Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
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gewöhnliche Sitte war, ſo wiſſen die Dichter viel Herr⸗ liches davon zu erzählen. Die Zelte ſelbſt, wenn auch nicht gerade von ſeidnem Stoff, leuchteten in bunten Farben, aus denen ſie zuſammengeſetzt waren. Von farbigen Stricken, welche man ringsum mit Pflöcken am Boden feſt⸗ geheftet, wurden ſie gehalten; oben auf der Spitze glänzte ein vergoldeter Knauf oder ein vergoldetes Thierbild von einer mächtigen Fahne umwallt, während kleinere bunte Fähnlein rings das Zelt umſtanden. Drinnen fanden ſich weiche Lager geſchichtet mit Polſtern, Kiſſen und Decken an den Wänden rings herum, und der Boden war mit friſchem Gras, Laub und Blumen hoch bedeckt. Solche Luſtzelte wurden gewöhnlich dort aufgeſchlagen, wo größere gemein⸗ ſame Turniere ſtattfanden. Dann prangten ſie mannig⸗ fach in den Farben ihrer Eigenthümer, denen ſie einige Tage oder Wochen zur Wohnung dienten.

Auch zur Jagd ſchlug man Zelte auf, ſei es daß man längere Zeit in einer vom Schloſſe fernen Gegend zu jagen gedachte, oder daß man zur Einnahme des Mahles nach beendeter Mühe eines ſchattigen und geſicherten Platzes bedurfte, insbeſondere wenn die Theilnehmer zahlreicher waren und Damen ſich darunter befanden, ſodaß man aus der Jagd zugleich ein Feſt machte. Mit einem jeden gro⸗ ßen Hoflager, das ein Fürſt oder ein reicher mächtiger Herr abhielt, war auch ein ſolches Jagdfeſt verbunden, und nicht minder mußte dieſes Vergnügen über die Einſamkeit des gewöhnlichen Burglebens die größere Hälfte des Jahres hinweghelfen. Vorzugsweiſe war damals auch freilich der Herbſt die Hauptzeit der Jagd, namentlich der größeren, die Monate Auguſt und September waren be⸗ ſonders für den Hirſch beſtimmt, dem dann die Jagd auf das Wildſchwein bis in den tiefen Winter hinein folgte. Zu der übrigen Zeit gab es hinlänglich Beſchäftigung, wenn man ſie wollte, mit der kleinern Jagd oder mit der Falknerei. Man jagte im Frühling zu Oſtern und Pfing⸗ ſten. Die Leidenſchaft ließ ſich noch wenig in ſtrenge Zeit⸗

[VIII. Jahrg.

geſetze einſchränken, wie ſie durch die heutige Jagdordnung geboten ſind. Dem Wildſchwein trat man männlich kühn mit den Spieß entgegen, und nahm es in perſönlichem Kampfe mit ihm auf. Dies war die gewöhnliche Weiſe. Sonſt ſuchte man es auch wohl gut beritten in Begleitung von Sauhunden auf und führte dabei ein tüchtiges Schwert oder ebenfalls einen Spieß. Für die kleinere Jagd zu Lande wie zu Waſſer, auf der Flur wie im Wald, auf Haſen, Kaninchen und Geflügel aller Art hatte man ſehr verſchiedene Manieren: man ſtellte Garne aus, trieb und fing das Wild in Netzen, man verfolgte es mit verſchiede⸗ nen Hunden, man bediente ſich der Tücher, der Lockvögel und der Schlingen.

Die Jagd war unter allen Verhältniſſen eine Würze der Geſellſchaft, daher denn auch die Frauen mit Eifer nicht bloß als Zuſchauerinnen, ſondern ſelbſtthätig daran Theil nahmen. Nicht an allen Orten freilich, denn die gefährlicheren Jagden, wie die auf Bären oder die auf wilde Schweine, die im Spätherbſt oder Winter ſtattfan⸗ den, überließen ſie den Mänuern. Dagegen folgten ſie dem Hirſch, und mehr noch liebten ſie die weniger anſtren⸗ gende, aber um ſo größere Geſchicklichkeit erfordernde Jagd mit demFederſpiel.

War der Hirſch endlich, müde und matt, von den Hun⸗ den geſtellt worden, ſo lag es der höchſten Perſon der theil⸗ nehmenden Jagdgeſellſchaft ob, oder wem es ſonſt der Ehre halber überlaſſen wurde, den Hirſch mit einem ge⸗ ſchickten Stoße zu tödten, worauf derſelbe jagdgerecht zerlegt wurde. In Frankreich war es auch Sitte, daß, wenn der König ſelbſt den Stoß vollführte, er die Stücke ves zerlegten Hirſches an die vornehmſten Damen des her⸗ umliegenden Landes als Geſchenk verſandte. Wenn es ein weißer Hirſch geweſen war allerdings ein ſeltenes Glück ſo hatte, wie die Dichtungen erzählen, der glückliche Jäger, der ihn getödtet, das Recht, der ſchönſten Dame unter den anweſenden nach eigener Wahl einen Kuß zu

Unbedingt gehört der vorliegende Roman, obgleich er hier und da etwas jugendlich Ungeklärtes hat und manche Geſchmack⸗ loſigkeit zu Tage bringt, zu den materiell unterhaltenden. Es herrſcht darin ein leichter, nicht geiſtreicher, aber natürlicher Dia⸗ log, und das ſtoffliche Intereſſe iſt vorwaltend. O. B.

Gährungen ſeines Herzens b

Ein Jahr der Jugend, Gedichte von Max Jähns. Dresden, in der Nationallotterie⸗Buchdruckerei von Blochmann u. S. u. J. Ernſt.

Obgleich es nicht mehr recht Mode iſt, lyriſche Gedichte mit einer Einleitung in Proſa zu verſehn, ſolüftet doch der Dichter durch einige Zeilenden Vorhang undverbeugt ſich in dem weiten Hörerraum der Welt. Er wendet ſich an das Publicum, weil die Umſtände, unter denen dieſe Blätter ans Licht treten, ſehr öffentlich, ſehr weitwirkend, ja ſehr großartig ſind.

Das Jahr der Jugend, ſagt der Verfaſſer deſſelben,iſt der lyriſche Reflex eines Lebensabſchnittes. Rüſtiges Streben, treues Gedenken an den Urſprung alles Beſten, an die Heimath. das iſt Grundlage des ganzen Baus. Aber das ſtrebende Herz iſt nicht mehr jung genug, um nicht auch ſchon ſchmerzliche Er⸗ fahrungen gemacht zu haben, nicht mehr unbefangen genug, um Reue, Sorge und Zweifel nicht zu kennen und zu dulden. Doch aus der Gährung rafft es ſich auf: den Lenz, den es erſehnt, erkennt es auch, und im fröhlichen Treiben und Regen entfaltet ſich mit dem Frühling eine warme freudige Neigung. Und ſie wächſt und ſie bricht jubelnd durch, und Sommer und Liebe be⸗ zeichnen das Zenith des Jahres. Schon aber keimt die Ahnung des Verluſtes; gebieteriſch und ernſt ſpricht ſich das Wort der

Trennung aus. Scheiden und Leiden, das allgemeine bittere Loos, führt das beengte Herz hinaus in den Herbſt ꝛc. ꝛc. Es iſt ge⸗ wiß intereſſant, einmal in ſolcher Weiſe die beneidenswerthe Nai⸗ vetät eines Dichters zu belauſchen. Ganz in die Schöpfungen ſeiner Welt verſenkt, behandelt er Alles breit und wichtig, was die etrifft, und der Leſer muß denken, daß er es mit erſchütternden Dingen zu thun bekommen wird. Hierauf macht es eine ſehr beruhigende⸗ behagliche und auch drollige Wirkung, Gedichte zu finden, wie ſie in allen lyriſchen Büchern ſtehn: Der Sonnenſchein durchglüht den Lindenbaum, Und wieder träumt er ſeinen Frühlingstraum. Oder: Das iſt zu ſtark!. Muß ich denn immerfort den Kopf verlieren?! Ich ſcheine heut nicht aufgelegt zum Leſen; Heut hab' ich überhaupt ein wirres Weſen Ich denke wohl, ich gehe erſt ſpazieren. Zwar liegt ihr Fenſter grad' an meinen Wegen Doch das iſt nicht zu ändern! Hut und Degen! Während nur noch Wenige im Publicum Gedichte leſen und kaufen mögen, iſt es recht, daß einzelne Dichter den Muth behal⸗ ten, von ihren Productionen hoch zu denken und ſie für eine wich⸗ tige Erſcheinung zu halten. O. B

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