Jahrgang 
15-26 (1862)
Seite
340
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übertäubt; heute jedoch befand ſich derſelbe nicht an der ge⸗ wohnten Stelle, denn wahrſcheinlich hatte der Kanonen⸗

donner die Flötenſtimmen ſeiner Drehorgel zum Schweigen

gebracht.

An ſeinem Platze ſaß diesmal eine Obſthändlerin, bei

welcher Magnus in lebhaftem Geſpräche mit einem ſeiner Mitſtreiter vertieft vorbeiging, ohne ſie weiter zu beachten, als er plötzlich von weiblicher, zarter Stimme in deutſcher Sprache einNichts gefällig? hinter ſich fragen hörte. Er ſtutzte, ſah ſich überraſcht um und bemerkte nun, wie die Obhändlerin, ein junges, blühend ſchönes Mädchen, hinter ihrem Obſtkram ſich aufrichtend, ihm ein zierliches Körbchen entgegenreichend einige auserleſene Früchte zum Kauf anbot.

Uovellen-Zeitung.

den zu werden? und warum betonte ſie es ſo ganz beſon⸗ ders, daß er morgen um die nämliche Stunde, aber ge⸗ nau und nicht ſpäter, ſich wieder hier einfinden ſollte? Hier lag jedenfalls ein Geheimniß zu Grunde, in welches er als Mitwiſſer eingeweiht werden ſollte, denn daß er nicht lediglich um der beſſeren Früchte willen auf den kommenden Tag wieder beſtellt worden, dazu bedurfte es wahrſcheinlich keines großen Scharfſinnes; hier mußte alſo ein anderer Zweck vorwalten, aber welcher, das war die Frage, die erſt der kommende Tag löſen ſollte. All ſein Grübeln brachte ihn aber nicht ein Haar breit weiter, und ſo beſchloß er denn ſich in das Unvermeidliche zu

fügen, keinenfalls aber am kommenden Tage die beſtimmte Raſch trat er an den Obſtkram heran und Stunde zu verſäumen, um die Aufklärung zu erhalten.

fragte nach dem Preiſe; das Mädchen forderte mit ſichi⸗ So war er endlich über die Brücke gelangt, jenſeits der⸗ licher Verwirrung und abermals in deutſcher Sprache einen ſelben blieb er ſtehen, um nach ſeiner Uhr zu ſehen und ſo niederen Betrag, daß Magnus noch mehr ſtaunend ſich zu vergewiſſern, um welche Zeit geuau er hier am

mit ihr ein weiteres Geſpräch anknüpfen wollte, doch in ſcheuer Haſt, gleichſam ihn fortweiſend, entgegnete ihm das Mädchen, ſeinen an ſie gerichteten Fragen ausweichend: Nehmt nur, lieber Herr, es wird Euch ſchon ſchmecken, es iſt zwar nicht ſo beſonders ſchön, aber kommt morgen um die nämliche Stunde, aber genau und nicht ſpäter, dann ſollt Ihr weit ſchöneres finden. Dabei ſah ſie verlegen rückwärts nach dem Louvre zu, ſetzte ſich ängſtlich nieder und deutete ihm durch einen Wink mit den

Händen, daß er ſich entfernen möge und es ihr nicht lieb

ſei, wenn er länger verweile.

Magnus ging; betroffen über den Vorfall, der ihm ganz eigenthümlich erſchien, und in tiefes Sinnen verloren wandelte er über die lange Brücke. Wie kam das Mäd⸗ chen dazu, ihn deutſch anzureden und überhaupt deutſch mit ihm zu ſprechen? kannte ſie ihn? woher wußte ſie, daß er ein Deutſcher war? was hatte überhaupt ihre Verlegen⸗ heit und Aengſtlichkeit zu bedeuten? hatte ſie abſichtlich die deutſche Sprache gewählt, um von Andern nicht verſtan⸗

nächſten Nachmittage wieder zu erſcheinen habe. Er war

zu werfen. Sei es jedoch, daß die Seine zu breit, ſein Geſicht zu kurz oder das Gedränge auf jenem Ufer zu groß war, genug, er konnte den Obſtkram nicht entdecken. Faſt war er im Begriff nochmals umzukehren, allein ein unge⸗ betener Gaſt, der ſich ihm aufdrängte der Hunger veranlaßte ihn, nicht nur von dieſem Vorhaben abzuſtehen, ſondern vielmehr noch ſeine Schritte zu beſchleunigen, um dieſem ungeſtümen Mahner Genüge zu thun. Aber auch bei dem diesmal ziemlich verſpäteten Mahle vermochte er ſeine Gedanken nicht von der hübſchen Obſthändlerin abzuwenden. Plötzlich durchzuckte es wie ein leuchtender

Blitzſtrahl ſeine Seele, er ſprang heftig vom Tiſche

auf er hatte gefunden, was er ſuchte. Die ſchöne Fremde im Blumenmagazin und das

niedliche Obſtmädchen, Beides war ein und dieſelbe Per⸗

Peuilleton.

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Der Tower in London.

geſpielt haben, iſt jedenfalls dieſer der hervorragendſte. In

3 Von den europäiſchen Bauten, die in der Geſchichte des bis zum Anſchluß an die neue Zeit die finſterſte

1 enSpaziergängen durch unſern Continent gibt uns darüber

Sebaſtian Brunner, allerdings mit katholiſcher Färbung, ein neueres Gemälde. Er ſagt:

Von Mauern und Gräben eingeſchloſſen ragen die Zinnen und Thürmlein dieſer mächtigen Zwingburg zum Himmel empor. Auf die ſchwarze Geſchichte dieſer Burg ſo ſchwarz wie die Mauern derſelben und ſo düſter wie ihre Höfe und ihre eiſenver⸗ gitterten Zwinger haben die Engländer keine beſondere Urſache ſtolz zu ſein. Das Gebäude iſt am Ende des 12. und Anfangs des 13. Jahrhunderts gebaut worden, es ſteht mit einer Seite nach der Themſe hin und ſollte als eine Feſtung Londons gegen berannahende Feinde dienen, welche den Fluß heraufkommen wollten. Ein Herr Bailey, dem es darum zu thun war, dem Tower einen beſonders altariſtokratiſchen Anſtrich zu verſchaffen, ſtellte im vorigen Jahrhundert die Behauptung auf, derſelbe ſei

ſchon zur Zeit Conſtantin des Großen erbaut worden. Seit König Stephan haben hier mehrere Könige reſidirt.

Der Tower wird in einem fort beſucht, ein halb Dutzend Invaliden ſind beſtändig auf den Beinen, jeder hat einen Frem⸗ dentrupp zu führen. Die Fremden ſammeln ſich in einer eigenen vor der Burg erbauten Hütte, die auf Tower Hill liegt, ſo wird die Anhöhe genannt, auf der einmal der Richtplatz war und wo die Köpfe dutzendweiſe abgeſchlagen wurden. Hier zahlt mang ſeine Eintrittstaxe, bekömmt die Karte und wird dann einem Führer übergeben. Dieſe Führer ſind mittelalterlich gekleidet, ein blaues Wamms, an den Schößen ausgezackt wie die Schieß⸗ ſcharten alter Feſtungen; ſo daß die Wämmſer wie nach unten geſtürzte Thürmlein ausſehen, ein ſchwarzes Barett mit bun⸗ ten Bändern, einen Ledergürtel um die Mitte. Jener, dem ich zugetheilt wurde, ſprach ein ſo unverſtändliches und verzwicktes Engliſch, daß es den Anſchein hatte, als ſollten die Geheimniſſe des Tower ja nicht zu viel unter die Fremden kommen. Seine Figur erinnerte lebhaft an Falſtaff, auch wandelte er mit viel

Tapferkeit unter kleinen Kanonen, unter Schwertern, Hellebarden und unterſchiedlichem Kriegsgeſchoß.. Zuerſt wird man in die alte Waffenkammer geſchleppt. Darin

dabei hinter die Brückenzoll⸗Boutique getreten und konnte ſich nicht enthalten, jetzt einen fragenden Blick noch nach dem jenſeitigen Ufer der Seine, wo die Obſthäudlerin ſaß,