25. Decemberld
biſt ein unſchuldiges Lamm, und ich habe Mitleiden mit Dir; ich habe in Eurem Hauſe mauchen Scherben geſam⸗ melt und oft recht ſchönes Glas gefunden, auch haſt Du mir ſelbſt Gutes gethan, darum will mich jetzt Deiner an⸗ nehmen, wie eine Mutter ihres Kindes; aber Du mußt auch folgen, Dich vor Allem in meinen Willen fügen und insbeſondere die Comteſſe vergeſſen. Wir ſind arm, ernäh⸗ ren kann ich Dich nicht, Du mußt alſo ſelbſt Dein Brod verdienen. Hier im Hauſe würde es ſehr auffallen, wenn ich auf einmal ein ſchön geputzte Demoiſelle“ aufnähme, welche die Hände in den Schooß legte und ſich von meiner Armuth ernähren ließe; in Kurzem würden die Leute den wahren Zuſammenhang und Deinen Namen und Stand wiſſen, ich aber vermöchte es dann nicht, Dich vor der Volkswuth zu ſchützen. Außerdem muß ich Dich auf dem Fremdenbüreau melden; nun trifft es ſich aber recht glück⸗ licht daß ich zufällig ſchon längſt unſern Hausgeuoſſen erzählt habe, daß ich aus Chatillon eine Nichte erwarte, die hier einen kleinen Obſtkram etabliren werde. Dieſe Nichte biſt Du jetzt. Der Vater ſitzt mit ſeiner Drehor⸗ gel Vormittags und Abends am Pont des Arts; die Stelle koſtet ein ſchweres Stättegeld und bringt wenig ein. In der Zwiſchenzeit verkaufſt du Obſt. Hier habe ich Dir Wäſche und ein hübſches Fähnchen mitgebracht, wie es ſich für Deinen jetzigen Stand ſchickt. Nun ziehe Dich an, in einer halben Stunde gehen wir hin; Obſt, Körbchen, Tiſch und Stuhl, Alles iſt ſchon beſorgt. Mache Deine Sachen gut und ſei ehrlich. In dieſem Anzuge darfſt Du Dich nicht fürchten, erkannt zu werden, aber wenn Du einen Bekannten ſiehſt, ſo wende lieber das Geſicht ab⸗ wärts oder ſchlage die Augen nieder, denn heutzutage iſt doch Keinem zu trauen, und wer unſerer guten Sache zu⸗ gethan iſt, müßte Dich verrathen. Aber in dieſem An⸗ zuge und hinter dem Obſtkram vermuthet Dich kein Menſch, wenn Du Dich nicht ſelbſt verräthſt.““
Ueber dieſe Mittheilungen war ich ſo beſtürzt und
Uovellen-Zeitung.
zitterte vor Angſt und Schreck ſo heftig, daß ich kaum im Stande war, den Anzug, den mir die Alte jetzt unter Namhaftmachung des Koſtenpreiſes jedes einzelnen Stückes aus dem mitgebrachten Packet hervorholte, anzuziehen. Ich wollte mich anfangs gegen die Uebernahme dieſer mir aufgedrungenen Rolle ſträuben, allein einerſeits fiel mir ein, was der blinde Vater von dem Dareinſchlagen mit beiden Fäuſten geſagt, andererſeits aber erwog ich, daß, die Wahrheit deſſen vorausgeſetzt, was die Frau erzählte, es dieſer nur ein Wort an der rechten Stelle koſtete, um mich der Volkswuth zu überliefern, die mich vernichtet hätte, ſo unſchuldig ich auch war. Allerdings hätte ich wohl einige Familien gehabt, zu denen ich hätte flüchten können; aber wie zu ihnen hinkommen, und wenu auch wirklich, wußte ich denn, ob ſie nicht vielleicht auch auf flüchtigem Fuße ſich befanden? Waren ſie aber auch in Paris, ſo lief ich Gefahr, auf dem Wege erkannt und bei ihnen ſelbſt am Ende von den Domeſtiken verrathen zu werden; ganz Paris war ja in dieſen Schreckeustagen Eins. Alle, ohne Ausnahme, hatten nur den einen Zweck, Alles zu vernichten, was zu den von der öffentlichen Mei⸗ nung gerichteten und verdammten Miniſtern gehörte.
Alles das beſtimmte mich, für den erſten Augenblick wenigſtens, auf den Plan der Alten einzugehen und mich der Nothwendigkeit zu fügen, ſo ſchwer mir dies auch wurde. Ich meinte, auf die eine oder andere Arte werde ſich mir doch ein Mittel zur Rettung zeigen, und ſollte dieſe meine letzte Hoffnung auch unerfüllt bleiben, ſo war mein freiwilliger Tod beſchloſſen;— ich ſchäme mich jetzt deſſen, aber in meiner bittern Verzweiflung war dieſer Gedanke der einzige, der mich noch aufrecht erhielt.
Die Alte führte mich vor den Spiegel und betheuerte mit lautem Jubel, daß mich dieſes mein neues Coſtüm zehnmal beſſer kleide, als die ſchönſte Hofrobe; ich hatte kaum den Muth, die Augen aufzuſchlagen, aber ein verſtohlener Blick, den ich doch endlich in den Spiegel warf, belehrte
Mit Graf F— bin ich jetzt ſehr befreundet; er beſucht mich alle Abende, auch wenn ich nicht zu Hauſe bin.
Mit Helene bin ich jetzt ganz intim; wenn ſie nicht die Couſine eines Buchbindermeiſters wäre und zwölftauſend Tha⸗ ler hätte, möchte ich ſie beinahe heirathen.
24. December. Commandantur⸗Befehl:„Ich gratulire den Truppen hieſiger Garniſon zum Weihnachtsfeſte. Desglei⸗ chen hoffe ich, in den Feiertagen keine Betrunkenen zu ſehen.“
Compagnie⸗Befehl:„Das der Compagnie zu heute Abend gelieferte Faß Bier ſoll mäßig genoſſen werden; der ſtellvertretende Feldwebel wird dafür verantwortlich gemacht.“
Kohöne Weihnachtsbeſcheerung für mich! Als ich geſtern das Bier hatte ausgeben laſſen und mit dem Pho⸗ tographie⸗Album nach Hauſe kam, fand ich Graf F— und
Helene in meinem Zimmer beiſammen. Unangenehme Scene,
— das Mädchen iſt eines Duelles nicht werth.
Compagnie⸗Befehl:„Nachdem de Fähnrich von N- geſtern ſeine Brieftaſche verloren und dieſelbe nach der Auf⸗ findung durch einen Civiliſten mir übergeben worden iſt, habe ich in dieſer nur dienſtlichen Zwecken gewidmeten Brieftaſche, mit dienſtlichen Befehlen auf unverantwortliche Weiſe vermiſcht, ſo viele außerdienſtliche Bemerkungen, zuweilen ſträflichen In⸗ halts, gefunden, daß ich mich genöthigt ſehe, dem Fähnrich von N— hiermit einen ernſtlichen Verweis zu ertheilen und ihn von der einſtweiligen Wahrnehmung der Feldwebelgeſchäfte ſofort abzulöſen. Sergeant Bauer wird bis zur Geneſung des Feldwebels dieſe Geſchäfte übernehmen.“
Zur Culturgeſchichte.
Der Retter Europa's.
unſer Welttheil iſt in neueſter Zeit ſo oft gerettet worden, daß die Ueberſchrift unſerer kleinen Mittheilung auf verſchiedene Perſönlichkeiten bezogen werden kann. Wir erklären daher, daß hier unter dem Retter Europa's weder der ruſſiſche Kaiſer Alexander, der vielgefeierte Reſtaurator der Bourbons, noch der Friedenskö⸗ nig Ludwig Philipp, noch der gegenwärtige Kaiſer der Franzoſen zu verſtehen iſt, ſondern der jüngere Pitt, mit dem jene Bezeich⸗ nung vor einem halben Jahrhundert ſo unzertrennlich verbunden war, daß jeder Engländer wußte, wer gemeint ſei, wenn bei einem Gaſtmahl ein Hoch auf den Retter Europa's ausgebracht wurde. Pitt pflegte die Beziehung zwar abzulehnen, aber er nahm es mit ſeinem Rettungswerke, d. h. mit dem Kampfe gegen die känd⸗ ſiſche Revolution und ihren Erben Napoleon, ſo ernſt, daß ihm der unglückliche Ausgang des öſterreichiſchen Feldzuges von 1805 das Herz brach. Andere führten ſeine Aufgabe K Ende, das Zeugniß ertheilt ihm aber die Geſchichte, dem Kriege zwiſchen Frankreich und England einen ſolchen Charakter gegeben zu haben, daß entweder ſein Vaterland oder die Revolution zu Grunde gehen mußte. In der That iſt Pitt der moderne Hannibal, nur daß er ſo glücklich war, von ſeinem Vaterlande nicht in Stich ge⸗ laſſen zu werden. Das Leben dieſes Mannes hat Graf Staͤn⸗ hope in vier Bänden beſchrieben; der Graf hat als Lord Mahon, wie er früher hieß, durch gediegene geſchichtliche Werke großen Ruf gewonnen. Auch ſeine jetzige Arbeit iſt eine ausgezeichnete und bringt insbeſondere viel Neues, da ſie größtentheils auf Familienpapieren beruht. Der anekdotiſche Theil iſt reich an be⸗
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