gibt Ihnen nicht das Recht, mich, wenn auch nur indirect,
zu beleidigen, und wenn Sie dem Grunde dieſer Verſehen nachforſchen wollen, ſo ſuchen Sie ihn in der anſtrengen⸗ den Arbeit, die mir hier aufgebürdet wird, und den man nigfachen Sorgen, die bei dem armſeligen Gehalt nicht ausbleiben können.“
„Damit Sie ferner nicht Veranlaſſung finden, ſich über dieſes armſelige Gehalt und den anſtrengenden Dienſt zu beſchweren, ſo kündige ich Ihnen hiermit, laut Para⸗ graph 3 Ihres Vertrags mit der Oberpoſt⸗Direction, auf vier Wochen!“ entgegnete der Poſtmeiſter gelaſſen.„Nach Ablauf dieſer Zeit werde ich Ihnen das rückſtändige Ge V halt auszahlen, und Sie können ſich dann zum Kuckuck ſcheeren! Gott befohlen!“
„Voilà die unausbleibliche Folge Deines Roman⸗ ſchreibens!“ hob Julius an, der während der letzten Worte des Poſtmeiſters eingetreten war.„In optima forma au die Luft geſetzt— habe ich Dir's nicht vorausgeſagt?“
„Spotte nur!“ verſetzte Gottfried verletzt.„Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu ſorgen, und Dir kann's ja einerlei ſein, wie es mir ergeht!“
„Nur nicht gleich ſo hitzig!“ erwiderte Julius.„Daß ich Dein treuer und aufrichtiger Freund bin, wirſt Du wohl längſt wiſſen, mithin iſt Dein Vorwurf grundlos und ungerecht. Der Alte läßt ein Wörtchen mit ſich reden, er iſt ſo ſchlimm nicht, wie er ſcheint, und gib Acht, es be⸗ darf nur meiner Fürbitte, ſo nimmt er die Kündigung zu⸗ rück. Aber eine Lehre für die Zukunft magſt Du's Dir immerhin ſein laſſen, gib das Romanſchreiben d'ran, Du bringſt es doch nie zu etwas Beſonderem, und in dem zahl reichen Troß der Schriftſteller einer der unbedeutendſten zu ſein—“ b
„Iſt doch immerhin noch angenehmer und der Würde des Menſchen angemeſſener, als in dem Troß der Poſt⸗ ſecretäre ebenfalls mit dem orangefarbenen Kragen und den geprägten Knöpfen einherzuſchreiten!“ fiel Gottfried
2 Uovellen- Zeitung.
ihm in's Wort.„Was Deine Fürbitte anbetrifft, ſo ver⸗ zichte ich auf dieſelbe; ſelbſt wenn der Poſtmeiſter die Kün⸗ digung aus eigenem Antriebe zurücknimmt, werde ich die⸗
ſelbe doch als geſchehen betrachten und nach Ablauf der
nächſten vier Wochen austreten.“
Julius wandte ſich überraſcht um.„Biſt Du von Sinnen?“ fragte er.„Unmöglich kann das Dein wohl⸗ überlegter Entſchluß ſein; gehe einmal ernſtlich mit Dir zu Rathe und hüte Dich, in der Uebereilung Schritte zu thun, die Du vorausſichtlich bitter bereuen würdeſt.“
„Mein Vorſatz iſt kein übereilter!“ entgegnete Gott⸗ fried feſt.„Jahrelang ſchon hegte ich den Wunſch, dieſes Sclavenjoch abzuſchütteln, bis jetzt fehlte mir die Energie dazu, Dank dem brutalen Benehmen des Poſtmeiſters habe ich dieſe nun gefunden, und nichts wird mich davon abhal⸗ ten, meinen Eutſchluß auszuführen.“
Julius zuckte die Achſeln und nahm die unterbrochene Arbeit wieder auf.„Wirſt ſchon wieder vernünftig wer⸗ den!“ hob er nach einer Weile an.„Wenn der erſte Zorn verraucht iſt und es wieder klar wird in Deinem verſtör⸗ ten Kopfe, zuuß es Dir bald einleuchten, daß Du nichts Beſſeres thun kannſt, als zu bleiben, wo Du biſt; draußen blühen Dir auch keine Roſen, und fünfzehn Thaler monat⸗ lich ſind doch immerhin mehr als nichts.— Apropos, was haſt Du bei Deiner Angebeteten ausgerichtet?“
Der junge Mann nahm keinen Anſtand, dem Freunde den Erfolg ſeines Beſuchs zu berichten, und dieſer lachte, als Gottfried ſeine Mittheilung beendet hatte, laut auf. „Da ſiehſt Du, was man heutzutage mit ehrlicher Offen⸗ heit ausrichten kann!“ hob er an.„Ich glaube, Du wäreſt im Stande geweſen, das ganze curriculum vitae des Mädchens herzuplappern, wenn ſie Dir dazu Zeit ge⸗ laſſen hätte. Du biſt noch ſehr arm an Erfahrungen, mein guter Freund, und thäteſt beſſer, das Complimentir⸗ buch oder den„feinen Geſellſchafter“ zu ſtudiren, als in den alten Scharteken halb vergriffener Claſſiker herumzu⸗
Dieſe Erzählungen ſcheinen aus einem anderen Zeitalter zu ſtammen. Etwas dieſer Viſion Aehnliches erſchien ohne Zweifel in den alten orphiſchen Epopöen, die von den Centauren, den alten Hippanthropen, jenen Titanen mit einem menſchlichen Geſicht und einer Pferdebruſt, die im Galopp den Olymp erkletterten, erzählten, ſchrecklich, unverwundbar, erhaben, Götter und Thiere.
Ein ſonderbares numeriſches Zuſammentreffen war es, daß 26 Bataillone dieſe 26 Schwadronen empfingen. Hinter dem oberſten Kamme des Plateau wartete, ruhig, ſtumm, unbeweg⸗ lich, von einer verdeckten Batterie beſchützt, die engliſche Infanterie, die dreizehn Carrés gebildet hatte, zwei Bataillone das Carré, und in zwei Linien, ſieben in der erſten, und ſechs in der zweiten Linie, den Gewehrkolben an der Schulter, das Gewehr anſchlagend, wenn etwas kommen ſollte. Sie ſah die Küraſſiere nicht, und die Küraſſiere ſahen ſie nicht. Sie hörte dieſe Fluth von Männern reiten. Sie hörte den immer zunehmenden Lärm der 3000 Pferde, das abwechſelnde und ſymmetriſche Aufſchlagen der Hufe beim ſcharfen Trab, das Aneinanderſtoßen der Küraſſe, das Klirren der Säbel und eine Art von einem ſtarken, wilden Sauſen. Es herrſchte eine furchtbare Stille, dann erſchienen plötzlich unterhalb des Kammes des Plateau eine lange Reihe von erhobenen Armen, die den Säbel ſchwangen, und die Helme und Trompeten und Fahnen und 3000 Köpfe mit grauen Bärten, welche riefen: Es lebe der Kaiſer! Dieſe ganze Cavallerle rückte auf das Plateau, und es war wie der Eintritt eines Erdbebens.
Plößlich ſtockte— ein tragiſcher Vorfall— zur Linken der Engländer, zu unſerer Rechten, die vorderſte Zuglinie der Küraſ⸗ ſiere mit einem ſchrecklichen Geſchrei. Als die Küraſſiere voller Feuer und ſich ganz ihrer Wuth und ihrem Vernichtungsritt gegen
die Carrés und die Geſchütze überlaſſend, an den culminirenden Punkt des Plateau gelangt waren, bemerkten ſie zwiſchen ſich und den Engländern einen Graben, eine Grube. Es war der Hohlweg von Ohain.
Der Augenblick war entſetzlich. Der Schlund war da, un⸗ erwartet, klaffend, ſenkrecht unter den Füßen der Pferde, zwiſchen ſeinen beiden ſteilen Seitenwänden zwei Klafter tief; der zweite Zug drängte den erſten, der dritte den zweiten hinein; die Pferde bäumten ſich, drängten ſich rückwärts, fielen auf ihr Kreuz, ſtreck⸗ ten die vier Beine in die Luft, warfen ihre Reiter ab und zer⸗ ſtampften ſie, und es gab kein Mittel zurückzuweichen, denn die ganze Colonne war nichts weiter, als ein Wurfgeſchoß, deſſen Stärke, die erlangt war, um die Engländer zu zerſchmettern, die Franzoſen zerſchmetterte, da der unerbittliche Schlund erſt, als er ganz gefüllt war, nicht länger ein Hinderniß bildete; Reiter und Pferde rollten durcheinander hinein, zermalmten einander und machten in dieſem Schlunde nur eine Maſſe, und als dieſer Graben voll von lebenden Menſchen war, ritt man darüber, und der Reſt paſſirte. Faſt ein Drittel der Brigade Dubois ſtürzte in dieſen Abgrund.
Damit begann der Verluſt der Schlacht.
Eine Localſage, die augenſcheinlich überzreibt, ſagt, 2000 Pferde und 1500 Mann hätten in dem Hohlweg von Ohain ihr Grab gefunden. Wahrſcheinlich ſind in dieſer Zahl alle Leichname einbegriffen, die man am Tage nach der Schlacht in dieſen Schlund warf...
Ehe Napoleon zu dieſem Angriff der Küraſſiere Milhaud’s den Befehl ertheilte, hatte er das Terrain genau erforſcht, er hatte aber dieſen Hohlweg nicht ſehen können, der auf der Oberfläche
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[VIII. Jahrg.
Nr.
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