Jahrgang 
15-26 (1862)
Seite
388
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chem Tone,jener Zeit, von der ich jetzt reden will, be⸗ greife ich ſo ganz mein einſames, freudenloſes Daſein! Ich war damals ein wildes, trotziges Blut, ich glaubte mich ſtark genug, Alles beſiegen, Alles erreichen zu können. Der leiſeſte Wiederſtand, der meinen ſtolzen Erwartungen entgegentrat, erbitterte mich, ſteigerte meine Empfindun⸗ gen zur heftigſten Leidenſchaft. Aber nicht lange quälte mich jener Paroxysmus, ich beſaß deu köſtlichen Troſt, die ſtürmenden Wellen meines erregten Gemüthes harmoniſch ausklingen laſſen zu können, ich dichtete! In dieſem Taumel verbrachte ich die beſten Jahre meiner Jugend. Meine Stimmung wurde von Tag zu Tag düſterer und menſchenſcheuer, denn meine Hoffnungen erfüllten ſich nicht, ich war und blieb Secondelieutenant.

Es ſind nun ſchon zwanzig Jahre her, als wir großes Manöver bei G. hatten. Ich bekam ein recht hübſches Quartier bei einem dortigen Landgeiſtlichen, es war Ihr Großvater, den Sie nicht gekannt haben. Der

alte Herr war ein liebenswürdiger, gemüthlicher Wirth

und ſteis bei roſiger Laune. Den Abend verbrachten wir in der Regel bei einer Partie Whiſt. Sein größtes Ver⸗ gnügen beſtand alsdann darin, mir mit redſeliger Begeiſte⸗ rung von ſeinem Töchterchen zu erzählen, die augenblicklich bei ihren Verwandten in der Stadt zum Beſuche war und von ihm mit zärtlicher Ungeduld zurück erwartet wurde.

Ich hörte ihm gleichgültig zu. Die Weiber hatten mich bis dahin wenig intereſſirt, mein Ehrgeiz erſiickte jedes andere Gefühl, daher gab ich mir auch wenig Mühe, die Freude, mit der er ihre Ankunft zu erwarten ſchien, zu theilen, da ſie mir eigentlich ſogar ſehr ungelegen kam; denn ich war mir meines hölzernen, unliebenswürdigen Benehmens Damen gegenüber nur zu gut bewußt. So ſuchte ich eines Abends auch müde und abgeſpannt mein Zimmer auf und warf nich angekleidet auf's Bett, um mei⸗ nen düſtern Gedanken nachzuhangen. Es war eine ſtille,

Uovellen-Zeitung.

ſchöne Sommernacht. Der Mond ſchien hell durch mein Fenſter. Ueber meinem Bette hing das Portrait einer jungen Dame. Ich hatte es früher nie bemerkt, und meine Augen waren faſt geblendet von der ſtolzen Schönheit die⸗ ſes Autlitzes, das lächelnd auf mich herabblickte. Das volle Licht des Mondes gab ihm einen unſäglichen Reiz. Ich erhob mich endlich und betrachtete es lange und auf⸗ merkſam. Ein unerklärlicher Zauber ſtahl ſich aus dieſen ſeelenvollen Zügen in mein dunkles Herz; eine tiefe, glü⸗ hende Sehnſucht nach einem Etwas, das ich bis dahin niemals empfunden, kam plötzlich über mich, und das ver⸗ Zehreude Gefühl meiner bisherigen troſtloſen Einſamkeit durchwogte in wilden Diſſonanzen mein aufgeregtes Ge⸗ müth. Ich bedeckte mein Antlitz mit der Hand, das Bild nicht zu ſehen, welches dieſen Sturm von Empfindungen in mir wach rief. Als ich wieder aufblickte, war's dun⸗ kel im Zimmer, der Mond ſtand auf der andern Seite des Hauſes. Ich zündete ein Licht an und ergriff mecha⸗ niſch eine Feder, meinen Gefühlen Raum zu geben, ich dichtete. Wie von ſelbſt floſſen die Strophen aus meinem leidenſchaftlichen Herzen, aber in meiner Bruſt ward es ruhiger und ſtiller. Hier ſind die Verſe: O, eine Seele nur, die mich verſteht! O, nur ein Herzſchlag, der mit meinem geht, Nur einen Blick, der mich um Liebe fleht, Das iſt mein heißeſtes, mein innigſtes Gebet. Ach, meiner Jugend Blüthen ſind zertreten, Und meines Herzens heiligſtes Gefühl Irrt bangt umher, um ein Aſyl zu beten, Ein maſtlos Schiff, empörter Wogen Spiel. Soll es nicht mehr die Heimath wiederfinden, Wo's einſt ſo froh die Segel ausgeſpannt? Soll nimmer mehr ſein Jubelruf verkünden, Daßes den Port erſehnten Gleichklangs fand?! D, eine Seele nur, die mich verſteht! O, nur ein Herzſchlag, der mit meinem geht, Nur einen Blick, der mich um Liebe fleht, Das iſt mein heißeſtes, mein innigſtes Gebet!

Feuilleton.

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Das Turnier zu Tournelles.

In einer ſo eben erſchienenen Erzählung aus dem Mittel⸗ alter, dieChaſtelard heißt und weit glücklicher iſt, als die Drachenhunde von Rhodos, theilt Brachvogel hiſtoriſche Erin⸗ nerungen aus dem Jugendleben der Maria Stuart mit, einer Heldin, die für alle Zeiten durch ihre Schönheit und Liebens⸗ würdigkeit intereſſant bleiben wird. Bekanntlich vermählte ſie ſich in erſter reiner Jugendliebe mit dem Dauphin, nachmaligen Franz II., Sohn Heinrich's II. Bei dieſer Gelegenheit fand ein Turnier in Paris ſtatt, deſſen unglücklicher Ausgang als blutige Vorbedeu⸗ tung für die übrigen Schickſale der ſchottiſchen Maria angeſehen werden kann.

Endlich, ſagt der Verfaſſer, ward die Vermählung Maria Stuart's und des Dauphins im Frühlingsanfang des Jabres 1557 mit ſolenner Pracht gefeieyt, und die junge Königin nahm ihrem hiſtoriſchen Rechte zufolge den Titel einer Königin von Schott⸗ land und England an. Es war, als hätte das Geſchick Maria beſtimmt, die drei Kronen der größten nordiſchen Seereiche, ſo Diſtel mit Ginſter und Lilie zu vereinigen, denn Schottland ge⸗ hörte ihr laut directer Erbſchaft, Frankreich wurde einſt Beſitz

ihres Gemahls, und die Ehe der Königin Maria von England mit dem Infanten Don Philipp von Spanien war kinderlos. Mit ihrem Ableben ſiel daher die Krone, weil Heinrichs VIII. und Anna Boleyn's Tochter, Eliſabeth, als Baſtard galt, auf die franzöſiſch⸗ ſchottiſche Seitenlinie und deren Geſammtträgerin Maria Stuart. Wohl nie ſchien ein Parteitriumph größer, als der, welchen das Haus a und Katharina von Medicis am Hochzeitstage Maria Stuart's feierten. Keine Seele mochte aber abnen, daß all' dieſe reichen Hoffnungen nach und nach zuſammenſchmelzen ſollten zu einem kleinen, letzten Pulsſchlag, der auf dem Block im Keller zu Fotheringhay vertönte.

Alles war damals in Paris Wonne und Freude. Tanz, bunte Aufzüge, Feſtſpiele, Ronſardeſche Lieder, Ringelrennen und Falkenbeize wechſelten in bunter Luſt, und Allem voran war Maria Stuart mit dem geliebten Dauphin, den treuen Paladin Chaſtelard hinter ſich, der Stern aller Frauen, die Sonne der Ritterſchaft, allbelebend und entzückend.

Dem jungen erlauchten Paare war, der geheimen Abſicht Katharinens und des alten Claude von Guiſe gemäß, ein eigener ganz abgeſonderter Hofſtaat gegeben worden, der aus d'Anville

als Hofmarſchall, Voscoſel als erſtem Kammerherrn, der kleinen

[VIII. Jahrg.

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