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Nr 29.]
iſt in Mißcredit geſunken; die radicale Linke iſt toller als je. Es gibt ebevſoviel zu thun wie im März 1831, und die Gefahr iſt weniger groß; das revolutionäre Fieber da⸗ mals hatte, obwohl es nur ein künſtlich hervorgerufenes war, dennoch mehr Wirklichkeit als die jetzige kleine Bewe⸗ gung. In wenig Worten zuſammengefaßt, der Rath, den ich Ihnen aus tiefſter Ueberzeugung geben würde, iſt, vor der Gelegenheit nicht zurückzuweichen, wenn ſie Ihnen, wie ich glaube, in der Kürze angeboten werden wird. Es wird nicht alle Tage die Macht gegeben, ſein Vaterland zu retten.“
Die vorhergeſehene Kriſis ließ nicht auf ſich warten. Der König, die Miniſter und das Publicum, Jedermann war entweder dazu entſchloſſen oder hatte ſich darein erge⸗ ben. Am 20. October überreichte das Cabinet dem König den Entwurf der Thronrede, mit welcher er die Seſſion der Kammern eröffnen ſollte. Die Sprache in demſelben war würdig und gemeſſen; aber er war in der Ausſicht auf einen Krieg abgefaßt und um das Land einen ſolchen ahnen zu laſſen, indem es um die Mittel gebeten wurde, ſich da⸗ für vorbereiten zu können. Der König verweigerte, ſich in dieſe Richtung und auf den Abhang dieſer Zukunft zu ſtellen. Die Miniſter reichten ihm ihre Demiſſion ein, die er ohne gegenſeitige Bitterkeit annahm; von beideu Seiten hatte man den Ausgang, zu dem man gelangte, vorhergeſehen und war darauf vorbereitet; am zweitfolgen⸗ den Tage, am 22. October, ſchrieb mir Thiers:
„Mein theurer College! Ich habe eine telegraphiſche Depeſche an Sie gerichtet und ich füge derſelben einen Brief des Königs hinzu, der Ihnen durch einen außer⸗ ordentlichen Courier zugehen wird. Sie werden ſicher vor jeder Erklärung ſchon errathen haben, um was es ſich han⸗ delt. Das Cabinet iſt mit dem König über die Abfaſſung der Thronrede nicht einig geweſen, und wir haben ihm unſere Demiſſion eingereicht. Ich glaube, daß unſere Rede gemäßigt und für die Lage der Umſtände ganz richtig war.
Dritte Folge.
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Der König hat indeſſen darüber anders gedacht, und ich bin weit entfernt, mich darüber zu beklagen. Die Lage iſt ſo ernſt, daß ich vollkommen die verſchiedenen Meinungen begreife, die ſie einflößt. Natürlich ſind Sie einer der Männer, an welche der König bei dieſer Gelegenheit am meiſten gedacht hat, und er wünſcht, daß Sie ſich ſo viel wie nur möglich beeilen, um ihm zu helfen, aus den ſehr großen Verlegenheiten des Augenblicks herauszukommen. Das Land iſt in einem Zuſtande, der uns Allen die größte Selbſtverleugnung befiehlt. Wie ich auch über das Alles denken mag, ſo bin ich doch feſt entſchloſſen, Niemandem Schwierigkeiten zu bereiten.“
Der König ſchrieb mir aus Saint Cloud unter dem zu danken, den ich auf die Nachricht von dem Attentat des Darmèés am 19. an ihn gerichtet hatte. Er ſagte zu mir: „Mein lieber Geſandter! Ich bin von dem Briefe, den Sie mir geſchrieben haben, ſehr gerührt. Sie würdigen meine Lage gebührend und Sie fühlen, wie ſehr ſie durch die Gefahren erſchwert wird, denen die meinem Herzen theuerſten Weſen ausgeſetzt ſind, indem ſie mich begleiten. Der göttliche Schutz hat ſie bisher, ſo wie mich, bewahrt: er wird mir die Kraft geben, dieſen zähen Widerſtand ge⸗ gen die Wuth der Anarchie, die um jeden Preis den Krieg will, fortzuſetzen. Ich hoffe, die Abſichten der Anarchiſten zu nichte zu machen, und welches auch ihre Verſuche ſein mögen, ſo werde ich vor denſelben nicht zurückweichen. Ich bedaure, Ihnen melden zu müſſen, daß meine aufrichtigſten Anſtrengungen, um der Auflöſung des Miniſteriums vor⸗ zubeugen, endlich dieſen Abend geſcheitert ſind, und daß wir in eine miniſterielle Kriſis eintreten! Sie werden daher nicht überraſcht ſein, daß ich wünſche, Sie ſo ſchnell wie möglich in Paris eintreffen zu ſehen, um mich mit Ihnen unterhalten zu können. Herr Thiers hat es übernommen, in ſeiner amtlichen Eigenſchaft Sie darum zu bitten; aber ich habe auch Sie ſelbſt darum zu bitten und Ihnen die
Royal Pleasure; daſſelbe bedeutet auch eine Aufſchrift in San⸗ ſkritbuchſtaben. Aus dem großen Bücherſaale tritt der König auf einen Söller, um den Vorſtellungen der Schauſpieler und Tänzer zuzuſchauen.
Daß die Frauengemächer keinen geringen Raum einnehmen, finden wir glaubhaft, weil Se. Majeſtät allein ſechsbundert Gemahlinnen und Nebenfrauen unterhalten, während die Ge⸗ ſammtzahl der innerhalb der Palaſtmauern wohnenden Schönen auf etwa dreitauſend angegeben wird. Die Gemächer der Ge⸗ mahlinnen ſind glänzender ausgeſtattet, auch mangeln ſchöne Gärten nicht, und dieſe werden um ſo höher geſchätzt, da im Uebrigen die königlichen Damen von dem Verkehr der Außenwelt abgeſchloſſen ſind. 1
6.
Literatur. Novellen und Erzählungen von Hedwig Wolf. Paderborn, Verlag von Schöningh. Die Verfaſſerin heißt, wie aus einer Parentheſenbemerkung
hervorgeht, Louiſe Thal, und hat dagegen den mehr poetiſchen
Namen Hedwig Wolf angenommen.
Sie gibt in dieſem elegant gedruckten Bande vier kleine Er⸗ zählungen, deren Inhalt der modernen Zeit angehört und die den Ton der bürgerlichen Herzensgeſchichte an ſich tragen.
Eine ziemlich lebendige Phantaſie iſt darin thätiger, als das Talent zu guter Compoſition. Der Dialog hat Lebendigkeit, und die Leſer wiſſen, daß es nicht überall gerechtfertigt iſt, geiſtreiche Blitze zu erwarten. O. B.
Cyanen. Gedichte in bunter Reihe, von Julius M ühl⸗ fel d. Anklam, Verlag von Dietze.
Nicht die erſte, ſondern die zweite Auflage dieſer Lieder haben
wir hier vor uns. Wir ſehen daraus, daß das Publicum dem
guten Rathe Schiller's: „Windet zum Kranze die goldenen Aehren, Flechtet auchblaue Cyanen hinein!“
recht fleißig nachgekommen iſt. Dieſer Cyanenſtrauß iſt dem Herzog von Coburg, dem Beſchützer deutſcher Nationalität, ge⸗ widmet; doch ſind dieſe poetiſchen Ergüſſe nicht politiſcher Natur, ſondern die ſtillen gefühlvollen Betrachtungen eines idylliſch be⸗ ſcheidenen Gemüths.
Daß der Dichter in ſeinem Büchlein natürlich an Liebe und Allem,„deß ſie klagt und jauchzt“, nicht arm iſt, verſteht ſich von ſelbſt. In Bezug auf Sprache und Gedankenbildung laſſen ſich noch, ohne kühn zu ſein, manche Fortſchritte erträumen. O. B. ——
Licht und Schatten. Schauſpiel in fünf Acten, von Ernſt Wichert. Berlin, Verlag von Decker.
„Dem Zeloteneifer der proteſtantiſchen Gregore ſind heut zu Tage Schranken geſetzt. Der Ruf: Kreuziget ibn! tönt nicht mehr ſo laut von den Kanzeln und Lehrſtühlen, wie noch vor we⸗ nigen Jahren. Das Prunken mit rein äußerlichen Formen der Frömmigkeit iſt nicht mehr in allen bürgerlichen Berufszweigen das untrügliche Beweismittel der Geſinnungstüchtigkeit, nicht mehr der Weg zu Beförderung und Kundſchaft, aber veraltet iſt darum die angegebene Tendenz leider noch lange nicht. Der Teu⸗ fel, der ſchlau genug iſt, ſich nicht mehr ſo ungenirt auf der offnen Straße ſehen zu laſſen, figurirt im Stillen noch ganz munter und
21. October Abends und begann damit, mir für den Brief
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