Jahrgang 
15-26 (1862)
Seite
376
Einzelbild herunterladen

376

Gnomen im friſchen Winde. dem halbſchlummernden Poſten vorbei, auf die hohe Ter⸗ raſſe des umbuſchten Walles. Der kühle Oſt zog wohl⸗ thuend um ſeine brennende Stirne. Durch die purpurnen Kreiſe des umnebelten Horizontes brach allmählich das feurige Gold der aufſteigenden Sonne, und die Sänger des Waldes begrüßten ſie mit ſchmetternden Accorden. Endlich wichen die Schleier des Nebels, und die blaue Ferne lag V aufathmend, voll Leben und Schönheit in der Umarmung des roſigen Lichtes.

Auch über die dunkeln Schleier meiner träumenden Seele gehſt Du auf, Sonne der Hoffnung! murmelte Eduard leiſe.Sie verſchwinden allmählich mit ihrer erſtickenden Laſt, und ich fühle, wie mein Blick feſter und klarer die Zukunft erſchaut. Ich glaube an die Erfüllung meiner Wünſche, an meine Kraft, ſie zu erreichen!

Die hohe Geſtalt des Majors, der ihn vergangene Nacht im Selbſtgeſpräche überraſcht, tauchte unwillkürlich in ſeinen Gedanken auf. Er war es, der ihm zuerſt Muth eingeſprochen, ſein ſtolzes Auge hatte dabei theilnehmend und gütig auf ihm geruht. Und dann das merkwürdige Intereſſe, welches aus den haſtigen Fragen an ihn über Namen, Geburtsort u. ſ. w. im Ton einer bewegten Stimme klang, gewiß war ihm ſein Schickſal oder das ſeiner Eltern bekannt, und dann war es ja natürlich, daß er Theilnahme für ihn fühlen, vielleicht ſich ſeiner anneh⸗ men würde.

War es doch kein Ding der Unmöglichkeit, bei ſei⸗ nen Talenten, ſeiner wiſſenſchaftlichen Bildung, in kurzer

Uoveillen-

Zeit ein Officier⸗Examen zu beſtehen. Und wenn's erſt der Herr Major wußte, ſo mußte er ſich für ihn verwen⸗ den, da war kein Zweifel! Hatte doch ſchon Mancher unter ähnlichen Verhältniſſen ſich Bahn gebrochen und wenn auch ohne Stammbaum, ohne jenes allmächtige

Wörtchenvon alle herkömmlichen Vorurtheile über⸗ wunden.

Zeitung.

Eduard eilte hinaus, an Ihretwegen ließ es ihm keine Ruhe mehr.Sei ein Mann, faſſe Muthl ich werde Dich nimmer vergeſſen!

dieſe ihre Abſchiedsworte waren vie Triebfeder ſei⸗ nes erwachenden Ehrgeizes, ſeines thatkräftigen Strebens. Unaufhörlich klangen ſie wieder in ſeiner erregten Bruſt. Sie ſtand wieder vor ihm, wie damals, mit ihrem Stolz, mit ihrer imponirenden Schönheit, der glänzendſte Stern am Himmel ſeiner Träume, und er wagte es ſeine Augen zu ihm zu erheben.

Am andern Morgen meldete der Kammerdiener des Majors von Steffens mit geringſchätzender Miene einen gemeinen Soldaten. Der Major war eben aufgeſtanden und lehnte nachdenkend am Fenſter.

Soll ich den ungeſchliffenen Burſchen abweiſen? meinte der Kammerdiener nach einer Pauſe, da ihn der Major gar nicht zu bemerken ſchien, und wandte ſich be⸗ reits zur Thüre, ſeine Frage in Scene zu ſetzen, als ein ſtrengesNein, eintreten laſſen! das Gegentheil befahl.

Gleich darauf ſtand Eduard im Zimmer. Seine Be⸗ fangenheit ſchwand bei den freundlichen Worten, die der Major ſogleich an ihn richtete.Setzen Sie ſich! ſagte dieſer milde und ſchob ihm artig einen Stuhl hin. Eduard nahm zögernd den Platz ihm gegenüber ein. Der Major verwandte kein Auge von ihm.

Was haben Sie auf dem Herzen? Sprechen Sie frei und ohne Scheu von der Leber weg! ſagte er lächelnd.

Eduard begann mit zitternder Stimme ſeine Geſchichte. Er erzählte von ſeinen Eltern, von ſeinem Vater, der als Parteigänger erſchoſſen, von ihrer Armuth, als der Staat ſein Vermögen confiscirte, von ſeiner Mutter, die mit gebrochenem Herzen ihm bald darauf folgte; wie ihn ein Kaufmann, der das Haus ſeines Vaters gekauft, in ſeine Dienſte genommen, und er lange Jahre unter demn

Warum ſollte er nicht ein Gleiches vermögen? Drucke einer herzloſen Umgebung, einer verhaßten Beſchäf⸗

man berückſichtigt, daß ein Jeder ſein Haus baut, wie es ihm gut dünkt, und ohne ſich um das Allignement zu kümmern, ſo kann man leicht begreifen, daß Hué eine ungeheure Ausdehnung hat und eine große Fläche Landes bedeckt.

Die Einnahme Hué's würde ohne Zweifel die Unterwerfung des ganzen Reichs zur Folge haben. Die Anamiten ſind nichts weniger als kriegeriſch; der Krieg macht ſie unglücklich, und der Einfluß des Kaiſers Tu⸗Duc, ſo wie die Furcht vor Strafen theilen ihnen allein den Muth mit, die Waffen zu ergreifen. So⸗ bald der Kaiſer beſiegt oder gefangen genommen ſein wird, wer⸗ den die großen Mandarinen keinen Widerſtand mehr leiſten, und die Gouverneure der Provinzen werden ihr Beiſpiel befolgen.

Die Eroberung dieſer Hauptſtadt iſt leichter, als es ſcheint, und ihre tauſend Kanonen ſind weit weniger drohend, als ſie den Anſchein haben, denn ſie ſind nur da, um Lärm zu machen, und zu weiter nichts. Die Anamiten beſchäftigen ſich nicht mit der Richtung der Wurfgeſchoſſe, ſie verſtehen von dem Zielen ganz und gar nichts, ja ſie laden die Geſchütze nach dem erſten Schuſſe nicht einmal wieder.

Viele Europäer glauben, zwei Bataillone Infanterie und etwas Artillerie, die ſich ganz unvermuthet vor den Mauern Hués einfänden, würden mit dem Kaiſer Tu⸗Due und ſeiner Armee ein leichtes Spiel haben.

Hus liegt mehr als 1200 Kilometres nöͤrdlich von Saigon, wenn man ſich zur See dahin begibt, während die Entfernung zwiſchen den beiden Städten in gerader Linie nur 640 Kilometres berrägt. Die Landſtraße iſt länger und für europäiſche Truppen unbrauchbar.

Tonkin und Cochinchina ſind in Provinzen erſter und zweiter

Claſſe eingetheilt, die eine gewiſſe Zahl von Präfecturen und Unterpräfecturen bilden, welche letztere wieder in Cantons zer⸗

b fallen, die aus mehreren Gemeinden gebildet ſind.

Der Kaiſer verläßt die Hauptſtadt ſeiner Staaten nie, wo⸗ fern nicht ganz außerordentliche Umſtände ihn dazu zwingen. Sein Wille iſt Geſetz; er vereinigt die weltliche und geiſtliche Obergewalt in ſich, und nennt ſichSohn des Himmels. Er hat einen geheimen Rath, der Diuh⸗than heißt und aus vier

Mandarinen zuſammengeſetzt iſt.

Die hohe Verwaltung des Reichs iſt ſechs Miniſtern anver⸗ traut. Sie legen alle wichtigen Fragen dem Kaiſer vor, der ſich die Entſcheidung derſelben vorbehalten hat.

Jeder Miniſter heißt Quan⸗Thaong⸗Thu.

Die ſechs Miniſterien ſind folgende:

1. Bo⸗Binh, das Miniſterium des Kriegs Marine;

2. Bo⸗Ho, das Finanzminiſterium, von dem der Quan⸗

und der

bo⸗chanh oder der Civil⸗Ober⸗Mandarin jeder Provinz ab⸗ hängt;

3. Bo⸗Hinh, das Juſtizminiſterium; alle Urtheile in Crimi⸗

nalproceſſen werden erſt definitiv und executoriſch, nachdem ſie von

dem Juſtizminiſter dem Kaiſer vorgelegt und von ihm beſtätigt

worden ſind; von dieſem Miniſterium hängt der Quan⸗an⸗ſat oder Juſtizmandarin jeder Provinz ab

2. Bo⸗Le, Miniſterium der Ceremonien; der Ober⸗Man⸗ darin, der dieſes Miniſterium verwaltet, verrichtet bei dem Kaiſer die Functionen eines Oberceremonienmeiſters oder eines Oberkam⸗

merherrn an den europäiſchen Höfen, außerdem hat er die öffent⸗ lichen Ceremonieen zu überwachen; er ordnet die Ehre des Vor⸗

tigun er en gezog bis i habe. Exar