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Gottfried gab keine Autwort, er ſtützte das Haupt in die Hand und ſah eine geraume Weile träumeriſch ſinnend vor ſich hin. Erſt als der Poſtmeiſter eintrat und die rauhe Stimme deſſelben ihn aus ſeinem Brüten aufſchreckte, nahm er ſeine Arbeit wieder auf, ſehnlichſt die Mittags⸗ ſtunde herbeiwünſchend, die ihn berechtigte, die dumpfe Ex⸗ peditionsſtube zu verlaſſen. Als die Uhr endlich die erſehnte Stunde ſchlug, erhob Gottfried ſich, ſteckte das corpus delicti in die Taſche und trat ohne Zögern den Weg zu ſeiner beſcheidenen Wohnung an, um dort das Mittagsbrod zu verzehren und dann ſeinem äußeren Men⸗ ſchen durch eine ſorgfältigere Toilette ein etwas beſſeres Anſehen zu verſchaffen.
Gottfried Lieſegang war der einzige Sohn eines ſchlich⸗ ten Handwerkers. Der Vater, ein einfacher, vernünftiger Mann, hatte ihm eine über ſeinen Stand hinausreichende Erziehung geben laſſen, auf die Wahrheit des Sprüch⸗ worts bauend:„Den Geſchickten hält man werth, den Ungeſchickten Niemand begehrt!“ Er ſah voraus, daß man ihn thöricht ſchelten und ihm den Vorwurf machen würde, er ſei vom Hochmuthsteufel beſeſſen und wolle über ſeinen Stand hinaus; doch ließ er ſich dadurch nicht beir⸗ ren, und als man ihm jene Vorwürfe wirklich machte, lächelte er und meinte, die Zeit werde lehren, ob er klug gehandelt habe oder nicht. So ſandte er den wißbegieri⸗ gen Sohn, der weit lieber über ſeinen Büchern lag, als draußen mit den Cameraden ſich herumtummelte, in's
den Lehrern ſtets belobten Lieblings mit lebendigem In⸗ tereſſe und ſichtlichem Wohlgefallen. Er hatte ſich feſt vorgenommen, den Sohn ſtudiren zu laſſen, doch zog das Schickſal einen Strich durch ſeine Rechnung. Zwei auf⸗ einanderfolgende theure Jahre, in denen ſein Geſchäft faſt ganz niederlag, das Siechbett der Gattin und eine lang anhaltende Krankheit, die auch ihn dem Rande des Grabes
Dritte Folge.
Gymnaſium und folgte den Fortſchritten des fleißigen, von
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nahe brachte, verſchlangen nach und nach ſeine Erſparniſſe, die zur Beſtreitung der Studienkoſten beſtimmt waren. Aufangs ſetzte er den Schlägen des Schickſals eine feſte, eiſerne Stirue entgegen, doch allmählich ſank ſein Muth, er verzagte und verlor mit dem Muthe auch den Glauben an eine beſſere Zukunft. Gottfried mußte das Gymnaſium verlaſſen und bei einem Kaufmann in die Lehre treten. Vergebens bot der Knabe all ſeine Ueberredungskunſt auf, den Vater zu einer Aenderung ſeines Entſchluſſes zu be⸗ wegen; umſonſt erboten ſich der Director und die erſten Lehrer des Gymnaſiums, für den talentvollen, ſtrebſamen Schüler ein Stipendium erwirken zu wollen; der alte Mann beharrte eigenſinnig dabei, Gottfried habe jetzt Verpflichtungen gegen den Vater und müſſe eine audere Carriere wählen, das Studium nehme zu lange Zeit in Anſpruch, bevor er ſein Brod erwerben könne.— Gott⸗ fried gehorchte, er überwand ſeinen Widerwillen gegen die monotone, geiſtestöbtende Beſchäftigung in Magazin und Comptoir und begann ſeine Lehrzeit bei dem Colonial⸗ waarenhändler, der ihm für's Erſte den Poſten eines Handlangers hinter dem Ladentiſch auwies. So wenig dieſe Beſchäftigung dem wißbegierigen, mit ganzer Seele an den Wiſſenſchaften hängenden Knaben auch zuſagen konnte, fügte er ſich doch ohne Murren in dieſelbe und ſuchte Abends, wenn der Laden geſchloſſen war, für des Tages Laſt und Mühe in den reichen Schätzen der Litera⸗ tur Entſchädigung. Aber auch das befriedigte ihn bald nicht mehr, er fühlte den Drang nach eigenem Schaffen in ſich, und als die Redaction der Localzeitung ſeine erſten Verſuche, die er anonym eingeſchickt hatte, ohne Zögern aufnahm und er im Allgemeinen günſtige Urtheile über dieſelben fällen hörte, führte ihn dies zu dem Entſchluſſe, die Schriftſtellerbahn zu betreten und mit eiſerner Conſe⸗ quenz zu verfolgen. Um bei ſeinem Principale, der kein Freund der Literatur, vielmehr ein trockner, eingefleiſchter Haudelsmann war, keinen Anſtoß zu erregen, ſchrieb der
Am 12. Juni. Heute kam ein Mann vom American⸗Fluſſe an und brachte ein Stück Erz mit, das gelb ausſieht und etwa eine Unze ſchwer iſt. Wie das von Jedermann beliebäugelt wird! Viele wollen noch nicht glauben, daß es Gold ſei, weil es nicht genau ſo ausſieht wie ein Fingerring; es ſei ja auch unmöglich geweſen, daß dergleichen Schätze bis heute hätten verborgen blei⸗ ben können.
Am 20. Juni. Mein Bote iſt wieder zurück und hat wahr⸗
baftig Goldproben mitgebracht. Alle Leute machen lange Hälſe. Als er das gelbe Zeug aus der Taſche zog und es ihnen unter die Naſe hielt, ſchwanden alle Zweifel; doch meinte ein alter Creole, die ganze Geſchichte ſei von den Yankees ausgedacht worden. Heute Nachmittag packt ſchon Alles auf; Jeder will Gold holen und täglich ein paar hundert Dollars verdienen.
Am 15. Juli. Seit dem tollen Goldfieber iſt es gar nicht mehr auszuhalten. Dienſtboten ſind kaum noch zu haben; was hier bleibt, will ſich höchſtens eine Woche verdingen. Selbſt unſer Neger hat ſich geſtern Abends aus dem Staube gemacht. Heute beſorgen wir Drei, ein General im Heer der Vereinigten Staaten, der Commandeur eines Kriegsſchiffes und ich, der Alcade, ſchon am vierten Tage unſere Küche ſelbſt, mahlen Kaffee, ſchälen Zwiebeln, kochen Fleiſch und backen Fiſche.
Am 18. Juli. Heute langte ein Matroſe mit 136 Unzen Gold an, die er am Yubafluſſe ausgewaſchen hatte. Nun ſind die anderen Seeleute ausgeriſſen und haben vierjährigen Lohn
im Stiche gelaſſen. Meine Zimmerleute, welche am Schulhauſe bauten, ſind auch fontgelaufen.
Im Auguſt.
lang in den Minen, und kam mit Gold im Wertbe von zweitauſend
Mein iriſcher Diener Bob war acht Wochen
Dollars zurück. Früher war er ſparſam, jetzt ritt er ein paar hübſche Pferde, Tebte ungemein flott und tractirte ſeine Freunde. Nun hat der Jubel etwa vier Wochen lang gedauert und Bob geht wieder in die Minen; das Geld iſt ganz alle geworden.
Am 16. Auguſt. Geſtern kamen vier unſerer Bürger vom Federfluſſe zurück; ſie arbeiteten dort mit drei Andern, hatten dreißig Indianer in Dienſt genommen, genau ſieben Wochen und drei Tage gearbeitet und für 76,844 Dollars Gold unter ſich ver⸗ theilt. Einer von meinen Bekannten, der ganz allein auf eigne Fauſt arbeitete, iſt ſechsundvierzig Tage am Yuba geweſen und hat 5356 Dollars heimgebracht, ein Anderer 4534; auch unſere weibliche Dienerſchaft iſt in die Goldgruben geflogen.
5 September. Nun gehe ich auch hin, wo das Gold liegt. Am 21. begegneten uns Leute, die aus den Goldgruben zurückkamen, Ich habe nie eine ſo abgeriſſene, zerlumpte, ausgehungerte, in jeder Beziehung armſelige Gruppe von Menſchen geſehen; nur einige beſaßen abgemagerte Gäule, die übrigen ſchleppten ſich mit wunden Füßen weiter, und baten uns inſtändig um etwas Brod. Da zog der Eine einen ſchweren Beutel mit Gold hervor, um uns für die Gabe zu bezahlen. Dieſe Leute hatten für mehr als hunderttauſend Dollars Gold bei ſich, aber auf weiten Strecken nichts zu eſſen gefunden. Dergleichen kommt hier freilich alle Tage vor. Am 4. October. Wir ſind in den Minen. Das Pfund Mehl koſtet einen halben Dollar, ein Pfund Farinzucker vier, ein Pfund Kaffee fünf Dollars. Von Fleiſch iſt nur an der Sonne gedörrtes, in Streifen geſchnittenes Bullenfleiſch zu baben. Heute wurde eine Schachtel voll Brauſepulver mit 24 Dollars bezähfr Ein
für 40 Tropfen Opium wurden gar 40 Dollars gegeben.
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