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Treiben an und auf den nahen Brücken, ebenſo wie in der vergangenen, bedeutend behelligt. Doch die Natur forderte bald ihr Recht, und es wurde mir vergönnt, trotz des uns umwogenden Tumulteß, trotz der Kälte und meines Hun⸗ gers mich einige Stunden des erquickendſten Schlafes er⸗ freuen zu dürfen.—
Der Tag des 28. November brach an, und mit ihm be⸗ gannen alle jene Schreckuiſſe, welche während der unn dar⸗ über hingegangenen 50 Jahre ſo viele Federn zu ihrer Schilderung, ſo viele Griffel zu ihrer Darſtellung in Thä⸗ tigkeit ſetzten. Mag im Einzelnen von dieſen vielleicht dann und wann etwas übertrieben ſein— ich gebe es zu, denn ich las ja erſt vor einigen Jahren noch eine darüber neu erſchienene Schrift, die von Hunderten umgekommener Weiber, von Dutzenden zerdrückter und zertretener Kinder erzählt, was ich denn doch in ſo großer Anzahl nicht beſtä⸗ tigen könnte— das Geſammtbild, wie es ſich damals darſtellte, iſt bei dem kühnſten Fluge einer lebhaften Phan⸗ taſie keiner Uebertreibung fähig.
Schon in den früheſten Morgenſtunden hörte man eine ferne Kanonade, uunſere Arriéèregarde unter Marſchall Victor und General Dombrowsky war mit den Ruſſen in ein heftiges Gefecht engagirt. Der Geſchützesdonner näherte ſich, ein Beweis, daß unſere beiden Vertheidiger zurückgedräugt ſeien, und ſonach war nun wohl der letzte Augenblick nahe, der noch eine Errettung von ſchmählicher Gefangenſchaft ermöglichte. Immer ſchneller näherte ſich das ſeindliche Geſchoß, und ſchon ſchlugen am dieſſeitigen Ufer deſſen Kugeln ein, als ich mich nach einem kurzen Abſchiede von meinen Franzoſen, die nun auch ſchleunigſt aufbrachen, der Brücke, welcher ſich jetzt Tauſende von Wehrloſen in Angſt und Schrecken zudräugten, ebenfalls zu nähern ſuchte.
Noch bevor ich den an derſelben zuſammengepreßteu koloſſalen Menſchenknäuel erreichte, ſollte ich Zeuge eines wahrhaft herzzerreißenden Auftritts ſein. Eine für da—
Uovellen-Zeitung.
malige Verhältniſſe elegante mit zwei Pferden beſpaunte Chaiſe, die, Gott weiß durch welchen Zufall oder unter welchem Vorwande, dem von Napoleon über ſie und ihres Gleichen verhängten Autodafé glücklich entgangen war, kam eiligſt daher gefahren, um ſich mit ihren Inſaſſen, einer Frau und zwei Kindern, zu retten, als eine feindliche Ka⸗ nonenkugel eines der Pferde an dem Wagen zerſchmetterte. Sie ſprang heraus, die Kinder auf den Armen, flehte weinend die Vorübergehenden um Schutz und Hülfe an, aber keiner von allen in paniſchem Schrecken Davoneilen⸗ den nahm ſich auch nur die Zeit ihr einige Troſtesworte zu ſagen, vielweniger die geringſte Hülfe zu leiſten. Nur wenige Schritte war ich an ihr vorüber, als ihre weinende, jammernde Stimme verſtummte, und wie ich mich theil⸗ nehmend nach ihr umſah, waren ſie und ihre Kleinen ver⸗ ſchwunden— das heißt, zu Boden geworfen und wohl ſchon nach wenigen Augenblicken von den Fliehenden um ſie her zerquetſcht und zertreten.
Bald hatte ich mich der großen Flüchtlingscolonne an⸗ gereiht, von welcher ich nicht lange der Letzte ſein durfte, denn von Minute zu Minute vergrößerte ſich dieſelbe durch die herbeiſtrömenden Nachzügler, ſo daß ich mich bald nicht nur von beiden Seiten, ſondern auch und noch mehr von den rückwärts Nachdrängenden förmlich eingeteilt fand. Die Momente, welche ich nun in dieſer geſchloſſenen Ge⸗ ſellſchaft bis zu meiner Ankunft am jenſeitigen Ufer durch⸗ lebte, waren die ſchrecklichſten während meines ganzen Le⸗ bens. Alles ſchrie, weinte, fluchte und ſchlug um ſich nach den Nachbarn.
Der letzte Liebesdienſt wurde namentlich ſoeben einem meiner Cameraden von einem franzöſiſchen Infanteriſten mit Hülfe ſeines Gewehrkolbens erzeigt. Ein durchdringen⸗ der Schmerzensſchrei nämlich, begleitet vom Ausruf meines Namens, erregte meine Aufmerkſamkeit, ich ſah zur Seite, und mein Blick fiel auf die Jammergeſtalt eines lieben Freundes, des Lieutenants unſerer Cavallerie von Pode⸗
faſſen moderner Zeitrichtungen und ſeiner blühenden gefälligen Phantaſie in effectvoller Sprache, ſondern ganz beſonders auch dem Umſtande zuzuſchreiben, daß er direct für ſein böhmiſches Vaterkand ein reiches beliebtes Gemälde des Mittelalters und außerdem noch manche kleinere ähnliche Epiſoden mit geſchickter Hand entwarf. Aber auch einzelne ſeiner Gedichte haben, an und für ſich be⸗ trachtet, in der That keinen geringen poetiſchen Werth und dabei jene originelle, ſcharfmarkirte Zeichnung, welche den Freund der Poeſie als etwas Neues feſſelt. Leſen wir z. B. das eigenthüm⸗ I liche Gedicht:
Ein Raubthier.
Ich war des Tags hinab, hinan
Durch Wüſten ew'gen Schnee's geſtiegen, Da fand ich einen braunen Mann
Bei einem Höhlenfeuer liegen.
Braun war ſein Antlitz, braun ſein Bart, Die offne Bruſt ganz braun behaart, Braun war ſein Wamms und braun ſein Hut, Nur ſeine Hände roth von Blut.
Zu ſeinen Füßen lag im Schnee,
Schon halb zerſtückt ein todtes Reh;
Ein wildes Vieh, halb Wolf, halb Hund, Lag in der Höhle Hintergrund.
Der braune Jäger ſchürt' die Flammen, Die Brände mit dem Fuß zuſammen, Und briet an ſeines Meſſers Spitze
Vom Fleiſch des Reh's die blut'gen Schnitze
Ich ſprach:„Mein Freund, von Nebelſchauern Iſt Mantel mir und Kleid durchnäßt. Laß mich bei Deinem Feuer kauern, Gib mir von Deinem Mahl den Reſt. Ich bin in freud'gem Schauer mitten Durch ein erſtarrtes Meer geſchritten Und hab' der Gletſcher weiße Höhen
Bis in den Himmel greifen ſehen.
Wenn alle Schmerzen in uns wühlen, Dann freut's die Creatur zu fühlen, Daß, wie auch ſchwer des Lebens Bürde, Ein Haufen Schnee, ein loſer Stein, Ein Schritt in's leere Nichts hinein Uns zu befrei’n genügen würde.“
Er drauf:„Ich faſſe Deine Rede,
Du ſteheſt mit Dir ſelbſt in Fehde,
Und was Dein Mund verſchweigt, ergänzt Die Gluth, die Dir im Auge glänzt. Komm her, willſt Du ein Mahl verſuchen Mit Einem, dem die Menſchen fluchen! Doch wirſt Du erſt um jeden Biſſen
Mit dieſem Köter kämpfen müſſen,
Der es nicht dulden will zumeiſt,
Daß man ihm ſeinen Theil entreißt.
Der ſchöne Hund! er iſt gleich mir
Ein ungelehrig wildes Thier;
Gewohnt, nur kämpfend zu erringen, Muß man ihn auch zum Geben zwingen.“
VIII. Jahrg.
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