Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
526
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überzufallen, um daun wohl bald das Loos jener beiden unglücklichen Weſen zu theilen, welche ich durch meine Ge⸗ geuwart für einige Augenblicke ſo ſchwer behelligen mußte, und wo dann dieſe Zeilen vermuthlich nie geſchrieben wor⸗ den wären. Doch hier bewährte ſich nun das alte Sprüch⸗ lein:Wo die Noth am größten, da die Hülfe am näch⸗ ſten! auf das Glänzendſte. In dieſem Augenblicke, in Gedanken von allen Freuden und Leiden dieſer argen Welt ſchmerzlich Abſchied nehmend, greife ich unwillkürlich oder wohl mehr inſtinctmäßig mit der Hand vorwärts und erfaſſe den Kragen eines blauen Mantels.

Der Träger deſſelben, ein koloſſaler franzöſiſcher Kü⸗ raſſier⸗Officier, noch mit dem Helm bedeckt, einen ſeinem Umfange angemeſſenen Prügel in der Haud, verwendet letzteren erfolgreich, indem er damit unbarmherzig auf ſeine Umgebung losſchlägt. Nachdem ich nun dieſes treffliche Talent ſich Raum zu verſchaffen genügend gewürdigt hatte, war mein erſter Gedanke, welchem alsbald die That folgte: bei dieſem lieben Manne bleibſt Du! das heißt, ich hielt den Mantelkragen, für mich ein köſtliches Kleinod, das ich in dieſem Augenblicke mit keinem andern der Welt ver⸗ tauſcht haben würde, fortwährend feſt in meiner Hand und ließ mich ſonach von dem Träger deſſelben gleichſam bug⸗ ſiren.

Aber leider bemerkte mein vortrefflicher Vorkämpfer nur zu bald meine Anhänglichkeit an ſeinen Mautelkragen, welche allerdings ſeine Schritte bedeutend heimmte, und ſuchte dieſelbe durch Hülfe ſeines Prügels, mit welchem er nun auch nach rückwärts gegen mich ſchlug, ſchleunigſt zu beſeitigen. Aber ſeine deßfallſigen Bemühungen wareun vergebens. Handelte es ſich doch für mich vorausſichtlich um Sein oder Nichtſein; deßhalb hütete ich mich wohl, mein theures Fauſtpfand ſo leichten Kaufes aus der Hand zu geben. Mit vieler Gewandtheit, wie ich ſie mir ſelbſt

nicht zugetraut hätte, wußte ich ſeinen nach mir geführten Streichen auszuweichen, ſo daß ſolche mich entweder gar

Uovellen-Zeitung.

nicht oder doch nur leicht berührten. Da er ſich nun überzeugt haben mochte, daß ſeine allerdings ſehr hand⸗ greiflichen Demonſtrationen nicht genügten, um mich zu beſeitigen, verſuchte er es zuerſt mit einer Anzahl Flüchen, und als auch dieſe nichts halfen, legte er ſich auf das Bit⸗ ten. Mit der ſanfteſten Stimme, wie er ſolche in ſeiner gewiß großen Aufregung nur immer moderireu konnte, richtete er die Worte an mich:Monsieur, je vous con- jure, làchez- moi donc; car sans cela nous serons per- dus tous les deux! Ich aber dachte vielleicht bei dieſen Worten:Soll es mein letzter Lebensgang ſein, ſo habe ich auf demſelben doch eine ehrenhafte Begleitung! So kam ich nun allerdings, von vorne halb gezogen, von rückwärts geſchoben, meinem Ziele langſam näher; aber auch das Gedränge ſteigerte ſich von Minnte zu Mi⸗ nute in einem ſolchen Grade, daß ich trotz der Hülfe mei⸗ nes kräftigen Vorſpanns vollkommen daran verzweifelte, die Brücke lebendig zu erreichen. Dazu kam noch, daß ich durch die Strömung, welche das Gedränge nahm, immer näher an den Fluß hinabgedrückt wurde. In dieſer kriti⸗ ſchen Lage ſah ich von mehreren meiner Leidensgefährten ein Experiment üben, das allerdings ebenſo unangenehm war, als es gefährlich werden konnte, aber dennoch ihre Retlung immer noch wahrſcheinlicher machte, als wenn ſie es verſuchten, unit dieſem Klumpen durch Angſt und Schrecken zum halben Wahnſinn geſteigerter Unglücklicher, bei welchen in jenen Momenten Mord und Todtſchlag an der Tagesordnung war, die Brücke lebendig erreichen zu wollen. Fart an den Fluß gedrängt, ſah ich nämlich mehrere V meiner Nachbarn, wohl darau verzweifelnd, die Brücke zu Lande zu erreichen, ſolches zu Waſſer zu verſuchen, indem ſie das flache Ufer verließen und freiwillig in den Fluß ſchritten, welcher hier ſo nahe am Lande, nachdem das Eis gebrochen war, nur etwa zwei Schuh tief ſein mochte. Mein Küraſſier, nun immer mehr gehindert vorwärts Bo⸗

Wird einſam ſtets der Geier ſitzen, Den von Geburt an die Natur Gezeichnet hat mit blut'ger Spur; Der, ſchon im Neſte ein Despot, Sich freut an Blut und Purpurroth, Nur nach erkämpftem Gute ſchmachtet Und das Geſetz der Flur verachtet.

Mein Wildſchütz hatte ſich zur Nacht Auf warmer Aſch' ein Bett gemacht; Ich aber kroch bei Mondenſchein Hinab durch Trümmer und Geſtein, Zur Senne tief im Thalesgrunde Sehr ernſt und trüb war dieſe Stunde.

Dieſe Sprache gehört ohne Frage zu den beſten, die in mo⸗ dernen Lyriken geſprochen iſt, und der Gedankengang der ſo phan⸗

taſtiſchen als realen Compoſition iſt in ſeinen Einzelnheiten

ſchlagend, kräftig und kühn. O.⸗B.

Die Natur im Dienſte des Menſchen. Lebensweiſe und Fang des Haarwildes. Dargeſtellt von Friedrich Körner, Leipzig bei Schlicke. 1862.

Nur die Abtheilung über das Haarwild liegt uns über dieſes Unternehmen vor, daher wir die übrigen bis jetzt erſchienenen vier Bände nicht zu beurtheilen vermögen.

Der Verfaſſer hat in dem betreffenden Bändchen über die wichtigſten Pelzthiere und den Pelzhandel eine ſehr faßliche Darſtellung gegeben und ſich dabei vortrefflichen Quellen zuge⸗ wandt. Inſofern die jagdbaren Thiere hier mit eingeſchloſſen

ſind, iſt natürlich das Buch auch für den Waidmann und Jagd⸗ freund von lebhaftem Intereſſe. Ein Anhang beſchäftigt ſich noch mit mehreren Thieren außereuropäiſcher Länder, jedoch iſt gerade die Ausführlichkeit über unſere heimiſchen Wald⸗ und Feldbewoh⸗ ner, die ſich immer mehr verringern, dankenswerth, denn es wird unſerer Jugend, wenigſtens unſern Enkeln, ſehr ſchwer werden, ſich noch praktiſch über dieſen Theil der Naturkunde zu unterrich⸗ ten, da man den Tagen entgegenſehen muß, wo in der Kreuzberg' ſchen Menagerie unter andern auch ein Reh und ein Biber ge⸗ zeigt wird.

Der in dieſen Erzählungen herrſchende Ton iſt frei von Koketterie, einer Schminke, die jetzt viel in der populären Natur⸗ kunde verwandt wird und zwar ſehr zum Nachtheil der guten V Sache. O. B.

Miseellen. Worte für Welt und Haus.

unſer Leben iſt ſehr kurz, fürwahr! Wenn wir uns endlich orientirt und die Stätte auf Erden, ſowie den Schwerpunkt in uns gefunden haben, von wo aus wir wirkſam ſchaffen könnten, ſo kommt auch ſchon von weitem die dürre Geſtalt dahergeſchrit⸗ ten und ſchwingt die Hippe des Saturn.

unſere ſchönſten Hoffnungen werden gewöhnlich unſeres Geiſtes Sterbekleider, der einzige Schmuck, welcher beim Be⸗ gräbniß nichts koſtet.

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