Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
467
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V. d

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hr Nr. 30.]

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Dritte

Folge. 467 4

Novellen-Zeitung.

Die Preisnovelle.

Novelle

Ewald Aug. König.

(Fortſetzung.)

Die drei Wochen, welche Gottfried in der Expeditions⸗ ſtube noch zubringen mußte, waren raſch verſtrichen, und eines Morgens trat der junge Mana in das Bureau des Poſtmeiſters, um Abſchied von dieſem und ſeinen rückſtän⸗ digen Sold in Empfang zu nehmen.

Der Poſtmeiſter hatte, wie es ſchien, ihn erwartet, denn auf ſeinem Pulte lag die kleine Summe ſchon abge⸗ äählt, er ſelbſt ging mit großen Schritten in ſeinem Zim⸗ mer auf und ab.Ich weiß, weßhalb Sie kommen, und habe mich auf Ihren Beſuch ſchon vorbereitet, hob er an, als der Ex⸗Secretär eingetreten war.Wir werden raſch miteinander fertig ſein; dort liegt Ihre Abrechnung und das Geld, welches Sie nach dieſer noch zu fordern haben; ſehen Sie einmal, ich glaube, es iſt ſo in Ordnung.

Gottfried-warf einen Blick auf die Rechnung.Fünf⸗ zehn Thaler Gehalt, davon ab vier Thaler fünf Silber⸗ groſchen Deficit, laut beiliegenden Defectzetteln, bleiben zehn Thaler fünfundzwanzig Silbergroſchen, las er. Ich habe gegen die Richtigkeit dieſer Aufſtellung nichts einzuwenden, verſetzte er.

Würde es Ihnen auch nicht gerathen haben! fiel der Poſtmeiſter rauh ihm in's Wort;na, jetzt quittiren Sie, alsdann ſind wir miteinander im Reinen! Haben Sie den neuen Secretär, der geſtern hier eingetroffen iſt,

in ſein Amt eingeführt? So wäre alſo auch dieſer Punkt geordnet, fuhr er fort, als der junge Mann die Frage durch ein Kopfnicken bejahte.Und nun erlauben Sie, daß ich Ihnen noch einige gute Lehren mit auf den Weg gebe.

Ich weiß, welcher Art dieſelben ſind, und erlaſſe ſie Ihnen, unterbrach Gottfried ihn ruhig.Sollte ich mich ſtets Ihren Anſchauungen fügen und danach mein Thun und Laſſen einrichten, ſo würde ich bald ein Bureaukrat

im vollſten Sinne des Wortes ſein, eine Maſchine, die zu nichts Anderem taugt, als nach der Schablone zu arbeiten

und wenn ich mich ſo ausdrücken darf nach der Schablone zu denken; dafür aber danke ich, zum Staats⸗ Hämorrhoidarius kann man's jeden Tag bringen, vorläu⸗ fig hat's bei mir noch Zeit damit.

Sprachlos vor Erſtaunen ſtarrte der Poſtmeiſter den

Redenden an, der mit ſo unerhörter Kühnheit gegen ihn auftrat.Herr, in des Kuckucks Namen! donuerte er endlich;nehmen Sie ſich zuſammen, ſonſt aber nein, unterbrach er ſich ſelbſt,ich vergaß, daß Sie nicht mehr im Staatsdienſt ſtehen! Sie werden aber noch einmal wünſchen, und das vielleicht ſehr bald, dieſen Schritt unge⸗ ſchehen machen zu können; vergeſſen Sie alsdann nicht, daß Sie allein an Ihrer Entlaſſung die Schuld tragen.

Entlaſſung iſt wohl das richtige Wort nicht, ver⸗ ſetzte Gottfried gelaſſen,ich bin freiwillig ausgetreten, Sie hatten Ihre Kündigung ja zurückgenommen. Wie es aber auch kommen mag, nie werde ich bereuen, daß ich einen Poſten aufgab, deſſen Einkünfte mit denen eines Hausknechts auf gleicher Stufe ſtehen, und Ihre Befürch tung, daß ſchon bald die Reue mich ereilen werde, iſt durchaus unbegründet, denn ich übernehme ſchon morgen einen Poſten, der mir mehr als das Doppelte meines bis⸗ herigen Gehalts einbringt.

Waaas? rief der Poſtmeiſter.Alle Wetter, Herr, da hat das Glück Sie ja auffallend begünſtigt! Doch trauen Sie ſeinen Gunſtbezeigungen nicht, es iſt wetter⸗ wendiſch, und mir bangt, wenn Ihr neuer Vorgeſetzter Sie kennen lernt, wird die geträumte Herrlichkeit bald ein Ende haben.

Dem jungen Manne konnte nicht entgehen, daß der Poſtmeiſter nichts ſehnlicher wünſchte, als das Eintreffen ſeiner Befürchtungen, und da das Geſpräch eine immer unangenehmere Wendung für ihn nahm, ſo brach er kurz ab und reichte dem ehemaligen Vorgeſetzten die Hand zum Abſchiede.Leben Sie wohl, verſetzte er,ich trage⸗ Ihnen keinen Groll nach, trotz Ihrer rauhen Außenſeite war ich Ihnen ſtets zugethan; ſollte mich aber das Glück verlaſſen und das Schickſal mir hart mitſpielen, ſo werde ich dafür Sorge tragen, daß dies nicht zu Ihrer Kenntniß kommt; ich will nicht, daß der Glaube an eine Reue über meinen jetzigen Schritt je in Ihnen erweckt wird.

Leben Sie wohl! erwiderte der Poſtmeiſter, während ein ſarkaſtiſches Lächeln über ſein Antlitz flog.Sollten Sie einmal eines Fürſprechers bei der Ober⸗Poſtdirection bedürfen, ſo erinuern Sie ſich nur meiner, ich werde gerne zu Dienſten ſtehen.

Gottfried athmete erleichtert auf, als der Poſtillon in's Horn blies, die Pferde anzogen und der Wagen, der ihn in ſeinen Wohnort bringen ſollte, abfuhr. Er ſchied gern und doch auch wieder ungern aus dem kleinen Städt⸗ chen, gern, weil er einem einförmigen, drückenden Sclaven⸗ leben entrann, ungern, weil er Eleonore, ſie, die er von Tag zu Tag ſtärker liebte, deren Bild mit unauslöſchlichen Farben ſeinem Herzen eingeprägt war, zurücklaſſen mußte.