er mit einer ſteifen Verbeugung ihr den Arm bot.„Und das Feſt unſerer Verlobung—?“ fragte er lächelnd mit dringendem Tone. „Wird in den erſten Tagen der künftigen Woche ge⸗ feiert!“ ſtammelte ſie erbleichend. Hierauf verließen ſie das Zimmer.
aber ſaß ſie, mit Herrn von Selwitz plaudernd, an der Seite ihres ſeelenvergnügten Onkels.—
„Man ſieht Dich ſo ſelten ſeit einiger Zeit,“ ſagte der Freiherr, ſeinem Freunde, dem Major von Steffens, das leere Glas füllend.
„Viel Dienſt!“ entgegnete dieſer answeichend.„Auf Deine Geſundheit, Du ſcheinſt heute bei roſiger Laune,“ fügte er lächelnd hinzu.
„Habe auch endlich einmal Urſache dazu,“ ſchmunzelte der Freiherr, den funkelnden Hochheimer langſam hinunter⸗ ſchlürfend.„Du wirſt bald eine Hochzeit in meinem Hauſe erleben, künftige Woche ſchon wird mit der Verlobung in Scene gegangen.“
„Alle Wetter!“ lachte der Major,„Du wirſt doch in Deinen alten Tagen keinen Schwabenſtreich mehr be⸗ gehen?“
„Das fehlte mir noch!“ brummte der Freiherr,„die vermaledeite Gicht iſt ſeit Jahren meine Verlobte, die eiferſüchtige Panthippe läßt nicht von mir und benimmt mir alle Luſt zu derartigen Extravaganzen.“
„Du haſt außer der Gicht noch eine junge, heiraths⸗ fähige Nichte, daran dachte ich nicht,“ erwiderte der Major mit Laune.
„Ah, daran dachteſt Du nicht,— aber Herr von Sel⸗ witz hat daran gedacht; heute Morgen haben ſich Beide verlobt,— was meinſt Du dazu?“
„Hm!— ich habe Nichts gegen den Hauptmann—
Uovellen-Zeitung.
Vor der Thüre brach ſie ohnmächtig zuſammen. Nach einer Viertelſtunde
[VIII. Jahrg.
— indeß—— Deine Nichte hat gerade keinen abſonder⸗ lich guten Geſchmack.“
„Oho! für ſie iſt Herr von Selwitz eine glänzende Partie;— ich kann es ihm nicht hoch geuug anrechnen, daß er über ihren bürgerlichen Namen weg ſieht.“
„Nun,— er hat ſeine guten Gründe dazu.“
„Mag er ſie haben, heutzutage heirathet Niemand ehne die ſogenannten guten Gründe.“
„VPfui! Das ſind widerliche Gedanken, es iſt eine Sünde ſie auszuſprechen!“ ſagte der Major mit verächt⸗ licher Miene.
Der Freiherr lächelte ironiſch.„Da hab' ich Dich wieder im richtigen Fahrwaſſer,“ meinte er, die leeren Gläſer füllend.„Für das Vaterland ſterben, ohne vor⸗ herige Ausſicht auf Avancement,— Jemanden lieben um ſeiner ſelbſt willen,— poetiſche Blüthen ſuchen, wo dür⸗ res, proſaiſches Gras wächſt,— das ſind ſo Deine Lieb⸗ lingsmaximen und Träumereien, woran vernünftige und kluge Menſchen niemals Geſchmack finden können.“
„O ihr klugen, vernünftigen Menſchen,“ ſagte der Major mit bitterm Tone,„die ihr Alles in die Retorte eures berechnenden Verſtandes bringen zu müſſen glaubt und das lautere Gold innerer Glückſeligkeit, weil's nicht dahin paſſen will, verächtlich auf die Seite ſchiebt! wahrlich, ihr ſeid zu bedauern!“
„Was ſoll mir das Gold innerer Glückſeligkeit!“ eiferte hämiſch der Freiherr.„Wer iſt ſo geſchickt es dauernd zu gewinnen? wie trügeriſch iſt ſein Glanz, wie bald zerſetzt es die ätzende Säure der Erfahrung!— Ich verlauge nichts weiter vom Leben, als was es allezeit zu liefern im Staude iſt, nackte, widerſpenſtige Elemente, die ich im Schweiße meines Angeſichtes zu praktiſchen, zu nützlichen Zwecken verwerthe. Was darüber geht, iſt vom Uebel. Jage nur immer mit Deinem Idealismus, dem thörichten Knaben gleich, einer prächtig ſchillernden Seifen⸗ blaſe nach, die jedesmal, weun Du ſie zu erhaſchen ge⸗
— in Beziehung zu dem Winde ſo geſtellt ſind, um den möglichſt geringſten Betrag der nervöſen Oberfläche ſeinem Einfluſſe dar⸗ zubieten,
Ebenſo plötzlich, wie ſich die Urſache der Luftſtrömung mei⸗ nem Geiſte aufgedrängt hatte, erlangte ich ein anderes Mittel, um meinen Weg zu beſtimmen. Ich wendete mich nach der Schä⸗ delmauer, von welcher an einer Seite der Hauptweg begrenzt wurde und die noch immer mir zur rechten Hand war. Nun, dachte ich, diejenige Seite des Schädels, welche die wärmere Luftſtrömung ebenſo wie mein Geſicht empfängt, wird von der Wirkung derſelben trockner ſein, als die andere Seite, welche ver⸗ hältnißmäßig dem trocknenden Einfluſſe dieſer äußeren Atmo⸗ ſphäre weit weniger ausgeſetzt iſt.
Es war ſo, wie ich dachte. Die rechte Seite des Schädels — das iſt die Seite, welche rechts war, wenn ich meinen Rücken gegen dieſe Mauer drehte— war glätter als die linke Seite; ſo war es mit zwanzig andern Schädeln, die ich betaſtete. Ich irrte mich nicht, und mein Herz klopfte heftig. Es war klar, ich wußte, daß wir längs des Weges gekommen waren, der zu meiner Linken lag; die wärmere Luftſtrömung kam aber von der Rechten. Ein oder zwei Urſachen ließen ſich dafür auffinden. Entweder täuſchte ſich mein Gedächtniß hinſichtlich der Localität, und der Weg zu meiner rechten Seite war der, auf dem wir gekommen waren, oder es gab mehr als einen Eingang zu dieſen unterirdiſchen Gewöl⸗ ben. Ich beſchloß, den Weg zu meiner Rechten einzuſchlagen. Ich habe ſpäter nie erfahren, wieviele Meilen ich wirklich gegangen bin; mir ſchien es, als ſei ich Hunderte von Meilen gewandert. Ich ſchritt nun ununterbrochen voran, zuweilen ſchneller, zuweilen langſamer, aber ich unterbrach meinen Gang nicht. Ich wußte,
daß ich früher oder ſpäter an eine Eingangsthür kommen mußte. Wenn ich an einen Seitenweg kam, dann mußte ich natürlich einige Schritte auf's Gerathewohl machen. Die Dauer dieſer
angſt, bis ſie wieder die mich beruhigende Reihe der Todesſchädel berührten. Zuweilen vermißte ich den doppelten Leitfaden der trockneren Seite des Schädels und des Gefühls der Wärme in meinem Geſichte, wenn ich mich ſeitwärts ſtellte, doch derſelbe fand ſich bald wieder, wenn ich meinen Weg fortſetzte. Ich ver⸗ muthe, daß zu dieſen Zeiten mein Weg Krümmungen bildete. Wie viele Stunden ich dieſen merkwürdigen Gang fortſetzte, erfuhr ich erſt, als ich mich wieder außerhalb der Katakomben befand. Hätte ich mich niedergeſetzt und auf Hülfe gewartet, ſo würde ich entweder wahnſinnig oder geiſtesſchwach geworden ſein, oder mich getödtet haben. Der Leſer kann feſt überzeugt ſein, ganz einerlet, wie ſchlecht unſere Lage ſein mag, oder in welcher Verlegenheit wir uns befinden, die beſte Hülfe iſt ſtets die, welche wir uns ſelbſt leiſten.—
Ich pflegte— ich ſpreche von meiner Einkerkerung, als ob ſie Monate gedauert hätte— das Raſſeln der Wagen über mei⸗ nem Kopfe mehr oder weniger beſtimmt zu hören, je nach der Dicke der Steindecke über mir. Dennoch war es mir Geſellſchaft. Es war das einzige Geräuſch, welches die Stille um mich her unterbrach— denn ich ſchien die Fähigkeit erlangt zu haben, 3 gehen, ohne irgend einen Ton zu erregen— ausgenommen bei einer mir theuern Gelegenheit, als ich eine Stimme— eine kräf⸗ tige, männliche Stimme ein heiteres franzöſiſches Liedchen ſingen hörte. Ich ſah kein Licht, aber ich war überzeugt, daß ich mich in der Nähe einer Oeffnung der Katakomben, oder wenigſtens an
Schritte ſchienen mir Jahre. Meine Finger zitterten vor Todes⸗.
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