Novellen-Zeitung.
p. 3. Willatzen.
Das Gunnbjarnslied.
Jung Gunnbjarn iſt's vom Upland, Vor Peynſucht will er vergehn,
Da ſegelt er nach Grikland,
Sie, die er minnet, zu ſehn.
Er nimmt wohl einen Schleier Und neſtelt ihn ins Haar,
Doch nicht als Zier— zu bergen Sein blau, blau Augenpaar.
Anlegt er Frauengewande
Aus Sammet und Seiden und Flor, Und ſo ſitzt er vor'm Schloſſe,
Da der König reitet durch's Thor.
An ihm vorüber reitet
Der König und beginnt: „Aus welchem Lande biſt du, Mein allerſchönſtes Kind?“
„Vom Upland, doch dem Süden Entſtammt die Mutter mein; Verwandt bin ich mit Snjafried, Mit deinem Töchterlein.“
„Biſt du verwandt mit Snjafried, In ihr Gemach dann eile,
Da magſt du mit ihr plaudern Und ſcherzen eine Weile.“
Jung Gunnbjarn war nicht ſäumig Zu thun, was man ihn hieß;
Er ſchritt behend zum Saale
Und keine Zeit ſich ließ.
Snjafried hub an zu reden, Als ſie gewahrte ſein:
„Wer hat Verlaub dir gegeben Zu treten hier herein?“
„Snjafried, das that dein Vater, Und ſo nur hab' ich's gewagt; Ich ſollte dir ſein zu Dienſten, Ich ſollte dir ſein Magd.“
„Ich habe genug des Goldes, Genug an Schmuck und Zier, Und genug hab' ich der Mägde Die treulich dienen mir.
Doch ſetze dich auf's Kiſſen, Du Feine, ſetze dich dreiſt; Gern hör' ich neue Kunde
Und aus dem Upland zumeiſt.“
„Wohl manch' Gerücht vernahm ich, Als ich durchzog das Land;
Sprich, was begehrſt du zu wiſſen, Sprich, was dir nicht ſcheint Tand.“
Gedichte von P. J. Willatzen.
Zwelte Sammlung.
„Eins wünſche ich zu hören, Und nichts ſo ſehr wie dies:
Was ſchafft, was thut jung Gunnbjarn,
Den Jedermann mir pries?“
„Er läßt ſich Schiffe bauen, Er rüſtet ſich mit Macht,
Will gegen Svend, den König Von Grikland, in die Schlacht.
Und daß mit Macht er rüſtet, Und daß er Schiffe baut, Das kömmt, er will ſich holen Allda die ſchönſte Braut.“
„Dann gebe Gott jung Gunnbjarn Den Sieg in ſeine Hand,
Daß er ſich unterwerfe
Das ganze, weite Land!
Dann gebe Gott jung Gunnbjarn Zur Meerfahrt guten Wind,
Mag glücklich er erforſchen
Die Maid, um die er minnt.
Dann gebe Gott jung Gunnbjarn Den Sieg und alles Glück,
Und daß er als ſein eigen
Mich ſelber führe zurück!“
„Wir können offen reden,
Wir ſind allein! Habt Muth! Liebt ihr denn recht von Herzen Gunnbjarn, das junge Blut?“
„Nicht red' ich unbedachtſam, Nicht fahr' ich mit Lug und Tand: Ging's nur nach meinem Willen, Ich gäb' ihm meine Hand.“
Da riß er vom Haupte den Schleier, Gar ſchnell war es geſchehn:
„So magſt du Herrliche, Hohe, Hier Gunnbjarn vor dir ſehn!“
Auf Snjafried's Wangen malte Sich flüchtiges Farbenſpiel, Faſt ſchien es ihr, ſie habe
Zu viel geſagt, zu viel.
„Nicht brauchſt du zu hl'ichen Snjafriede, Gelteb e m„
Ich werde dir ewig dankbar Für jene Worte ſein.“
Dann redete er weiter
So herzlich und ſo treu: „Verkünde mir, meine Snmjafried, Mein Schickſal ſonder Scheu!“
Bremen, Verlag von Heinrich Strack. 1862.
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