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trieben. Er ſaß mürriſ ſeidenen Gardinen, von ſeinem bequemen das bewegliche Treiben auf der Promenade betrachtend. Jedenfalls vermuthete man im Hauſe noch nicht, daß er ſchon aufgeſtanden ſei, denn Emilie, ſeine Nichte, ließ mit dem Frühſtück, lange auf ſich warten.
„Gar nichts mehr anzufangen iſt mit der Hexe, ſeitdem ihr der Hauptmann die Cour ſchneidet,“ murmelte verdrießlich der Alte,„aber es nutzt ihr nichts, ſie ſoll und muß unter die Haube, ich bin des miſe⸗ rablen Manövrirens herzlich müde.
Es war eine ſeltſame Figur, von Salenz. Die kurzen Beine hingen regungslos in großen weiten Pelzſtiefeln, nur ſelten bewegten ſie ſich, den bequemen Lehnſtuhl zu verlaſſen; aber die klugen, leb⸗ haften Augen des ſonſt ſo hinfälligen Greiſes beherrſch⸗ ten von dort aus man konnte nicht ſagen, daß irgend Etwas im Hauſe ohne ſein Wiſſen und ſeinen Willen geſchah. Die Züge ſeines merkwürdig regelmäßigen Geſichtes waren hart und ſtrenge wie der Ton ſeines noch immer kräftigen Organes.
Eine hohe ſchlanke Dame ſchwebte mit leichtem Gruße in's Zimmer, ſie ſetzte eine Taſſe Chocolade auf die Fen⸗ ſterbank und wandte ſich dann wieder ſchweigend der Thüre zu.
„Willſt Du mir nicht Geſellſchaft leiſten?“ fragte der Greis mit einem Anſluge von Bitterkeit.
„Wenm's der Onkel befehlen— 1“ ſie kehrte mit etwas zerſtreuter Miene zurück und ſetzte ſich auf ein Tabouret dicht neben den Lehnſtuhl des Freiherrn. eine ſtolze, imponirende Schönheit. Unter den dunkeln, fein geſchweiften Brauen funkelten ein Paar hellblaue Augen von eigenthümlichem Zauber; das ſchöne kaſtanien⸗ braune Haar fiel in langen Flechten über den Nacken herab und umrahmte ein Antlitz, deſſen durchſichtiger Teint
Uovellen-Zeitung. ch am Fenſter hinter den ſchweren und regelmäßige Züge von jenem unwiderſtehlichen Reize Rollſtuhle aus beſeelt waren, Blick. einer Taſſe Chocolade nebſt Zwieback, fragte er endlich mit froſtigem Tone.
verwetterten und warf
Alles, was in ihren Bereich fiel— und
Röthe flog über ihr bleiches Geſicht.
Emilie war einfachen bürgerlichen Mädchen
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VIII. Jahrg.
den man in der Regel durch den Ausdruck intereſſaut“ zu bezeichnen pflegt.
Der Freiherr betrachtete ſie eine Zeitlang mit finſterm „Iſt Herr von Selwitz noch nicht dageweſen?“
„Immer der Hauptmann!“ erwiderte ſie verdrießlich ungeduldig die ſtolzen Lippen empor. „O, ich werde ihn ſchon zu beugen wiſſen, den kleinen
Alles Starrkopf,“ murmelte der Freiherr mit einem ſonderbaren Lächeln und legte ſeine zitternden Hände auf die breiten V 4 Flechten ſeiner ſchönen Nichte.„Was meinſt Du dazu, diejenige des Freiherrn mein Töchterchen?“ fügte er langſam und gedehnt hinzu.
„Meine Meinung, Onkel,“ ſagte Enulie feſt und be⸗ V
ſtimmt, indem ſie ihre leuchtenden Augen plöͤtzlich zu dem
Fragenden aufſchlug,„iſt noch immer die, daß ich deu V
von Selwitz niemals werde lieben lernen.“ doch,“ lachte der Freiherr ironiſch,„ich ſich Alles in der Welt, wenn es ein
Hauptmann „Ei, ſeht mir meine, es lernt Müſſen iſt!“ „Ein Müſſen?!“ wiederholte Emilie, und eine dunkle Der alte Herr zupfte ärgerlich ſein Sammetkäppchen über die ſpärlichen Silberlöckchen ſeiner faltigen Stirne. „Das Fräulein,“— ſagte er mit grollendem Tone, ſollte ſich glücklich ſchätzen, weun ein von Selwitz um ihre
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Hand wirbt.“
„O, ich ſchätze wich glücklich,“ erwiderte Emilie mit ſpöttiſcher Unterwürfigkeit,„daß der Herr Hauptmann ſich
V ſoweit zu erniedrigen ſtrebt, ſeine hochadelige Hand einem
zu reichen;— es zeugt dies in der That von einer ganz ungewöhnlichen Liebe!“
„Was ſoll da herauskommen?“ murmelte der Freiherr
mit verdrießlichem Blick.
„Von einer Liebe,“ fuhr das Fräulein in derſelben Weiſe fort,„über welche die Steine Erbarmen fühlen ſoll⸗
Zwei Nächte in den Ratakomben von Paris-
Es iſt ziemlich ſchwierig, Eintritt in die Katakomben von einfachen
Anſicht ausgeht, daß nur die Leute veranlaſſe, einen aber in den Provinzen Frank⸗ Meinung, der Grund, weß⸗ Galerieen ſo viel Schwierig⸗ keiten in den Weg gelegt würden, liege in der Thatſache, daß es Tuilerien einen Eingang in dieſe unterirdiſche Die Provinzbewohner glauben ehrerbietig, der re⸗ gierende Potentat, ſei er König oder Kaiſer, befürchte, Meuchel⸗ geſetzt ſehen, durch dieſen Ein⸗
wenn die Katakomben und deren labyrinthiſche Gänge bekannter und zugänglicher würden. dieſer Gefahr wenn der Eingang aus hierauf ſeinen „Nein, nein; wenn der Monarch be⸗ den Katakomben in die Tuile⸗
Paris zu erlangen, und zwar, wie ich glaube, aus dem Grunde, weil die Regierung von der eine krankhafte und werthloſe Neugierde ſolchen Ort beſuchen zu wollen; reichs berrſcht mehr oder weniger die halb dem Beſuch dieſer rieſenartigen
in dem Palaſte der Welt gebe.
mörder möchten ſich in den Stand ang in die Tuilerien einzudringen,
Entgegnet man hierauf einem Provinzbewohner, könne leicht dadurch vorgebeugt werden, dem Palaſte gehörig vermauert würde, ſo wird er Kopf ſchütteln und ſagen: fürchtet, daß Meuchelmörder aus
Feuilleton.
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rien eindringen könnten, ſo muß man ſich auch erinnern, daß die Katakomben ein ſicheres Mittel zur Flucht gewähren würden, ſobald Meuchelmörder in der Geſtalt als Rebellen durch das offene Thor in die Tuilerien eindrängen. Nein, nein, ſie werden den Eingang aus den Tuilerien in die Katakomben nicht vermauern laſſen. Nein, nein!“
Mag das nun ſein, wie es will; es iſt gewiß, daß ich und eine Geſellſchaft von vier Perſonen, den Führer nicht eingerech⸗ net, die Erlaubniß erhielten, dieſe unterirdiſchen Räume zu be⸗ ſuchen. Um zu beweiſen, von welchen Kleinigkeiten oft ſehr ernſte Ereigniſſe abhängen, verdient es erwähnt zu werden, daß ich das, was ich beſchreiben will, nie würde gelitten haben, bätte ich nicht zu dem Kutſcher, der uns an den Eingang der Kata⸗ komben gefahren hatte, beim Ausſteigen aus der Kutſche geſagt: „Wenn ich in Zeit von einer halben Stunde nicht zurück bin, ſo fahren Sie fort.“ Indem ich das ſagte, bezahlte ich dem Droſch⸗ kenführer im Voraus die Zeit, die er warten ſollte,
Holze war. 4 4 1 4 Der Grund, weßhalb ich den Droſchkenführer warten ließ, war folgender: Ich hatte ſeit einigen Tagen auf die officielle Er⸗
und folgte meiner Begleitung an die Eingangsthür, die von ſchwerem
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