1. Jahrg. Nr. 26.] Dritte Folge. 8 403
novellen-Zeitung. V
1 Poiol herrn ſeit Jahren die leidige Gicht an's Zimmer gefeſſelt Der Sohn des Rebellen. hält, hat der Herr Daupinden nur wenig Gelegenheit ſei 8 Licht leuchten zu laſſen. Wenn indeß der alte Herr keinen Novelle Marſtall beſitzt, ſo hat er dafür eine intereſſante Nichte,
von die ihn dereinſt beerben wird; adelig iſt ſie zwar leider griedrich Dannemann. nicht, allein darüber glaubt ſich der Herr Hauptmann
ſchon hinwegſetzen zu müſſen, da er bei ſeinen nobeln Paſſic⸗ . nen bis über die Ohren in Schulden ſteckt. Eine ſoge (Fortſebzung.) nannte Mésalliance iſt deshalb nur eine nothgedrungene Inmitten der großen Promenaden, welche die Stadt Capitulation, die alle Leute, zumal ſeine Gläubiger, billi L—g umgeben, ſteht ein großes, prachtvolles Haus. gen werden. In Folge deſſen hat er ſich denn auch vor Breite, mit glänzendem Kies beſtveute und von Blumen⸗ einigen Tagen mit dem alten Freiherrn in nähern Rap beeten umgebene Fahrwege führen dahin. Auf dem ele⸗ port geſetzt und zu ſeiner großen Freude deſſen unumwun⸗ ganten Portale prangt das Rieſenwappen des Freiherrn dene Zuſtimmung erhalten;— allein— nichts iſt voll— von Salenz, des reichen Beſitzers dieſes Palaſtes. kommen in der Welt, das ſollte auch der Herr Hauptmaun Vor dem Eingang liegt eine künſtliche Grotte, von zu ſeinem großen Aerger erfahren. Die Gedanken des kleinem Hollunder umwachſen, über deſſen Schatten hin⸗ alten Freiherrn waren nicht die ſeiner hübſchen Nichte, der aus eine mächtige Fontaine ihre hellen Waſſerſtrahlen ſtolze Eigenſinn ihres plebejiſchen Blutes beugte ſich nur erhebt, welche von einer Marmorgruppe lachender Trito⸗ zuweilen der energiſchen Willensäußerung ihres mürriſchen nen aufgefungen werden. Onkels. Auf dieſes Zuweilen mußte denn endlich auch Wenn keine Caroſſen den breiten Eingang des Por⸗ der Herr Hauptmann ſeine Geduld bannen, zumal ihn der tals verdecken, erblickt man hinter demſelben die buntſchat⸗ Freiherr anſpornte, zuvor das Herz der ſpröden Nichte mit tigen Gänge eines prächtigen Gartens mit ſchönen Monu⸗ allen erdenklichen Belagerungskünſten zu bombardiren, ehe d menten; breite Canäle mit ſtolzen Brücken unterbrechen er die letzte Mine ſeines väterlichen Zornes ſpringen laſſe. anmuthig die geſchmackvolle Symmetrie dieſer Anlagen. Das Fräulein glich mit ihrem hartnäckigen Eigenwil Schaaren von Singvögeln wohnen in den ſtillen Bos⸗ len ihrer ſeligen Mutter, der Schweſe des Freiherrn von auets, welche in maleriſchen Gruppen jene Cauäle umſäu⸗ Salenz. Dieſe hatte vor zwanzig Jahren wider den Wil men und mit ihren ſchattigen Zweigen in die kryſtallenen len ihrer adelſtolzen Familie die unverzeihliche Thorheit Waſſer herabreichen. Aber die auf denſelben ſchaukelnden begangen, aus purer Liebe einen unbemittelten Bürger⸗ Gondeln ſind leer, die duftenden Lanhen und Alleen ſind lichen zu heirathen. Seitdem durfte ſie aber die Schwelle einſam. Kein frohes Antlitz, keine lachende Kinderſtimme des elterlichen Hauſes nicht mehr betreten. Als ſie indeß macht dieſe herrliche Einöde zum Paradieſe. Die ſtolzen kurz nach dem frühen Tode ihres Mannes, einſam und von Beſitzer jener Herrlichkeiten,— der Freiherr von Salenz ihrer Familie verlaſſen, in armſeligen Verhältniſſen ſtarb, und ſeine junge Nichte— verlaſſen nur ſelten die Schwelle nahm der Freiherr den unechten Sproſſen, wie er ſich ihres Palaſtes, und nur wenig Auserwählte haben Zutritt ausdrückte, in Gnaden bei ſich auf. Das Mädchen erhielt zu dieſer ariſtokratiſchen Familie. eine ariſtokratiſche Erziehung und ſchien im Verlauf der V Zu den Wenigen gehören vorzugsweiſe der Major von Jahre eine beſondere Freude daran zu haben, ihren mür⸗ Steffens und ſeit einigen Wochen— der Hauptmann von riſchen Onkel, der ſie am Ende doch lieb gewann und ſie V Selwitz. Der Major iſt ein langjähriger Freund des alten ſpäter zur Univerſalerbin ſeines großen Vermögens er⸗
han. mürriſchen Freiherrn, obgleich deſſen ſonderbare Launen nannte, zu quälen und ihm in allen ſeinen Wünſchen einen uund Anſichten mit den ſeinigen immer in grellem Wider⸗ hartnäckigen Widerſtand entgegenzuſetzen. Nur zuweilen,
ſpruch ſtehen— les extrémes se touchent—; ſie könuen wenn das Maß ſeines Aergers überlief, wenn bei ſeiner
nicht einen Tag ohne einander verbringen. ſchnellen, rückſichtsloſen Heftigkeit das Schlimmſte zu be⸗
Der Hauptmann von Selwitz hat es nur ſeinem hoch⸗ fürchten ſtand, dann erſt beugte ſie ihren ſtolzen Sinn, V
adeligen Stammbaum, welcher bis in die Mitte des zehn⸗ dann erſt unterwarf ſie ſich dem unnachgiebigen Willen
ten Jahrhunderts hinaufreicht, zu verdanken, daß er in der des erzürnten Freiherrn. Das war die letzte Mine, auf
Meinung des alten Herrn ſo hoch angeſchrieben ſteht; welche der Herr Hauptmann ſeine letzte Hoffnung ſetzte. V außer dieſem Vorzug beſitzt der Herr Hauptmann nur den Der alte Freiherr hatte eine ſchlechte Nacht gehabt,
tines guten Reiters und Pferdekenners; da aber den Frei⸗ die Gicht hatte ihn heute ſehr frühe aus den Federn ge⸗ V
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