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novellen- Zeitung.
Ein Graf von Oſtfriesland.
Hiſtoriſche Novelle von
A. Brlog.
(Fortſetzung.) VII. Die verhängnißvolle Nacht.
Die letzte Nacht für die Gäſte in Wadſtena⸗Schloß war hereingebrochen und lagerte mit dicker Finſterniß um Giebel und Thürme des weitläufigen Gebäudes. Mitter⸗ nacht war bereits vorüber, im Schloß Alles in tiefer Ruh, nur aus der weiten Trinkhalle erſchollen hin und wieder laute, fröhliche Stimmen. Dieſelbe lag indeß nicht dem innern Hof zugewandt, ſo daß der Lärm der Zecher wie aus weiter Ferne zu kommen ſchien. Am Portal gingen die Wachen gemeſſen dröhnenden Schritts auf und nieder, ſonſt war es ſtill.
In der dunkelſten Ecke, wo der Mittelbau mit dem linken Flügel zuſammenſtieß, ſtand eine lange Geſtalt in einen weiten weißen Mantel gehüllt. Sie ſtand regungs⸗ los und trat gegen das weißlichgraue Mauerwerk in der Dunkelheit ſo wenig hervor, daß ſie ſcheinbar in die Wand eingelaſſen zu ſein ſchien.— Plötzlich klang in einer der obern Etagen ein Fenſter. Der Mann im weißen Mantel ſchlug drei Mal leiſe in die Hand— eine Strickleiter fiel herunter. Sobald dieſelbe die Erde berührte, und ein Paar kräftige Anzüge dargethan, daß ſie feſt ſei, warf der Harrende den Mantel von ſich, ergriff die Leiter mit bei⸗ den Händen, und die Füße auf die Geſimſe und Mauer⸗ vorſprünge ſetzend, klomm er raſch und behende empor. Kaum in einer Minute hatte er das offne Fenſter erreicht
und verſchwand in demſelben.
Aber in einer audern Ecke des Quadrats, zunächſt der
Wache, ſtanden zwei Perſonen und waren dem ganzen Vorgange mit geſpannter Aufmerkſamkeit gefolgt. Was ſie in der Finſteruiß nicht ſahen, hörten und erriethen ſie.
„So,“ ſagte eine Frauenſtimme,„jetzt iſt er oben. Ihr habt ſelbſt geſeben und gehört. Thut Eure Pflicht, Chevalier— Gott befohlen.“ Damit ſchlüpfte die eine
der lauſchenden Perſonen dem Mittelbau zu, öffnete leiſe die kleine Thurmpforte und verſchwand. bliebene Mann begab ſich zur Wache.
Der zurückge⸗
In der ſtattlich gewölbten, auf runden Pfeilern ruhen⸗ den und mit Trophäen und Waffen geſchmückten Trink⸗
Dritte Folge.
hatten ſich auf der Reiſe durch das Benehmen des Kron⸗ prinzen und einiger ſchwediſcher Herren mehrfach verletzt gefühlt, ſo daß eine ſichtbare Kälte und offenkundige Ab⸗ ſonderung eingetreten war; und jedenfalls wäre es zum unheilbaren Bruch gekommen, wenn nicht der Herzog von Lauenburg in ſeiner derb gemüthlichen Weiſe vermittelt hätte. Heute beim Abſchiedstrunk waren von Seiten der Schweden denn auch die erſten Schritte zur Ausgleichung geſchehen und endlich die Verſöhnung aus vollen Bechern getrunken worden. Manche Naturen verfallen von einem Extrem in's andere, und aus der kaum vergeſſnen Feind⸗ ſchaft ward beim Becherklang Freundſchaft und Brüder⸗ lichkeit. Natürlich ward die Stimmung und Weinlaune dadurch eine gehobene, man jauchzte und taumelte ſich ge⸗ genſeitig in die Bruderarme. Der feiſte Lauenburger be⸗ wahrte aber ſeine Würde als Präſident der nordiſchen Trinkſtube und ließ ſich in regelmäßigen Intervallen von ſeinem Pagen den Becher kredenzen; auch Graf Hoya lickte ebenſo keck an der Tafel umher, als ſei er dort, um diplomatiſche Unterhandlungen zu führen. Der Kronprinz war heute auch freundlicher denn ſonſt, allein, wie immer in zahlreicher Geſellſchaft, unruhig, das Auge nach allen Seiten umherſpähend; bald ergriff er den Pokal und ſetzte ihn zerſtreut wieder nieder, bald ſtürzte er das volle Gefäß mit einem Guß hinab. Dabei nickte er im Seſſel hin und her, hörte den Erzählungen mit halbem Ohr zu und lachte unmäßig, wenn von anderer Seite gelacht wurde. An ſolchen Abenden war der Prinz mit dem düſtern unſtäten Blick, dem gelblich blaſſen Geſicht und dem ſchwarzen krau⸗ ſen Bart eine wahrhaft unheimliche Erſcheinung.
Plötzlich ging die Thür weit auf, und der Officier der Wache, geharniſcht, mit gezognem Schwert, trat in die Halle. Ein Trupp Bewaffneter mit Fackeln blieb auf dem Corridor. Der Officier, es war Chevalier de Mor⸗ nay, trat au den Kronprinzen heran und überreichte ihm ſtumm einen Rapport.
„Was Teufel heißt denn das?“ gurgelte der Herzog mit ſchwerer Zunge leiſe dem Grafen Hoya zu;„der Adju⸗ tant des Prinzen comniandirt die Schloßwache?“
„Dahinter wird ein Bubenſtück ſtecken,“ entgegnete der Angeredete, der den Kronprinzen beim Leſen dunkelroth er⸗ glühen ſah.
In der That ſprang dieſer mit rachefunkelnden Blicken auf, riß eine der gewichtigen Streitäxte von der Wand, ſchwang die fürchterliche Waffe des Nordens über dem Kopf und ſtürzte, ehe der Herzog ihn zu halten vermochte, aus dem Saal.
Einige der Auweſenden folgten dem Prinzen, unter
halle war es noch ſehr lebendig. Die deutſchen Gäſte dieſen Enno von Norden, dem plötzlich die Ahnung auf⸗
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