Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
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Jahrg Nr.

die Hoffnung, den Preis zu erringen und dadurch ſeinem

29.)

novellen⸗Zeitung.

Die Preisnovelle. Novelle

Ewald Aug. König.

(Fortſetzung.)

Seit jenem Tage waren zu Anfang unſerer Erzählung zwei Jahre verſtrichen; Gottfried wurde wenige Wochen nach Unterzeichnung des Contracts in ein kleines Land⸗ ſtädtchen verſetzt und harrte hier von Tag zu⸗Tag auf die ihm verſprochene Beförderung, ohne ſeine Hoffnung erfüllt zu ſehen. Er beſchäftigte ſich auch jetzt noch mit literari⸗ ſchen Arheiten in ſeinen Mußeſtunden und konnte mit ſei⸗ nen Erfolgen auf dieſem Felde ſehr wohl zufrieden ſein. Da las er eines Tages in einem der beliebteſten Journale die Aufforderung zur Betheiligung an einer Novellen⸗ Concurrenz, und da die Bedingungen ihm zuſagten und er ohnedies den feſten Entſchluß gefaßt hatte, ſobald als mög⸗ lich aus dem Staatsdienſte zu ſcheiden, um ſich ganz dem inneren Berufe zu widmen, ſo entwarf er ungeſäumt den Plan zu einer den geſtellten Anforderungen entſprechenden Novelle, mit der er als Mitbewerber um die für die drei beſten Arbeiten ausgeſetzten Preiſe aufzutreten gedachte. Das Ende des zur Einſendung feſtgeſetzten Termines lag ſchon nahe, und Gottfried ſah ſich genöthigt, mehrere Nächte zu durchwachen, um ſeine Arbeit rechtzeitig ab⸗ ſchicken zu können. Luſt und Liebe zur Sache ſelbſt und

nicht auf Erdichtung beruht, vielmehr eines jener uner⸗ klärlichen Geheimniſſe iſt, welche die Natur dem Auge des Menſchen nicht offenbart. Als er ſeine Novelle beendet und abgeſchickt hatte, fühlte er ſeinen Muth wieder ſinken, Zweifel an der Verwirklichung ſeiner Hoffn ungen tauchten in ſeiner Seele auf, eine fieberhafte Unruhe bemäch⸗ tigte ſich ſeiner und ließ ihn bald verzagen, bald wie⸗ der mit neuer Hoffnung und Zuverſicht in die Zukunft ſchauen.

Wir verließen den jungen Mann in dem Augenblick, in welchem er ſich auf dem Wege zu ſeiner Wohnung be⸗ fand. Es blieb ihm nur wenig Zeit zu einem Beſuch bei Eleonore, denn un ein Uhr wurde die Poſt wieder geöff⸗ net, zudem nahmen das Mittageſſen und die Toilette eine

volle halbe Stunde in Anſpruch. Mit laut pochendem

Herzen zog er an dem Hauſe des Steuerempfängers die Glocke und nannte der Hausfrau, welche ihm die Thüre öffnete, ſtotternd ſein Begehr, mit Fräulein Eleonore Ge⸗ rolt einige Worte zu reden.

Eleonore hat vor uns keine Geheimniſſe! entgegnete die Alte, einen forſchenden, mißtrauiſchen Blick auf den jungen Mann werfend.

Und doch kann ich nur ihr allein das mittheilen, was mich hierherführt, verſetzte Gottfried.Es iſt durchaus kein Geheimniß, vielmehr eine Privatſache, die nur mich betrifft.

In den Mienen der Frau Steuerempfängerin drückte ſich deutlich die Luſt aus, dem jungen Manne, den ſie, nach ſeinen Worten zu ſchließen, für einen Bewerber um die Hand ihrer Pflegetochter halten mußte, die Thüre vor der Naſe zuzuwerfen, doch als kluge Frau wohl einſehend, daß

Namen die Geltung zu verſchaffen, deren er bedurfte, wenn

her auf den Ertrag ſeiner ſchriftſtelleriſchen Thätigkeit eine

geſicherte Exiſtenz gründen wollte, erleichterten ihm die Arbeit, und je mehr dieſe ſich entwickelte, je näher ſie ihrem Schluſſe rückte, deſto zufriedener ward der junge Mann mit ſich ſelbſt, deſto ſtärker ward ſein Vertrauen, daß man auch ſeinen Namen unter denen nennen würde, die den Preis davon trugen. Die Schilderung eines Balles in ſeiner Novelle machte ihm viel zu ſchaffen; er hatte noch nie einen ſolchen beſucht und ergriff deßhalb die erſte Ge⸗ legenheit, die ſich ihm bot, das Leben und Treiben auf demſelben aus eigener Anſchauung kennen zu lernen. Bei dieſer Gelegenheit nun ſah er Eleonore, und der Eindruck, den das ſchüchterne, bildſchöne Mädchen auf ihn machte, war kein oberflächlicher, ſondern ein tiefer, bleibender. Ihr Bild verließ ihn jetzt nicht mehr, Tag und Nacht ſchwebte

es vor ſeiner Seele, und er fühlte, daß jene Sympathie, welche zwei Seelen ſo plötzlich und eng verbinden kann,

ein ſolches Benehmen ſie unfehlbar zum Geſpräch der gan⸗ zen Stadt machen würde, bezwang ſie ſich und ließ den Secretär eintreten.Treten Sie in dieſes Zimmer, hob ſie in rauhem, barſchem Tone an, während ſie die Thüre zu ihrer Wohnſtube öffnete,ich werde Eleonore benachrichtigen. Bemerken Sie ſich aber, daß meine Toch⸗ ter andere Geſchäfte zu beſorgen hat und es mir ſehr erwünſcht iſt, wenn Sie ſich kurz faſſen. Ueberhaupt finde ich, offen geſtanden, es unſchicklich, hinter dem Rücken der Eltern mit der Tochter verkehren zu wollen, und ich hoffe, daß ſolche Beſuche nicht wiederholt werden.

Der junge Mann warf der Davonſchreitenden einen erzürnten Blick nach und memorirte im Geiſte raſch die Worte noch einmal, welche er zu Eleonore zu reden ſich vorgenommen hatte.

Eleonore ließ nicht lange auf ihr Erſcheinen warten, und beim Anblick des einfach und ſauber gekleideten Mäd⸗ chens, welches in dem gedruckten Kattunkleide und der