ lungen des Proceſſes. Bisher hatte er weder den Prin⸗ zen Erich, noch die Prinzeß Cäcilie wiedergeſehen. Letztere lebte einſam, in ihrem Gemach eingeſchloſſen, ein Leben der traurigen Klage; ſie zitterte für das bedrohte Haupt des Geliebten und fragte jeden Morgen die Wärterin unter Thränen, ob der König das grauſame Erkenntuiß beſtätigt habe. Wie freudig ſchrak ſie daher zuſammen, als eine Hefdame erſchien und ihr ankündigte, der König habe ſie zu ſich beſchieden. Furcht und Hoffnung kämpften in ihrer Seele miteinander, denn ſie ahnte, daß ein wichtiger Schritt geſchähe. Allein die Ausſicht, für den Geliebten ein rettendes Wort einlegen zu könuen, bemeiſterte ihre


