—— Il. Jahrn b Nr. 22.
Novellen-Zeitung.
Die Obſthändlerin vom Pont des Arts.
Scenen aus der Pariſer Juli⸗Revolution
von
G. Kletke.
(Fortſetzung.) Ein ſehr anſtändig gekleideter Mann, welcher der
deutſchen Sprache mächtig zu ſein ſchien, hob den Knaben
zu ſich herauf, drückte ihn an ſein Herz und erzählte hier⸗ auf mit einer durchdringenden Stentor⸗Stimme der nächſten Umgebung, was der Kleine geſagt, und fügte dann, den Mund etwas vollnehmend, hinzu:„Seht, Freunde, der Kleine und der andere Herr hier ſind Deutſche. Beide fochten in unſeren Reihen. Fremde Völker ehren unſer Recht und verſpritzen mit Freuden ihr Blut für unſere Freiheit!“ Alles brüllte rund herum ein lautes Bravo, und begrüßte Magnus wie den Knaben mit jubelnder Herzlichkeit. Neue Begeiſterung ergriff die anweſende Menge.„Fremde Völker ſind mit uns und helfen uns den gerechten Sieg erkämpfen!“ überhallte es rechts und links den Donner der mörderiſchen Kanonen. Die Maſſe drängte ſich enger und enger um ſie herum, wie Sturniesbrauſen ſchoſſen ſie vorwärts.
Die Schweizer hatten alle Fenſter des Louvre beſetzt, ſie ſtanden verdeckt hinter den Säulen der Front und unter⸗ hielten ein furchtbar mörderiſches Feuer, in dem kein Schuß in die dichten Maſſen hinein verloren ging, wäh⸗ zend ſie ſelbſt ſich in voller Sicherheit befanden. Eine ſchwarze Rauchwolke verhüllte die Säulenfront des Pala⸗ ſes; unzählige rothe Blitze zuckten daraus herver, und jeder war ein tödtender Donnerkeil. Leichen häuften ſich
V Gefallenen zu erſetzen. Die ganze Luft war mit dem bläulichgrauen Dampf des Pulvers erfüllt, ſo daß die Soune nur röthlich trü trahlen hindurch zu werfen vermochte. Eine ermattende Hitze drückte auf die
Lämpfenden, ſo daß ſich ein großer Theil derſelben der
DOberkleider entkedigte. Athletiſche Arbeiter ſchleppten ungeheuere Steine heran und ſchleuderten ſie über die Gitter der Gärten, hinter denen die Truppen ſich aufge⸗ ſellt hatten. Dieſe wichen endlich aus ihren Poſitionen zirück, das Volk drängte nun in ungeheueren Maſſen an und riß die hemmenden Eiſengitter nieder. Unzählige
bißten dieſe That mit ihrem Leben, doch der begeiſterte
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auf Leichen, aber immer neue Schaaren drangen heran, die
Muth und die ungezügelte Erbitterung ſah und kannte keine Gefahr mehr. Ueber die niedergeſtürzten Gitter ſtürmte die wogende Menge unaufhaltſam vorwärts, geführt von einem alten Oberſten der Kaiſergarde, neben ihm ein Jüngling, faſt noch Knabe, als Fahnenträger mit der Tricolore. Die Kugeln fielen dicht wie Hagel in den Haufen; rechts und links von dem alten Helden ſanken die Tapferen zu Boden. Er drang vor;— auch der jugendliche Fahnenträger ſank, durch die Bruſt geſchoſſen, mit brechendem Auge nieder; da ergriff der alte Oberſt die dreifarbige Fahne und mit dem lauthinſchallenden Ausruf:„Allons, enfants de la patrie!“ drang er vor. Da öffneten die Schweizer ſelbſt beide Thorflügel zu⸗ gleich; aber im Eingange ſtanden ſie in dichten Reihen, Einer über den Andern erhöht, und ſandten einen donnern⸗ den Höllenſtrom des Todes aus tauſend Feuerröhren zu⸗ gleich gegen die Anſtürmenden. Wie wenn der Samum, der giftige⸗Sturmwind der afrikaniſchen Wüſte, plötzlich alles Lebendige vor ſich niederſtreckt, ſo ſtürzten die an⸗ dringenden Schaaren vor dieſem offenen Rachen des Ver⸗ derbens zu Boden. Der alte Held der Pyramiden ſtand hoch, unverſehrt, ſchwang die Fahne und drang vor; tau⸗ ſend andere Kämpfer ſtrömten wie die wildentfeſſelte Windsbraut zu ihm heran, und in unaufhaltſam ſtürmen⸗ dem Anlauf warfen ſie ſich in das Thor hinein. Da ſchmetterte ihnen ein neuer Donner und Feuerſtrom ent⸗ gegen, und Alles war begraben in Nacht, Rauch und furcht⸗ barem Getümmel. Man konunte nicht mehr ſehen, wer gefallen war und wer noch ſtand; Alles ſtürzte im Dunkel der Pforte und des Dampfes wogend und drängend über einander. Die Schweizer wurden, wörtlich geſagt, von der Maſſe erdrückt.— Immer neue Schaaren drängten heran, die Freiheit hatte geſiegt— das letzte Bollwerk den Geguer war erſtürmt, der Louvre in den Händen Volkes. Bis zum Umſinken ermattet, ging Magnus nach lauf mehrerer Stunden nach Hauſe, um ſich umzuklei und mit Speiſe und Trank zu ſtärken. Auf dieſem Wege mußte er, vom Louvre aus, den Pont des Arts. die bloß für Fußgänger beſtimmte ſchöne Brücke, paſſiren, Rechts am Eingange derſelben hatte er, ſo oft er während ſeines Aufenthaltes in Paris dieſen Weg nahm, einen alten Blin⸗ den mit einer wohltönenden Drehorgel bemerkt und ihm ſelbſt jedesmal ein Almoſen geſpendet. Der Alte hatte ſich keinen übeln Platz ausgeſucht, denn einerſeits floſſen ihm bei dem ſo lebhaften Brückenverkehr recht reichliche Gaben zu, und andererſeits wurden die wirklich klangvollen Melo⸗ dien ſeines Leierkaſtens hier von keinem Wagengeraſſel
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