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3 Uovellen zu wahren, blieben auch der Herold mit ſeinen Trompetern und die Leibgardiſten dem Reiſezuge beigeordnet.
Nachdem man ſich für die Reiſe beſſer arrangirt und die nur zum Prunk beſtimmten Gegenſtände entfernt hatte,
ſetzte ſich der Zug wieder in Bewegung, ohne jedoch die g gung, ohne
regelmäßige Anordnung wie zuvor inne zu halten. Der Herold ritt mit ſeinen Trompetern und den Gardiſten weit voraus, die fremden und ſchwediſchen Herren gruppirten ſich, wie es der Zufall fügte, in der Nähe des Kronprinzen, der mit dem Herzog von Lauenburg und dem Chevalier de Mornay vorausritt. Die Wagen folgten, ebenfalls von Cavalieren umgeben, die ſich mit den Prinzeſſinnen und Hofdamen ungezwungen und heiter unterhielten. Die Gräfin Skitte hatte jetzt in dem Wagen der Prinzeſſinnen Platz genommen, und Graf Hans von Oſtfriesland hatte gewandt und ſchuell die Seite der Karoſſe zu gewinnen gewußt, an der ſich Cäcilie befand. Wenn das Geſpräch auch nur gleichgültige Dinge berührte, ſo ſprachen die be⸗ redten Blicke doch von dem Glück, das ſich mit dem klaren Sonnenſchein und dem blauen Himmel in die Herzen ge— ſenkt hatte.
So ſchien die ganze Cavalcade wohlgemuth durch den warmen Herbſtmorgen zu ziehen; nur Einer war düſter und ſchweigſam— der Kronprinz. Ihn wurmte es, daß er, wie ihm deuchte, dem Stiefbruder nachgeſetzt ſei, die— ſem jüngern Bruder, den er haßte und deſſen Natur, ſo ganz verſchieden von der ſeinigen, er verabſcheute. Nichts vermochte ihn in beſſere Laune zu verſetzen; ſo ſehr ſich der jeviale Herzog anſtrengte und ſeinen ganzen Redeſchwall aufbot— es ſchlug Alles fehl.
Endlich wendete ſich der Lauenburger zurück und winkte ſeinem Kammerdiener. Dieſer kannte die Bedeu⸗ tung des Winks, zog einen mächtigen Becher hervor, füllte ihn aus einem hinter dem Sattel befeſtigten ledernen Schlauch und überreichte das Gefäß, ohne einen Tropfen zu verſchütten, ſeinem Herrn.
BZeitung.
Dieſer ritt an den Prinzen herau und ſagte:„Lieber
Neffe, wir reiten ſchon einige Stunden in der Sonnenhitze fort, es wird Zeit, daß wir uns erquicken. Hier, trinkt mal, dann wird auch die Zunge wieder geſchmeidig.“
Der Prinz nahm den Becher und that einen vollen
Zug; der Ohm leerte den Reſt ohne Beſchwer.
„So, Erich, daran hat's gefehlt,“ ſagte er und wiſchte die rothen Tropfen aus dem Schnurrbart,„nun können wir wieder plaudern, denn das Schweigen iſt mir bis in den Tod verhaßt.“
„Seid ohne Sorgen, Ohm, wir haben bis Wadſtena noch zehn Reiſetage— können alſo noch manches Wort austauſchen.“
„Allerdings, wenn man den Willen dazu hat.— Ei
was, Erich, wer wird gleich die Laune verlieren, wenn's mal nicht nach Wunſch geht! Wer ſpäter befehlen ſoll, muß auch gehorchen lernen.“
„Aber iſt es zu ertragen, dem jüngern Bruder ſtets nachgeſetzt—“
„Schweigt davon, wir kennen Eure Scene von geſtern. Zum Glück war's mir vergönnt unheilbringende Folgen abzuwenden, denn ich ſah Euch wie ein angeſchoſſener Eber die Treppe hinaufſtürmen. Erich, haltet den Zornes⸗ muth beſſer im Zaum, oder Ihr ſtiftet viel Unheil.“
Der Herzog hatte diesmal ernſt und eindringlich ge⸗ ſprochen, und der Prinz ſchwieg.— Während dieſer Pauſe ritten noch andere Herren, unter dieſen der kecke ritterliche Graf Hoya, zu der Gruppe heran. Plötzlich nahm der Kronprinz das Geſpräch wieder auf:„Und iſt es denn eine Ehre für den Thronerben von Schweden, einem klei⸗ neu deutſchen Fürſten das Geleit zu geben?“
„Still, Neffe!“ drohte der Herzog.„Ihr ſprecht weder überlegt noch höflich. Bedenkt, daß der ſouveraine Graf von Oſtfriesland eine ſchwediſche Königstochter zum Ehegeſpons erhalten hat. War er dieſer Ehre würdig, ſo wird er auch des Geleits des Kronprinzen nicht unwerth
ließ mir Wein aufſetzen. Ich überwand den Ekel und trank friſch ein Glas aus; der Wein war gut, und mein Geiſt gewann wieder das Oberwaſſer. Ich betrachtete aufmerkſam die Spelunke und deren Inhalt. Wilde Männer und lauernde Weiber ſaßen in düſtern Winkeln hinter Wein oder Schnaps an ſchmierigen Tiſchen. Ich bemerkte, daß ſie mich beobachteten. In mir ſtieg die lebhafte Erinnerung an das„weiße Kaninchen“ der„Geheimniſſe von Paris“ herauf. Ich ſah im Geiſte den„Schurimann“, den „Schulmeiſter“ mit dem feinen Dolche, ſeine teufliſche Begleiterin die„Eule“ und auch die unglückliche„Schallerin“— die Marien⸗ blume in dieſer ſchaurigen Höhle. Ich hatte allerlei Gedanken. Ich verglich das Leben der Thierlein mit dem der Menſchen. Ich dachte wieder an die Ameiſen und die Ameiſenlöwen. Ob die Ameiſen in ihren ſtaunenswerthen Städten auch ein ſolches Ar⸗ rondiſſement haben, wie die Inſel der Cité iſt? Die Ameiſen⸗ löwen, dieſe räuberiſchen Feinde der übrigen Inſectenwelt, ver⸗ wandeln ſich in luſtige Libellen. Ob ſich dieſe unheimlichen,
ſeits der Brücke dieſes helle Licht zu ſchauen? Wie manches Menſchenkind, das ehemals als luſtige Libelle durch die Rue Rivoli und an den Ufern der Seine hingeſchwebt iſt, hat ſich in einen Ameiſenlöwen verwandelt und in die Cité zurückgezogen!— Ich beging die Unvorſichtigkeit, einige dieſer Gedanken in meine Brieftaſche zu notiren. Dies erregte Aufſehen unter den wilden Gäſten. Ein kleiner buckliger Mann mit rother Naſe ging einige Male lauernd an meinem Tiſche vorbei und fixirte mich. Man mochte mich für einen Polizeiſpion halten.—
„Iſt Ihnen Licht gefällig, mein Herr?“ ſagte der Bucklige auf einmal zu mir,„es wird auf der Präfectur ſchwer zu leſen ſein, was Sie hier aufſchreiben.“ 4
„Machen Sie einen Verſuch, mein Herr, und leſen Sie das Geſchriebene.“ Ich reichte ihm das Blatt. Ich hatte das Meiſte der Uebung wegen franzöſiſch geſchrieben, und ſo konnte er es der Hauprtſache nach verſtehen. Er gab mir das Blatt höflich zurück und ſagte:
menſchenfeindlichen Geſtalten auch einmal verwandeln? In kei⸗ nem einzigen Naturweſen, in keinem einzigen Naturſtaate ent⸗ wickelt ſich eine ſolche Summe von Corruption und Elend, wie im Menſchen und in der Menſchheit. Wäre es vielleicht beſſer eine Ameiſe zu ſein, als ein ſolcher Menſch in der Citse? Oder wenn ich dieſe Inſel in der Mitte von Paris mit einer auſtrali⸗ ſchen vergleiche, wohin die„Civiliſation“ noch nicht gedrungen iſt, wo die Menſchen noch wie Kinder leben, denken und empfinden— was ſoll ich da von der Entwickelung des menſchlichen Geſchlechts denken? Ihr werdet ſagen,„hier ſei nur der Auswurf der civi⸗ liſirten Geſellſchaft aufgehäuft, der tiefſte Schatten weiſe auf das hellſte Licht hin. Iſt vielleicht in den Paläſten da drüben jen⸗
„Verzeihung, mein Herr! man hatte Verdacht, aber er iſt ungegründet, wie ich meinen Cameraden gleich ſagte. Als Spion wären Sie der elendeſte Stümper— nehmen Sie dies als ein Compliment der Cité hin.“
Der Mann war zufrieden; ich bezahlte meinen Wein und ging unangefochten fort. Auf der öden Straße ſah ich Nieman⸗ den als denſelben Polizeimann in der Ecke, ich bemerkte, daß er auf mich ein wachſames Auge hatte. Meine Wißbegierde trieb mich in einen Trödlerladen. Hier waren die verruchteſten Dinge ſeit der Sündfluth aufgehäuft. Ich wollte einen alten Kupfer⸗ ſtich kaufen, um Gelegenheit zu haben, mich umzuſehen.
Eine ſchlampige Frau in den Vierzigen regierte das Ge⸗
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