Jahrgang 
15-26 (1862)
Seite
405
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Das Antlitz des alten Herrn wurde mit einem Male

wo ich durch Ihr gütiges Teſtament zur Univerſalerbin kreideweiß, ſeine zitternden Hände umklammerten heftig

Ihrer Millionen ernannt und Herr von Selwitz durch ſeine nobeln Paſſionen gezwungen war, auf eine endliche Verbeſſerung ſeiner finanziellen Verhältuiſſe bedacht zu ſein! Sie brach nach den letzten Worten in ein ſchallen⸗ des Gelächter aus.

und ſeine Augen ſchoſſen Blitze auf das zu ſeinen Füßen ſitzende Mädchen.Wenn man Dich hört, fuhr er mit gereiztem Tone auf,ſollte man glauben, Du ſeiſt eine Prinzeſſin von Geblüt. Erwartungen, ſeitdem Deine Mutter, meine eigenſin⸗ nige Schweſter, Gott habe ſie ſelig! die Thorheit beging, Vermögen, Stand und Familie einem armſeligen Krämer zu opfern? ſeitdem Du ſeinen bürgerlichen Namen trägſt, den ich unter allen Umſtänden wieder zu Ehren bringen will?

Mein Vater war ein Ehrenmann, unterbrach ihn Emilie mit flammenden Blicken;ich leide nicht, daß Sie etwas Ungerechtes über ihn ſagen; mein Vater war arm, aber er hatte ein ſtolzes adeliges Herz, er verſchmähte einſt Ihre gnädige Hülfe, und es ſcheint, daß Sie ihm dies nicht einmal im Grabe verzeihen können, und das, lieber Oukel, zeugt gewiß nicht von einem adeligen Herzen!

Der Freiherr zuckte zuſammen, wie von einer Viper geſtochen.Das gehört nicht hierher, knirſchte er zwiſchen den Zähnen.

So wenig wie der Herr Hauptmann von Selwitz, erwiderte Emilie ſich plötzlich erhebend.

Ah, das alte miſerable Manöver! ſchrie der Frei⸗ herr außer ſich.Ich ſage Dir, es muß ein Ende neh⸗ men, und das heute noch!

Nun, ſo hören Sie mich, ſagte Emilie ſtolz und energiſch,ich will nicht die Gemahlin des Herrn von

Biſt Du berechtigt zu hohen

Selwitz heißen, niemals!

die Lehnen ſeines Stuhles, und mit einer krampfhaften Anſtrengung erhob er ſich plötzlich auf ſeine gelähmten Füße.Du willſt nicht? wiederhole es mir noch einmal, daß Du nicht willſt! ſtammelte er mit gedämpftem

Tone. Emilie ſchwieg. Das Antlitz des Gichtkranken röthete ſich vor Aerger,

Ich bin es lange müde, fuhr er nach einer Pauſe mit leidenſchaftlicher Heftigkeit fort,mich über Deine widerſpenſtigen Launen zu ärgern, ich bin es müde, außer meinem Willen noch einen andern zu hören. Das arm⸗ ſelige Häuschen Deiner verblendeten Mutter hat auch noch heute Raum für ihre hochfahrende, undankbare Tochter. Ich werde meiner eigenſinnigen Nichte freiſtellen, in läng⸗ ſtens einer Stunde darüber nachzudenken, ſie wird mir alsdann zu wiſſen thun, welches von zwei Uebeln ihr das kleinſte dünkt; das Weitere wird ſich finden. Der Frei⸗ herr zog heftig eine Klingelſchnur neben ihm an der Wand. Der Kammerdiener trat eilig in's Zimmer.

Man laſſe meinen Notar bitten, ſich binnen einer Stunde gefälligſt zu mir zu bemühen! ſagte der Freiherr langſam und eiſig.

Der Kammerdiener entfernte ſich wieder mit einer ſtummen Verbeugung.

Wenn meine liebenswürdige Nichte, fuhr der Frei⸗ herr in demſelben Tone fort,noch immer ihrer alten Paſ⸗ ſion zu jenem Betteljungen in Tr huldigt, einer Paſſion, um deretwillen ich ſie vor einigen Jahren von dort entfernen mußte, ſo hat ſie in einer Stunde Gelegen⸗ heit, einen vergeſſenen Roman in Scene zu ſetzen! Dies⸗ mal wird die beſorgte Hand ihres Onkels ſie nicht mehr daran hiudern, eine Thorheit zu begehen!

Mit dieſen Worten wankte der Freiherr langſam ſei⸗ nem Arbeitscabinete zu, deſſen Thüre er eilig hinter ſich ſchloß.

laubniß, die Katakomben beſuchen zu dürfen, gewartet, und an demſelben Morgen, wo ich ſie erhielt, war ich eben mit der Vor⸗

bereitung für eine Reiſe nach London beſchäftigt, wohin mich

dringende Geſchäfte riefen. Nun ging der Eiſenbahnzug um 12 Uhr ab, und die geſchriebene Erlaubniß kam um 10 Uhr an. Es lag nicht in meinem Wunſche, die Gelegenheit zu dieſer unter⸗ irdiſchen Forſchungspartie zu verlieren, zugleich wünſchte ich aber auch, mit dem Zwölfuhrzuge abzureiſen. Deßhalb kam ich zu

Verſtorbener wurden dahin geſchafft und in einer phantaſtiſchen Weiſe aufgeſtellt. Der Beſucher wandelt zwiſchen zwei von Menſchenſchädeln gebildeten Mauern, die ihn alle mit einem ſchrecklichen Blicke anzuſtarren ſcheinen.

Zehn Minuten waren vollkommen genügend, meine Neu⸗ gierde zu befriedigen; aber unſer Führer fuhr ſeiner Beſchäf⸗ tigung treu fort, uns die größten Wunder zu verſprechen, und da ſich unter meiner Geſellſchaft ein paar Damen befanden, ſo

daß die dem Beſchluſſe, wenn eine halbe Stunde von elf bis halb bedarf es kaum der Erwähnung, daß die Neugierde der Geſell⸗ nern, wh zwölf Uhr in den Katakomben mich befriedigt habe, ſo könnte ſchaft durch die Verſicherungen des Führers ſehr lebhaft aufge⸗ hren wün ich noch zur rechten Zeit an der Eiſenbahnſtation ankommen, wenn regt wurde. rch ds ofſ ich eine Droſchke bereit hielte; wofern aber die Beſichtigung dieſer Jeder von uns trug eine kleine Lampe, und wir bildeten eine e werden drn unterirdiſchen Welt anziehend genug ſein würde, um mich länger ſeltſame Gruppe. ht vermall zu feſſeln, ſo wollte ich meine Abreiſe bis zum nächſten ZugeGut, ſagte ich zuletzt,ich denke wirklich, Euch Euren 27dund aufſchieben. 3 3 Spaziergang allein fortſetzen zu laſſen. Ich bin überzeugt, daß ich d Ich fand die Katakomben außerordentlich, aber monoton. ich meinen Rückweg allein finden kann, und ich habe noch Zeit ge⸗ icht iingelie, Bekanntlich waren ſie urſprünglich die Steinbrüche, welche das nug, um den Eiſenbahnzug nicht zu verſäumen. äume zu ur Material zum Bau von Paris lieferten; man hat in der That Der Führer lachte über die Idee, daß ich den Rückweg zum ten t be ganz richtig geſagt, daß Paris von ſeinen eigenen Eingeweiden Eingang allein zu finden mich getraute. Ich ſah nach meiner wetden, Jtn erbaut worden ſei. Sollte ſich je die geringſte vulcaniſche Er⸗ Uhr. Es fehlten noch zehn Minuten an der halben Stunde; haben, 2 ſchütterung unter Paris ereignen es liegt in einer vulcaniſchen wenn ich nicht ſofort zurückging, ſo konnte ich nicht hoffen, die g Ka t. Linie ſo würden ſeine großartigen Paläſte, ja die ganze Droſchke noch zu finden. ulſche geſag, Stadt, von dem Grabe verſchlungen werden, das ſie ſelbſt aus⸗ Wir hatten auf unſerem Wege manche Kreuzwege durch⸗ uck bin, ſo gehöhlt hat. ſchritten; die Katakomben, wie ich ſie ſah, ſchienen allerdings eine

la In Anf an ge dieſ es Jahrhunderts befahl Napoleon, daß alle in regelmäßigen Zwiſchenräumen von kleineren Gaſſen, Höfen d ugn S gräbniß lätze auß erhalb Paris angelegt werden ſollten, und und Gängen durchſchniktene breite Straße zu ſein. Ich war der le Gontes äcker wurden aufgeräumt und zu Bauplätzen benutzt. Letzte von meiner Geſellſchaft und vielleicht blieb ich zögernd 4 Gebei ne, die ſich ſeit Jahrhundert en angeſammelt hatten, etwas zurück, weil ich ungern voranſchritt. Jedenfalls blickie ich Urden in die Katakomben gebracht. Die Gebeine von Millionen mich von einer Seite nach der andern um, als ich, wie der Licht⸗