374 hörte nicht mehr ihm, nur die Erinnerung an jene Zeit war noch ſein. Er ſtand in Dienſten des jetzigen Beſitzers, kauerte über den großen Foliauten und malte mit zittern⸗ der Hand Firmen und Zahlen auf die kahlen Seiten. Ihn fror in der eiſigen Atmoſphäre dieſes Hauſes; ach!— es war ſo erkältend, das geduldete Glied einer fremden Kette zu ſein!— Endlich zerbrach dieſe Kette; der vom Schickſal Miß⸗ handelte warf einen letzten Blick auf die vereinſamten väterlichen Hallen und ſchritt hinaus am Wanderſtabe, planlos hinaus in die weite, fremde Welt. Arm und hülf
Uovellen-Zeitung.
los,— aber frei, feſſellos!— Aufathmend überſchritt er ſie, die umwölkten Berge;— die ganze Welt, ſeine ganze Zukunft, ein umwölktes Räthſel. Und wieder vernahm er jene ſüße, bezaubernde Stimme:„Sei ein Mann, faſſe Muth!— ich werde Dich nimmer vergeſſen!“—
Und vorwärts eilte er, eine lebendige Hoffuung in ſei⸗ nem Herzen; ſie machte ihn ſtark, und hellen Blicks ſchaute er wieder empor.—
Die Wolken zerriſſen,— warm und belebend leuchtete die Sonne hindurch. Der Schnee ſchwand von den Ber⸗ gen, und friſches Grün lachte zu ſeinen Füßen. Die erſte Lerche ſtieg jubelnd vor ihm auf und regte im Lichte des Lenzes ihre Schwingen.
„Frühling! Frühling!“ klang es tauſendtönig um ihn her.—
„Wiederſeha! Wiederſehn!““ flüſterten Hoffnung und Liebe in ſeinem Herzen.
Endlich tauchten die Thürme und Feſtungsmauern L= gs vor ſeinen Blicken auf. Dort wohnte das Einzige, an dem noch ſein Herz hing in dieſem Leben. Dort wohnte ſie, deren Lipper damals das berauſchende Lebe⸗ wohl in ſein Herz flüſterten. Dort wollte er ſie ſuchen, und wenn er ſie gefunden hatte, wieder in ihre blauen Augen ſchauen— und glücklich ſein!— Das war Alles,
„Ich werde Dich nimmer vergeſſen!“ hatte ſie ihm damals geſagt, und das war auch ſein Evangelium ge⸗ blieben bis zur heutigen Stunde.
Aber er fand ſie nicht. Ihren Namen wußte er wohl, nur nicht deu ihres Onkels, bei dem ſie ja wohute, wie ſie ihm damals ſagte. Er war arm, ſie reich;— das war Alles, was er außerdem wußte— und ihre Herzen konn⸗ teu nicht voneinander laſſen, da war kein Zweifel.
Darum wollte er nicht umkehren. Wohin auch mit leeren Taſchen?!— Ach, und die Noth klammerte ſich unbarmherzig an ſeine Hoffnungen. Endlich folterte düſtre Verzweiflung ſeine zagende Seele; ſie trieb ihn in die öden Mauern der Kaſerne.
„Sei ein Mann, faſſe Muth!— ich werde Dich nim⸗ mer vergeſſen!“—
Er vernahm die bezaubernden Worte des Troſtes an ſeinem harten Lager, in kalter Nacht, in den zermalmend⸗ ſten Stunden der Disciplin, unter der Rohheit ſeiner niedrigen Umgebung, unter dem Drucke niedriger Sclaverei!
Die Nacht war ſtille und ſchwül; die Fliederbüſche dufteten nach dem warmen Regen, der eben gefallen und noch von den unbeweglichen Blättern langſam herabtropfte. Aus den dunkeln Wolken trat wieder der Mond hervor und ſchaute lächelnd herab auf die ſchlummernde Erde,— als glaube er nicht an den Frieden, der leiſe über ihre Fluren dahinrauſchte.
Auch der Träumer ſtand wieder auf ſeinem Poſten, — aber in ſeinem Gemüthe war's ſtiller und ruhiger, als am Tage; er gedachte nicht mehr der vergangenen Zeit, die Zukunft trat mit tröſtenden Bildern in ſeine Seele.
„Es muß Alles gut werden!“ rief er mit feſtei Tone. „Ich habe Muth, ich fühle die Kraft in mir, mein Schickſal zu geſtalten— und ich will es geſtalten zu meinem
was er wollte.—
Heile!“—
aben„Nein, ich möchte doch lieber wieder in die Welt zurück.“ „Aber dann wirſt Du auch wieder blind werden!“ ſagte O'Donoghue. Aber ich ſagte, ich wollte doch lieber gehen, und da kriegte ich einen Stoß in die Seite— Gott weiß, ich fühle den Stoß noch und muß blaue Flecke davon bekommen haben!— und taumelte bewußtlos auf den Boden, und von dem Augenblick an weiß ich nicht, was mit mir geſchehen iſt, bis zu dem, wo Du mich unter dem Baume gefunden und geweckt haſt, Tom!“
So erzählte Hugh, der Dudelſackpfeifer, und Tom, der Bauer
von Clogherin, ſagte, das wäre ein ſchöner Traum geweſen, und wei⸗
ter nichts. Aber Hugh ſchwur bei allen Heiligen, es ſei kein Traum, ſondern die reine Wahrbeit; und dann zeigte er ihm den Dudelſack, welchen er aus O Donoghue’s Schloß mitgebracht. Der ſah nun allerdings ſeltſam genug aus; aber Tom ſagte: „Du biſt juſt wie mein Weib Kate, die glaubt auch an die Feen und würde einen Eid darauf ablegen, daß unſer jüngſtes Kind von den Feen iſt. Ein wunderlich Weſen iſt es, das iſt wahr; mit Beinchen ſo dürr wie Spindeln, mit Händchen ſo dünn wie Fladen, und obgleich es ſchon zehn Jahr iſt, ſo iſt es doch nicht viel größer als ein Ferkel.“
„Wunderlich— das iſt wahr!“ erwiderte Hugh.„Aber wie geht Dir's denn ſonſt?“—
„Auch ſchlecht genug,“ ſagte Tom,„das Bischen Land iſt zu theuer, der Zins zu hoch, und obendrein iſt nun auch der Zehnte noch aufgeſchlagen worden. Du ſiehſt, Hugh, es geht mir ſchlecht genug. Aber komm— zum Frühſtück wird Kate doch wohl noch Etwas haben!“
Hugh ging mit, das verſteht ſich, denn er pflegte von Dem zu
—.——
———
leben, was Gott ihm ſchickte und gute Menſchen ihm gaben. Sie traten in die Hütte, und dürftig genug ſah es darinnen aus. In der Ecke am Feuer ſtand die hölzerne Wiege und Tom's Junge darin, der häßliche Bengel, der einen Schrei ausſtieß in dem Augenblick, wo er Hugh ſah, und mit Händen und Füßen ſo lange zappelte und dabei weinte und tobte, bis man ihm den Dudelſack reichte, worauf er ſich zufrieden gab und vor Freuden lachte.— Kaum jedoch hatten ſie ſich zum Frühſtück niedergeſetzt, ſo that ſich die Thüre wieder auf, und herein trat der Kloſtereinnehmer, um den Zehnten im Namen des Biſchofs einzufordern. Tom re⸗ dete noch mit ihm und wollte ihn bitten, die Zahlung zu ſtunden, da that ſich die Thüre abermals auf, und herein trat uerſt des Grundherrn Büttel, und zu zweit der Zinsvogt der Gemeinde⸗ und zuletzt der Küſter, welcher die Kirchengelder erheben wollte. „Gott ſegne Euch Alle!“ ſagte der arme Tom, indem er ſich umkehrte, um heimlich die Thränen abzuwiſchen, die ihm in den Augen ſtanden.— Auf einmal hörte man einen ſeltſamen Klang — und ſiehe da, es war der Junge in der Wiege, der häßliche Bengel, welcher auf dem Dudelſack blies. Und wie ſie den erſten Ton gehört hatten, da mußten ſie Alle anfangen laut zu lachen, und ſie mußten ſo lange lachen, als der Junge ſpielte. Darauf wechſelte er die Melodie, und die Leute fingen nun an zu ſchreien, ſo laut ſie konnten.„Und nun einen Jig!“ rief der kleine Satans⸗ kerl, wechſelte mit der Melodie und— Hopdidudendu ging 8, auf ſprangen wie Tollhäusler der Kloſtereinnehmer, der Büttel, der Küſter und der Zinsvogt, und ſie tanzten, Jeder mit ſeinem Stock in der Hand, dis ſie nicht mehr athmen konnten⸗„Fogha⸗ Boileagh!“ ſchrie da der kleine Balg—„Alle aufeinander!“ — und dabei wechſelte er wiederum ſeinen Ton,
VI Vans
und nun flogen, 4
——


