Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
522
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Jeder ſuchte auf ſeine Art ſein Leben zu retten.

Am 27. November in früher Morgenſtunde, ſagt der Autor,brach ich in Begleitung meines kleinen, auf der Flucht getroffenen Hauptmannes auf, um nun wo⸗ möglich das rechte Ufer des Fluſſes(Bereſina) zu gewin nen, und mit der Hoffnung, daß heute das Gedränge an den Brücken doch minder groß ſein werde, als am geſtrigen Tage. Eitle Hoffnung, wie ich mich bald überzeugen ſollte, indem die vielen Tauſende, welche ebenſo wie ich für heute zum Uebergang auf günſtigere Gelegenheit gezählt hatten, nun allzumal und in der größten Aufregung die Brücken paſſiren wollten! Ich näherte mich dieſem koloſſalen Menſchenknäuel, konnte mich aber, da ich ſah, wie haarſträubend es dort herging, nicht entſchließen, mich demſelben anzureihen, denn war dies einmal geſchehen, ſo konnte von keiner Umkehr mehr die Rede ſein, indem ſich in wenigen Minuten Maſſen von Hunderten nachdrängten und dieſelbe abſolut unmöglich machten. Anders mein kleiner Hauptmann. Halb unwillkürlich wurde er in die ſen Menſchenknäuel hineingeriſſen und verſchwand ſomit bald aus meinen Augen. In Gedanken hielt ich ihm be⸗ reits die Grabrede, denn wie konnte ich glauben, daß dieſes kleine zarte Männchen das jenſeitige Ufer unter dieſen Umſtänuden glücklich erreichen werde! Und doch war es ſo, wie ich ſpäter von ihm ſelbſt in Wilna erfuhr, wo er jedoch, wie viele unſerer Cameraden, als Gefangener im dortigen Hoſpital ſtarb.

Ich kehrte alſo an mein nunmehr halb erloſchenes und von meinen baieriſchen Chevauxlegers verlaſſenes Bivouac⸗ feuer zurück, an welchem ſich bereits andere Jammerge⸗ ſtalten, ſehr zerlumpte franzöſiſche Infanteriſten, häuslich niedergelaſſen hatten. Auch ſie beabſichtigten gleich mir im Laufe des Tages einen günſtigern Moment zum Ueber⸗ gang abzuwarten. Fortwährend hatten wir deßhalb die nächſtgelegene Brücke im Auge die entferntere wurde immer noch, wenn auch ihrer elenden Conſtruction wegen

Uovellen-Zeitung.

[VIII. Jahrg. nicht ohne große Gefahr, für Fuhrwerk und dergleichen be⸗ nutzt um zu ſehen, ob das Gedränge ſich nicht endlich etwas mindern werde. Schon war es ungefähr um die Mittagsſtunde, und ich wollte doch, wenn immer möglich, heute noch die Brücke paſſiren, deun wer wußte, ob es mor⸗ gen nech geſchehen konnte? Allerdings war ich namentlich durch meine körperlichen Zuſtände(mit Füßen voller Froſt, die mir kaum das Gehen geſtatteten) vollkommen berech⸗ tigt, dieſen immer ſich wieder neu gebärenden Maſſen an der Brücke mich nicht leichtſinnig anzuſchließen, wenn ich nicht einem ſichern Untergang entgegen gehen wollte, das heißt erdrückt oder durch einen freundlichen Nachbar niedergeſchlagen oder, wenn ich die Brücke glücklich er⸗ reichte, in den Fluß hinabgedrängt zu werden, wie dies Hunderten meiner Unglücksgefährten während der Tage des Uebergangs geſchah. Zu allem Unglück hatte ich, ſei es aus Indolenz oder weil mir die Gelegenheit dazu man⸗ gelte, verſäumt, mir einen tüchtigen Prügel als Wander⸗ ſtab beizulegen, wie ich ihn in der Hand des Marſchalls ebenſogut, wie in der des Tambours und des früheren Reiters häufig genug ſah. Ein vortreffliches Inſtrument zu jener Zeit, ſo ein tüchtiger Knüttel, ſehr angemeſſen à deux mains zu gebrauchen, nämlich um bei der oft ſpiegelglatten Landſtraße ſich darauf zu ſtützen und nöthi⸗ genfalls, wie dies oft geſchehen ſein mag, im Gedränge einen unliebſamen Nachbar damit zu beſeitigen.

Dieſen wahren Schatz entbehrend, war ich demnach ſtütz⸗ und wehrlos und ſaß nun in der mir gar nicht ange⸗ nehmen Geſellſchaft dieſer ausgehungerten und zerlumpten franzöſiſcheun Burſche an dem ſpärlich unterhaltenen Bi⸗ vouacfeuer, die nahe Brücke beobachtend, als meine Auf⸗ merkſamkeit von dieſer ebenſo unwillkommen als uner⸗ wartet auf etwas Anderes geleitet wurde. Ein Kanonenſchuß dröhnte hinter uns aus weiter Ferne an unſer Ohr. Wer war es, der ſich in Begleitung dieſer Muſik uns nahte?

Damals wußte ich es nicht, denn ich war gar zu ſehr be⸗

das Syſtem des Waſſerabfluſſes aus der Conceſſſion zu verbeſſern.

Die Conſuln üben die gerichtliche und die Executivmacht aus. Man findet engliſche Häuſer in den franzöſiſchen Grenzen, fran- zöſiſche Häuſer in dem engliſchen Gebiet, und amerikaniſche,

deutſche und andere Kaufleute laſſen ſich in dem einen oder

dem andern unter denſelben Bedingungen nieder, wie ſie es in

einer engliſchen oder franzöſiſchen Stadt thun würden. Es be⸗

ſtehen unter ihnen keine beſondern Uebereinkünfte, wenigſtens hier

nicht mehr, als in irgend einem europäiſchen oder amerikaniſchen Orte. Im Allgemeinen werden die Geſchäfte hier ganz ebenſo betrieben wie in allen chineſiſchen Häfen, die dem ausländiſchen Handel eröffnet worden ſind. C.

Portraits. Lord Palmerſton.

Unter den jetzt lebenden europäiſchen Staatsmännern nimmt Lord Palmerſton unbedingt den erſten Rang ein, und deßhalb dür⸗ fen wir wohl vorausſetzen, daß die folgende phyſiologiſche Erör⸗ terung über denſelben, die wir der engliſchen mediciniſchen Zeit⸗ ſchriftThe Lancet entnehmen, unſern Leſern willkommen ſein wird. Das Blatt ſpricht ſich in folgender Weiſe über ihn aus:

Ein mediciniſcher Publiciſt kann kein verdienſtlicheres Werk thun, als wenn er von Zeit zu Zeit ein gutes Beiſpiel des ſchönen hohen Alters hervorhebt. Lord Palmerſton verdient ſicher dieſe Aufmerkſamkeit von unſerer Seite. Alle politiſchen und Partei⸗ Erwägungen bei Seite geſetzt, erklären wir unſern Premier⸗Mini⸗ ſter für ein phyſiologiſches Phänomen. Die Politik erklärt den

Lord Palmerſton nur zur Hälfte. Wenige Staatsmänner haben ſich einer ſo großen Macht und Popularität erfreut wie Lord Palmerſton; und es gibt wenig Beiſpiele, in denen das Geheimniß der Macht weniger politiſch geweſen iſt. Lord Palmerſton s Ein⸗ fluß iſt in einem hohen Maße phyſiologiſch ein Einfluß auf die Stimmung des Landes, der durch ſeine eigene Stimmung, ſeine Geſundheit und heitre Laune erzeugt wird.

Der engliſche Adel weiſt viele Exemplare eines ſchöͤnen hohen Alters auf; es iſt aber ſchwierig, ein ſo hervorragendes Muſter deſſelben wie Lord Palmerſton zu finden. Es ſind beinah achtzig Jahre verfloſſen, ſeitdem ſein Leben begann. Es waren ereigniß⸗ volle Jahre, und wenig Menſchen haben in den Ereigniſſen mehr zu ſagen und zu thun gehabt, als der ſo hoch bejahrte Premier⸗ Miniſter. Im Jahre 1828 war er ſeit neunzehn Jahren, während vier oder fünf ſich folgender Verwaltungen, Staatsſecretär des Krieges, und Lord Brougham ebenfalls ein Wunder der phy⸗ ſiologiſchen Ordnung bezeichnete ihn als eine Art vonerbli⸗ chem Mitglied jedes Cabinets.

Für unſern Zweck iſt es ganz unnöthig, uns in nähere An⸗ gaben über ſeine politiſche Thätigkeit einzulaſſen. Seit mehr als funfzig Jahren hat er ſich an jeder europäiſchen Angelegenheit betheiligt. Er verbindet in ſeinem Leben die Geſchichte und in ſeiner Perſon die Eigenſchaften zweier ſich fölgenden Generatio⸗ nen miteinander. Er war Kriegsſecretär in den Tagen Water⸗ loo's und Wellington's, und iſt eben ſo bereit, wie jüngere Män⸗ ner, auf den letzten Vorſchlag Sir William Armſtrong's einzugehen. Im Jahre 1809 ſtand er im Staatsdienſt, und im Jahr 1862, nach einem Leben der Verantwortlichkeit, welches das Gehirn oder

die Kraft der meiſten Menſchen erſchöpft haben würde, iſt er Pre⸗

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