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wohnt nicht in dieſen Hallen. Hier thront die Lüge, hin⸗ ter ihrer Larve ſtolzer Zufriedenheit gähnt der Würgengel der Blaſirtheit, ſein giftiger Odem fällt— ein Mehl⸗ thau— in den zarten Blumenkelch Deines Herzeus!
„So in Gedanken verloren, mein Freund?— warum tauzen Sie nicht? haben Sie meinen Rath ſchon vergeſſen?“—
Eduard wandte ſi ihm.
„Ihr Hauptaugenmerk,“ fuhr dieſer mit ernſtem Lächeln fort,„müßte vor Allem darauf gerichtet ſein, ein- flußreiche und nützliche Bekanntſchaften zu machen; heute bietet ſich Ihnen die ſeltene Gelegenheit dazu. Die Welt will mit euergiſcher Hand angefaßt ſein, erſt dann wird ſie dienſtbar, gleich dem ſtätigen Roß unter der bändigenden Kraft eines muthigen Reiters.“
„Ja, die Welt will mit euergiſcher Hand angefaßt ſein,“ wiederholte Eduard mit bitterm Tone.„Man ſoll Nichts erhoffen und erträumen in ihr. Die Blume des Glückes hängt am Abgrunde; wer ſie erhaſchen will, darf nicht zittern und ſtraucheln,— mir blühet ſie nimmer!“ Er ſchwieg plötzlich ſtille, und ſeine Blicke ſchweiften finſter über die Tanzenden hin.
Die rauſchende Muſik verſtummte in dieſem Augen⸗ blicke, und die erhitzten Paare eilten lachend und ſcherzend an ihnen vorüber.
„Kommen Sie!“ ſagte der Major leiſe und geheim⸗ nißvoll, und ſchlug langſam mit ihm den Weg zur Gar⸗ derobe ein.„Ihnen iſt heute etwas Ungewöhnliches be⸗ gegnet,“ flüſterte er dem ſanft Widerſtrebenden in's Ohr und zog ihn ernſt zu ſich nieder auf's Sopha.
Der junge Mann erbebte und drückte krampfhaft die Hand des Fragenden.
ch verlegen, der Major ſtand vor
des Freiherrn hat es mir ſelber offenbart,“ ſagte der Ma⸗ jor mit wehmüthigem Tone.
Uovellen-Zeitung.
„Ich kenne das Geheimniß Ihres Herzeus, die Nichte
RKII Jahrg.
Eduard fuhr überraſcht empor, eine glühende Röthe
bedeckte ſein ſchmerzlich bewegtes Geſicht.
„Sie vermutheten nicht eine Braut des Hauptmanns von Selwitz wieder zu finden, aber,“ ſeufzte leiſe der Major, 1
„Es iſt eine alte Geſchichte,
Doch bleibt ſie ewig neu, Und wen ſie juſt paſſiret, Dem bricht das Herz entzwei.“ .„„... 5. „O, wenn Sie wüßten, wie heiß, wie glühend ich ſie geliebt habe!“ rief Eduard ſtöhnend. „Ich leide mit Ihnen, armer Freund.
Ich weiß es, denn ich habe Ihren Brief an Emilien geleſen,“ ſagte der V Majer mit traurigem Tone. „Sie haben ihn geleſen?“ frug Eduard haſtig;„und ſie, Emilie,— ſie ſagte Ihnen Nichts?“ b„Laſſen Sie mich ſchweigen darüber!“ antwortete der Major und blickte beſ jungen Mannes. „Reden Sie!“ ſtammelte dieſer;„ich beſchwöre Sie! — verſchweigen Sie mir Nichts!“— er ergriff krampf⸗ haft ſeine Hände. „Sie werden es von ihr ſelber vernehmen. Sie bat
mich, Ihnen zu ſagen, daß Sie ſie hier erwarten ſollen,“ antwortete der Major mit gedämpfter Stimme.
Eduard begrub ſein Antlitz in beide Hände; der Ma⸗
jor ſah, wie ihm die Thränen zwiſchen den Fingern dahin⸗ rieſelten.
orgt in das bleiche Antlitz des
„Faſſen Sie Muth, Eduard!“ ſagte er nach einer
Pauſe, ſich plötzlich erhebend.„Treten Sie ihr ſtandhaft gegenüber; es iſt zu Ihrem Unglück, wenn Sie ſich fort⸗ reißen laſſen von Ihrer Leidenſchaft! Geben Sie mir die Hand darauf, daß Sie ihr wie ein Mann gegenübertreten
werden!“—
Eduard reichte ihm ſtumm die Hand, und der verließ langſam das Zimmer.——
Major
Daheim aber erſann man ganz neue, unerhörte Dinge, ganz neue Blumen, ganz andere, viel kunſtvollere Flechten, Flechten von 11 Fäden, die netzförmig aneinander genäht wurden(punta afilza). Ein Mann miſchte ſich ein, wie Achilles unter die Kö⸗ nigstöchter, wie Herkules unter die Kunkelhaltenden, er hieß Luigi Ginuta von Prato, und erfand die gewirkten Flechten. Anderswo flocht man al giorno oder a rilievo, durchſichtig oder in erhabener Arbeit. Zu Fieſole auf der claſſiſchen Höhe miſchte man Seide und Pferdehaare in's Stroh. Dieſes Oertchen bezo von 1840— 1847 jährlich im Durchſchnitt für geflochtenes Stro ein Einkommen von 150,000 Fres. oder 40,000 Thlr.
In Prato zeichnete ſich die Manufactur von Wyſe und Söhne aus, die allein 15,000 Arbeiterinnen in Stadt und Umgegend be⸗ ſchäftigte. Die Binſen von Panama erhoben ſich zum trotzigen Kampfe wider die Halme von Etrurien; lange ſchwankte der Sieg unentſchieden hin und her, bis eine edle Jungfrau, Carbetta Fan⸗ celli, die feindlichen Batterien erſtürmte und ſiegreich ihre Flechte von fünf Faden dort aufpflanzte, die der Binſe von Panama ganz gleich kam.
Bilden Sie ſich nicht ein, es handle ſich bei alledem ſtets nur um Hüte für Männer, Frauen und Kinder. Das toscaniſche Freicorps fertigt aus Stroh ungefähr was es will: Schuhe, Stie⸗ fel, Pantoffeln, Barette, Beutel aller Art, Cigarrentaſchen, Blu⸗ men, und welche Blumen! es fehlt ihnen nichts als der Geruch.
Mit der ſteigenden Geſchicklichkeit und Schwierigkeit der Ar⸗ beit niſtete ſich nicht nur ein immer größerer Unterſchied in den Lohnſätzen ein, ſo daß die Eine 9 Sgr. oder 32 Kr. davontrug, wenn die Andare 1 Thlr. 6 Sgr. oder 2 Fl. 8 Kr. erhielt— das wäre nicht nur erträglich, ſondern auch billig, da jeder Arbeiter
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Fähigkeit nach ihren Werken,“ ſondern es meldeten ſich auch mit der Zeit ſo viele Freiwillige bei den Regimentern an, daß die Oberſten überhaupt mit dem Lohnſatz herabgingen. Leider hat es die Arbeit oder das weibliche Heldenthum noch nicht weiter als bis zum Begriff einer„Waare“ gebracht: iſt vn davon auf dem Markt, ſo zahlt man viel; wird viel angeboten, ſo gibt man wenig.— Hie Meiſterſtücke nehmen bei ſinkendem Lohn durchaus nicht an Vorzüglichkeit ab— das ſetzt Sie vielleicht in Erſtaunen— im Gegentheil, für unglaublich niedrige Löhne wird in der Regel das Unglaubliche an Kunſt geleiſtet. Geben Sie Acht!„Im Jahre 1836 war unter der Leikung der Nanneſe Nannucci ein Hut aus Roggenſtroh angefertigt worden, ſeſtehem aus 125 Flechten, den der Wiener Hof für 1400 Lire ankaufte, d. h. für 315 Thlr. pr. C. 1857 fertigte man eine Capotte oder geſchloſſenen Hut, gleichfalls aus Roggenſtroh aus 200 Flechten beſtehend, jede länger als ein halbes florentiniſches Klafter. Der toscaniſche Hof zahlte dafür 1000 Lire oder 225 Thaler preuß. Cour. War das Stroh billiger geworden, um 90 Thaler billiger?!— Nein, die Arbeit war im Lohn herabgeſetzt, der Profit wird ſich wohl gleich geblie⸗ ben ſein. Maſchinen waren keine dazwiſchen getreten.— Der Bixio des letztgenannten Marſalazugs hieß Erminia Luperi, ſie hatte geflochten; der Sirtori hieß Geſualda Puccini von Santa Crocc, ſie hatte genäht, als Chef des Ge⸗ neralſtabes„combinirt.“ Was dünkt Ihnen, meine Damen, von dieſen obſcuren Helden im Unterrock? und war es nicht Zeit, dem anmaßenden Volke der Männer einmal die Großthaten Ihres n der Krieger für's
(Geſchlechts unter die Augen zu halten? Wen
—— 3—.—— ſeines Lohnes werth iſt, oder wie Saint⸗Simon ſagte:„Jeder—
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