Nühng Nr. 34.
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Dritte Folge.
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Novellen-Zeitung.
Ein Graf von Oſtfriesland.
Hiſtoriſche Novelle
A. Brlog.
(Fortſetzung.)
In der Vorhalle des Empfaugſaals lehnte Prinz Jo⸗ hann an einem der Bogenfenſter und ſtarrte nachdeuklich in die Herbſtlandſchaft. Er war ſoeben voin Vater eut laſſen, und dieſer hatte ihn des Näheren auf ſeine Sen⸗ dung vorbereitet. Wenn daher ſein Auge das Häuſerge⸗ wirre Stockholms, die Maſten im glitzernden Mälarſee und die niächtigen Eichenwipfel auf der jenſeitigen Ufer⸗ höhe überflog, ſo waren doch ſchwerlich ſeine Gedanken bei dieſer herrlichen Scenerie, ſie ſchweiften eben in die end⸗ loſe Ferne, über Meer und Land. Der männlich ſchöne Kopf mit dem edlen Profil der Waſa, der lange blonde Vollbart, das ſaufte und dabei doch geiſtestiefe blaue Auge gaben ihm in ſeiner ſinuenden Haltung etwas überaus Edles— Beherrſchendes.— Plötzlich ſchreckte er aus ſei⸗ nen Träumien empor, denn in den Saal ſtürmte ſporuklir⸗ rend der Kronprinz.
„ Ah, treff ich Dich endlich! Gratulire, Herr Botſchafter! Glück auf den Weg— hoffentlich kein Schleichweg.“
„Was ſoll das, Erich?“ entgegnete Johaun unwillig. „Beſchwert Euch beim Könige, aber bleibt mir mit Euren Verdächtigungen fern— ich verachte ſie.“
„Haha! Ihr verachtet! Freilich leichter als entkräf⸗ ten.— Wer war denn ſo ſehr Freund des Grafen Teczyen, des letzten polniſchen Geſandten, he?— Wer hat im Hauſe des papiſtiſchen Polen die Betſtunde mitge⸗ halten?“
„Das iſt gelogen. weiſen will.“
„Nun, Ihr trefft ja Teczyen in Warſchau wieder, dort könnt Ihr auch in die Meſſe gehen.“
„Prinz Erich, mäßigt Eure Zuuge, ich werde ſolche Verleumdungen nicht länger dulden!“
„Tod und Hölle! nicht länger dulden? wohl gar?“
„Schweigt, und gebehrdet Euch nicht wie ein Raſender!“
„Schweigen? Ihr befehlt mir Schweigen? Hal ſeid Ihr ſchon ſoweit in der Gunſt des Königs eingeſchlichen, daß Ihr dem Kronprinzen gebieten könnt?— Tod und
Nennt mir denjenigen, der es be⸗
Ihr droht
Hölle! ſo will ich Euch die falſche Maske herunter hauen!“
Wüthend riß Erich das Schwert aus der Scheide und drang auf den Bruder ein. Dieſer hatte ſchnell ebenfalls gezogen und vertheidigte ſich mit Ruhe.— Das Waffen⸗ geklirr war übrigens in der Trinkhalle, die unter dem Saal lag, gehört worden, und zu rechter Zeit erſchien der Herzog von Lauenburg und andere Cavaliere, um ein Unglück zu verhüten. Der Kronprinz fühlte ſeinen Arm gehemmt und eutwaffnet, denn der dicke Lauenburger hing ſich mit der ganzen Wucht ſeines Körpers daran und rief mit hei⸗ ſerem Lachen:„Was, Neffe? ſchon am frühen Morgen Fechtübungen?— Was bedeutet das, Ihr zärtlichen Brüder?“
„Laßt mich los, Ohm, oder ich ſtoße Euch meinen Dolch in die Gurgel!“ knirſchte der Kronprinz dunkelroth im Jähzorn.
„Nicht um ein Faß Malvaſier!— Und fort, Erich, fort aus den Staatsgemächern!— Helft, Ihr Herren, wir müſſen den Kronprinzen in die Trinkſtube bringen, damit er, mit einem vollen Becher Spanier den Zorn und die Bruderliebe hinabſpüle.“
Mit Widerſtreben ließ der Prinz ſich fortziehen, aber der feiſte Herzog gab nicht nach, ſondern hing die Centner ſeines runden Körpers immer gewichtiger an den Neffen. Endlich war er hinaus und mit den Zechgenoſſen ver⸗ ſchwunden. Prinz Johann ſtand allein im Saal und ſah düſter auf den Boden, dann ſagte er halblaut:
„Und dieſer dereinſt Schwedens König, ich ſein Unter⸗ than! Großer Gott, und der Vater zählt ſchon achtund⸗ ſechzig Jahr— Herr des Himmels, erhalte ihn bei langem Leben!“
„Amen!“ flüſterte eine Stimme hinter ihm. Die Grä⸗ fin Skitte, durch den Lärm herbeigelockt, war ſoeben ein⸗ getreten und hatte die Worte des Prinzen gehört.
Sie ſah ihn ruhig an und wiederholte:„Ja, Hoheit, Amen! Gott erhalte den König für das ganze Land, für uns Alle, inſonderheit auch für Eure Hoheit.“
Der Prinz warf einen prüfenden Blick auf die Spre⸗ cherin, als wolle er ſich überzeugen, ob dieſer Rede ein be⸗ ſonderer Zweck zum Grunde liege. Die Gräfin merkte dies, und einige Schritte gegen die Fenſterniſche vortre⸗ tend, ſagte ſie weiter:„Weun die Thronfolge auf dem Thing zu Weſteräs nicht beſtimmt worden wäre—“
„Nun?“ forſchte Johann und trat an's Fenſter.
„So könnten Se. Majeſtät leicht bei Beſtimmung des Thronerben von der Primogenitur abweichen“— ſetzte ſie mit herabgedrückter Stimme hinzu und ſah den Prinzen feſt an.
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