Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
472
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Seele zuwider.

Gottfried, innerlich empört. beurtheile, iſt er ein biederer, offener Mann, mit dem man wohl fertig werden kann. Freilich, wenn man kein reines Gewiſſen hat

Wer hat Sie zum Richter über meine Worte beru⸗ * fen? fiel der Volontair rauh ihm in's Wort.

in die Gunſt Ihrer Vorgeſetzten einzuſchmeicheln; warum blieben Sie nicht, wo Sie waren? Im Poſtbureau ließ man ſich die Speichelleckerei vielleicht gefallen, hier aber kommen Sie nicht damit durch, merken Sie ſich das, wir ſind keine geduldigen Schafe, die zu AllemJa ſagen und

Ruhig, Lenkhorſt! unterbrach der Buchhalter den Redenden.So gut wie Sie darf auch Herr Lieſegang ſeine Meinung äußern; wollen Sie nun Ihre Anſicht ver⸗ theidigen, ſo habe ich dagegen nichts einzuwenden, nur darf der Wortſtreit nicht in Beleidigung ausarten. Reden wir von etwas Anderem.

Ja, reden wir von etwas Anderem! wiederholte der Magazinier.Zank und Aerger ſtören die Verdauung und ſind alſo bei Feſteſſen am wenigſten angebracht. Reiche mir die Gänſeleberpaſtete noch einmal, Fritz, fuhr er zu dem Lehrlinge gewendet fort.Was ſcheere ich mich

um Meinungen und Anſichten? jeder mag denken und reden, wweiie es ihm beliebt, die Hauptſache im Leben bleibt doch

immer der Genuß.

Materielle Seele! brummte Lenkhorſt, während er dem Buchhalter einen Blick zuwarf, der mehr als Worte

Uovellen-Zeitung.

nur umblickt, ſieht man in ſeine grünen ſtechenden Augen; ein ſolches Schleichen und Spioniren iſt mir in innerſter

Ich glaube, der Vorwurf iſt ungerecht! erwiderte Wie ich unſern Principal

Wir ha⸗ ben ſchon längſt bemerkt, daß Sie die Kunſt verſtehen, ſich

Wege zum Galgen; der Commerzienrath⸗Aſpirant ſchleicht ſagte, mit welcher Geringſchätzung und Verachtung er auf immer umher wie ein Dieb in der Nacht, wenn man ſich ſeine Collegen hinabſah.

Gottfried erhob ſich und trat an's Fenſter. Seine

freudige Stimmung war dem Mißmuth und Aerger über

das ſchmutzige Benehmen des Volontairs gewichen, am

liebſten hätte er jetzt ſchon das Haus verlaſſen, um in ſei⸗

uer Stube in ungeſtörter Einſamkeit anderen Gedanken nachzuhangen, Gedanken an ein fernes, ſchönes Bild, wel⸗ ches bei der Unterredung mit dem Principal und deſſen ſo ſehr wohlwollenden Worten lebendig und farbenfriſch in ſeiner Seele aufſtieg. Er mochte an dem faden, trivialen Geſpräch, welches ſich jetzt an der Tafel entſpann, nicht Theil nehmen und doch mußte er hinhorchen, denn jedes Wort traf ſein Ohr und hinderte ihn, den eigenen Gedan⸗ ken ſich hinzugeben. 1

Mich verlaugt darnach, die junge Gemahlin kennen zu lernen, die der Alte heimzuführen gedenkt, hob der Volontair an, während ein rohes Lachen ſeine Worte be⸗ gleitete. wenn ich mich recht entſinne, ging ſchon vor einem Jahre das Gerücht, er ſei verlobt.

Verlobt? warf der Magazinier ſpöttiſch ein.Ah⸗ bah, glauben Sie das nicht, der Alte ſtreut's freilich aus, aber das hübſche Mädchen denkt vorerſt noch nicht daran, dem alten Filz ihr Jawort zu geben.

Und darf man fragen, aus welcher Quelle Sie dies wiſſen? fragte der Buchhalter.Mir hat vor wenigen Tagen noch unſer Principal verſichert, die Verhältniſſe ſeines Hauſes würden bald ſich anders geſtalten, denn er ſei feſt entſchloſſen, noch im kommenden Frühjahre zu hei⸗ rathen.

Geſagt mag er's haben, vielleicht glaubt er auch ſelbſt an die Erfüllung ſeiner Hoffnung, erwiderte der Maga⸗ zinier,mir bangt aber, er wird ſich täuſchen. Seine Nichte, die er, wie Sie wiſſen, zu ſeiner Hausfrau aus⸗ erſehen hat, iſt allerdings arm und lebt in drückenden

giment, von den andern iſolirt und in keiner Verbindung mit dem Heere ſtehend, das in allen ſeinen Theilen auseinandergeriſſen war, ſtarb für ſeine eigene Rechnung. Sie hatten, um dieſe letzte Action zu machen, die Einen auf den Anhöhen von Roſſomme, die Andern in der Ebene von Mont⸗Saint⸗Jean eine Stellung genommen. Dort rangen ſie verlaſſen, beſiegt, Schrecken erregend, furchtbar mit dem Tode. Ulm, Wagram, Jena, Friedland ſtarben mit ihnen. In der Dämmerung, gegen neun Uhr Abends, war am un⸗

tern Theile des Plateau von Mont⸗Saint⸗Jean von ihnen nur noch ein einziges übrig. In dieſem unheilvollen kleinen Thale, am Fuße des von den Küraſſieren erklommenen Abhangs, jetzt von engliſchen Maſſen überſchwemmt, kämpfte dieſes Carré unter dem

V teer einer ſchrecklich dichten Wolke von Wurfgeſchoſſen. Es wurde von einem wenig bekannten Officier, Namens Cambronne, befeh⸗ ligt. Bei jeder Salve verminderte ſich das Carré und erwiderte das Feuer. Die Kartätſchenſchüſſe beantwortete es mit Musketen⸗ feeuer, während es ſeine vier Mauern immer enger zuſammenzog.

DDon fern hörten die Flüchtigen, die ganz außer Athem einen

Augenblick ſtehen blieben, in der Dunkelheit dieſen immer mehr und

mmehr abnehmenden düſtern Donner.

Als dieſe Legion nur noch eine Handvoll Leute, ihre Fahne nur noch ein Fetzen war, als ihre Flinten, für die ſie keine Patro⸗ nen mehr hatten, nur noch Stöcke waren, als der Haufen der Leichen weit größer war, als die Gruppe der Lebenden, gab es unter den Siegern eine Art von heiligem Schrecken um dieſe erha⸗

benen Sterbenden herum, und die engliſche Artillerie, die Athem ſchöpfen wollte, ſchwieg. Es war eine Art von Friſt. Die Käm⸗ pfenden hatten um ſich her, wie ein Gewimmel von Geſpenſtern,

ſich kreuzenden Feuer der ſiegreichen feindlichen Artillerie und un⸗

Silhouetten von Männern zu Pferde, das ſchwarze Profil der Kanonen, den klaren Himmel, den ſie durch die Räder und Lafet⸗ ten wahrnehmen konnten; der coloſſale Todtenkopf, den die Helden immer in dem Rauche im Hintergrunde einer Schlacht ſehen, näherte ſich ihnen und betrachtete ſie. Sie konnten in dem Däm⸗ merungsdunkel hören, daß die Geſchütze geladen wurden, die den Tigeraugen in der Nacht ähnli aangezündeten Lunten bildeten einen Kreis um ihre Häupter herum; alle Zündruthen der edgli⸗ ſchen Batterien näherten ſich den Geſchützen, und dann

XV. Cambronne.

Auf das Wort Cambronne's antwortete die engliſche Stimme:Feuer! Alle Batterien blitzten, der Hügel erzitterte; aus allen dieſen ehernen Geſchützmündungen ergoß ſich ein letzter, furchtbarer Kartätſchenhagel; eine von dem aufgehen⸗

den Monde etwas weiß gefärbte dichte Rauchwolke wälzte ſich fort,

uud als der Rauch ſich zertheilt hatte, gab es nichts mehr. Dieſer furchtbare Reſt war vernichtet; die Garde war todt, die vier

Mauenn der lebenden Redoute lagen niedergeſtreckt; kaum bemerkte

man hier oder dort ein Zittern unter den Leichnamen. So hauch⸗

ten die franzöſiſchen Legionen, die größer als die römiſchen Legio⸗ nen waren, auf der von Regen und Blut durchnäßten Erde, in dunkeln Weizenfeldern ihren letzten Athem auf der Stelle aus, wo jetzt Joſeph, der den Briefpoſtdienſt in Nivelles beſorgt, des Morgens um vier Uhr heiter pfeifend und ſein Pferd peitſchend vorüberkommt. C.

(VIII. Jahrg.

Er hat lange genug um ſie geworben, denn

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