Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
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Novellen-Zeitung.

Der Sohn des Rebellen.

Novelle

von Friedrich Dannemann.

(Schruß.)

Es war bereits dunkel, als er den langen Corridor

durcheilte, der zum Ausgang des Hauſes führte. Am Ende deſſelben öffnete ſich plötzlich eine T hell erleuchteter Schwelle eine junge Dame ſtand, die ihn zu erwarten ſchien. Als er ſich ihr gegenüber befand, erkaunte er zu ſeiner Ueberraſchung Emilien, die Nichte des Freiherrn.

Herr Major, ſagte ſie mit leiſer und zitternder Stimme,darf ich Sie bitten, einzutreten?

Der Major fo mit einer ſtummen Verbeugung. Er war geſpannt, efelge tlich das Fräulein, das ſouſt immer ſo ſehr zurückhaltend und verſchloſſen zu ſein pflegte, heute bewog, aus ihrer Gewohüheit zu fallen. Seine Blicke hefteten ſich fragend auf die ſchweigſame junge Dame. Wie marmorn und durchſichtig erſchienen ihm ihre ſtolzen Züge im ruhigen Lichte der naheſtehenden Lampe! Wie leuchteten die ſchönen Augen unter dem Schatten der lan⸗ gen feuchten Wimpern, die ſie plötzlich zu ihm aufſchlug! Er hatte nie geglaubt, daß dieſe Augen der Spiegel eines tiefen, empfindſamen Gemüthes ſeien, ra ſchte ihn dieſer Zauber zum erſten Male.

1Herr Major, begann ſie mit leiſer Stimme, welche

Dritte Folge.

hüre, auf deren

einen Augenblick bei mir

heute Abend über⸗

vor innerer Bewegung zitterte,es iſt traurig, wenn man

einen Rather hat als ſich ſelbſt, in Dingen, welche das derz und den Verſtand zugleich in Anſpruch nehmen. Da ab ich mich nun mit ſtolzer Zuverſicht auf mich ſelbſt verlaſſen, und bin jetzt in ein Labyrinth von folternden Träumen gerathen, die eine unerwartete Nachricht faſt bis zum Wahnſinn geſteigert hat.

Da bedürfen Sie der aufrichtigen Theilnahme eines eerſtändigen Freundes, ſagte der Major, ergriffen von em traurigen Ton ihrer Stimme.Kann ich Ihnen athen? fügte er leiſe hinzu.

Sie ſchüttelte wehmüthig den Kopf.Es iſt zu ſpät, eüſterte ſie ſchaudernd.Nur über Eins können Sie mir luskunft geben. Es betrifft Jemanden, deſſen Andenken er ſehr theuer iſt. Sie überreichte ihm zitterud einen Lrief.Soeben erhalte ich dieſe Zeilen, kennen Sie den

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Schreiber derſelben? ihre Blicke hingen mit ängſtli⸗ ſcher Spannung an ſeinen Zügen. Der Major warf einen flüchtigen Blick auf das Papier. Eduard Stanitz! rief er überraſcht. Ich bitte Sie, dieſen Brief zu leſen und mir zu ſa⸗ gen, ob er Wahrheit enthält, flüſterte ſie mit ge⸗ gepreßtem Tone. Mein Fräulein, entgegnete der Major mit einer unſchlüſſigen Gebehrde. Sie erweiſen mir einen Dienſt, wenn Sie thun, um was ich Sie bitte! Der Major überflog mit Erſtaunen und zunehmender Theilnahme das Schreiben ſeines jungen Freundes an die Nichie des Freiherrn. Daſſelbe lautete: Es ſind nun drei Jahre, daß wir uns nicht mehr geſehen haben. Wie ich dieſe langen drei Jahre verlebte, darüber ſchweige ich. Ich glaube, daß ich längſt meinem Leben ein Ende gemacht haben würde, wenn nicht die Erinnerung an Sie mich wie ein tröſtender Engel begleitet hätte. O, ich habe Sie geſucht, Emilie, geſucht ſeit vielen Mon den, und athmete dieſelbe Luft mit Ihnen. Mieſel ben Sterne, welche Abends, nach erfolgloſem Umher⸗ irren, durch die vergitterten Fenſter der Caſerne auf mein einſames Lager herabfunkelten, leuchteten auch Ihnen. Die Sterne wußten es, wo diejenige weilte, nach der ſich mein Herz verzehrte, aber ich wußte es nicht. Die Geliebte habe ich damals nicht gefunden, wohl aber einen Freund! O, es gibt gute, edle Menſchen, für die man ſein Leben laſſen könute, der Major von Steffens gehört zu ihnen. Ihm verdanke ich Alles das, was ich jetzt bin, und was wäre ich ohne ihn! Das Leben hat wieder einen Zweck für mich; Ihretwillen, Emilie, flehe ich zum Himmel um Kraft ihn zu erreichen! Fragen Sie nicht, warum ich es wage, Ihnen alles dies zu ſchreiben; ich habe Sie wiedergeſehen, da kann ich nicht länger an mich halten. Wie ſchön und ſtolz erſchienen Sie mir, aber wie ſo bleich, ſo traurig! Gewiß, Sie leiden, das Auge

der Liebe ſieht ſcharf, ja, Sie leiden, Emilie! O,

geben Sie mir ein Zeichen, damit ich es wage, zu Ihnen zu eilen. Ich kann Nichts mehr denken, mein Kopf iſt ſo heiß, ich fürchte zuweilen den Verſtand zu verlieren. Aber dann höre ich wieder die milden, bezaubernden Worte, die Sie mir damals zum Abſchiede ſagten: Sei ein Mann, faſſe Muth, ich werde Dich nimmer vergeſſen! Lebe wohl, wir ſehen uns wieder!

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