Jahrgang 
15-26 (1862)
Seite
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310 Uovellen-Zeitung.

nahmen, laſen, lachten und bezahlten. Eine halbe Stunde ſpäter hatte der Knabe außer einem einzigen Exemplar, das er unter den Arm geklemmt unter den Lumpen ſeiner Jacke verborgen hatte, um ſeinem Hausherrn eine Freude damit zu machen, kein Blatt mehr, aber eine Menge klei⸗ nes Silbergeld. Eben überzählte er ſeinen kleinen Schatz, der nach ſeiner Berechnung ungefähr funfzig bis ſechzig Franken betrug, und überlegte dabei, was er zuerſt davon ankaufen ſollte, um es den Eltern mit nach Hauſe zu neh men, als plötzlich der Polizeibeamte, der wahrſcheinlich den Verkauf der Blätter belauſcht hatte, an ihn herantrat, ihn beim Kragen faßte, ihm das ganze Geld abnahm, die Hände mit einem Stricke zuſammenband und ihn nun mit Ge⸗ walt unter Stößen und Schlägen fortſchleppte.

Das Blatt! das Blatt! riefen jetzt Alle einſtimmig, und der Graf ſah ſich genöthigt, das einzige von dem Knaben ſo wohlverwahrte Exemplar dieſem unter der Jacke hervorzuziehen und der jetzt gewiß auf mehrere Hun⸗ dert Perſonen angewachſenen Volksmenge laut vorzuleſen. Daſſelbe enthielt ein höchſt witziges, ungemein ſcharfſinni⸗ ges, aber eben ſo furchtbar beißendes Spottgedicht auf den Miniſter Polignac. Rings umher wurde daſſelbe mit einem ſo tobenden Beifallsſturm aufgenommen, daß dem Grafen über das, was er ohne Wiſſen und Willen begon⸗ nen, bange zu werden anfing. Einzelne Stimmen aus der Menge boten jetzt 2, 35 Franken und noch mehr für das Blatt; doch der Knabe ſchüttelte verneinend den Kopf, als ihm Magnus dieſe Anerbietungen verdol⸗ metſchte, und erklärte feſt, dieſes letzte Blatt, was er ſei⸗ nem Hausherrn beſtimmt habe, da ſeine Eltern dieſem zu vielem Danke verpflichtet ſeien, um keinen Preis weggeben zu wollen. Während dieſer letzteren Verhandlung, die gleichfalls ſehr beifällig aufgenommen wurde, hatte jener früher gedachte Waſſerträger nebſt einem rußigen Kohlen⸗ verkäufer ſich an den Polizeimann gemacht, denſelben etwas derb angefaßt und ihm in möglichſter Kürze ausein⸗

ſandergeſetzt, daß nach den von dem fremden Herrn, der Nauch ein Deutſcher ſei, ihnen gemachten Mittheilungen der Knabe aus Mangel an Kenutniß der franzöſiſchen Sprache den Inhalt des Gedichtes gar nicht erfahren und gekannt habe und daher an dem ganzen Vorfalle ſo unſchuldig ſei, wie die Sonne am Himmel.; ſie verlangten daher im Na⸗ men der hier verſammelten Menge nicht nur die ſofortige Freilaſſung des Kindes, ſondern auch die Herausgabe des demſelben mit Unrecht abgenommenen Geldes, ſonſt Raſch war der Strick dem Poliziſten entwunden, die Hände des Knaben losgebunden, als faſt in dem nämlichen Augenblicke ein junger wohlgekleideter Mann den Grafen von hinten bei den Schultern faßte, ihn herumdrehte und ihm zuflüſterte:Mein Herr, ich habe Ihnen ein Cabrio⸗ let beſorgt, raſch mit dem Jungen hinein, ehe die Wache kommt, und fort! Mehrere Anweſende ſchienen dieſe Ab⸗ ſicht errathen zu haben und dieſer Vorſichtsmaßregel ihren Beifall zu ertheilen; eiligſt wurde der Graf in den ſchon bereit ſtehenden Wagen geſchoben, der Kuabe hinter ihm drein; der Kohlenträger ſchüttete das dem Polizeimann wieder abgenommene Geld dem Erſteren in den Hut, während die Umſtehenden rechts und links dem Knaben Geld reichten oder es in den Wagen warfen. In ge⸗ ſtrecktem Galopp raſſelte nun unter dem wiehernden Jubel der ausgelaſſen tobenden Menge das Cabriolet in entge⸗ gengeſetzter Richtung die Straße hinab, und erſt am Ende derſelben fragte der Kutſcher, wohin er zu fahren habe, worauf der Knabe ſeine Wohnung nannte, welche weit vor der Barriere auf dem Wege nach Bicétre lag.

Namenlos und unbeſchreibbar war die Freude und Ueberraſchung der armen Eltern, von denen die kranke Mutter auf halb faulem Stroh lag, als der Graf mit ihrem Kinde in die verfallene Stube trat und auf den wackeligen Tiſch einen Haufen Silbergeldes ſchüttete. Auch den aus ungefähr 80 bis 100 Franken in Gold⸗ und

Silbermünzen beſtehenden Inhalt des von der ſchönen

Höre mich, verſetzte ich,nach dieſem letzten Briefe geh, ich mit Dir eine Wette ein, daß ſie Dir drei Tage nicht ſchreibt.

So? recht! was ſoll's gelten?

Ein Mittagsmahl für uns fünf.

Gut, es gilt, und er ſchlug ein.

Es iſt heute Mittwoch, und jetzt 10 Uhr. Wenn Du Sonn⸗ abend um dieſelbe Stunde keinen Brief von Nettchen empfangen

haſt, ſo ſind wir Sonntag Deine Gäſte, im entgegengeſetzten Falle

Du der unſrige. Recht! Ich fange ſchon heute an mich auszuhungern. Es geſchah, wie es nicht anders geſchehen konnte. Die zehnte

Stunde ſchlug am folgenden Sonnabende, ohne daß Kurz einen

Brief erhalten hätte. Ich hatte einen um 10 Uhr auf die Poſt gegeben, damit er ihn erſt um 11 Uhr erhielt; die Wette war ver⸗ loren, und wir bemerkten, daß Kurz dieſen Brief Nettchens nicht mit derſelben Freude empfing..

Der Monat Februar kam heran und mit ihm die Luſtbarkeit des Faſchings. Dies war eine gute Gelegenheit, einmal eine Ab⸗

wechslung in die Eintönigkeit der Myſtification zu bringen, welche

auch uns ſchon ermüdete.

Ein Brief Nettchens benachrichtigt Kurz, daß ſie Sonntags auf die Redoute gehen wird.Ich werde, ſagt das Billet,als Milchmädchen erſcheinen, und wünſche, daß auch ſie in der Mas⸗ kera(Maske) kommen. Setzen ſie eine rothe Barrocke auf und nehmen ſie wenigſtens eine falſche Naſe mit einem großen Schnurr⸗ bart, damit wir uns erkennen.

Kurz zeigte uns dieſen Brief nicht, er fürchtete vermuthlich, wir würden Alle auf den Ball gehen und ihn ſtören. Unter un⸗ ſern Freunden war auch ein Jüngling von zartem und ſchlankem

Bau und mädchenhafter Geſtalt, wir nannten ihn nur immer die Eduard. Der mußte ſeine Taille durch ein Schnürleibchen noch verſchmälern, atlaſſene Schuhe anziehen, den Kopf mit Seiden⸗ locken ſchmücken, das bezeichnete Milchmädchen⸗Coſtüme anziehen und als Nettchen auf der Redoute erſcheinen

Kurz war ſchon da und ſtieg in einem ganz neuen Anzuge gravitätiſch im Saale herum, er trug hochgelbe Handſchuhe, eine Naſe, wenigſtens eine halbe Elle lang, und eine Perrücke, die dem erſten Bürgermeiſter gut geſtanden hätte. Unſer Eduard wie

er uns dann erzählte nahm ſeinen Arm, und ein zärtlicher

Druck dankte ihm für ſein pünktliches Erſcheinen.

Um die Rolle eines ſchönen Mädchens ganz zu ſpielen, hatte Eduard die ganze Nacht Launen und Grillen. Er begehrte Eis, Orgeade, Punſch, Orangen, Zuckerwerk, und ließ endlich nicht undeutlich vernehmen, daß ihm im Speiſeſaal ein Faſanchen gar lieblich in das Näschen gerochen habe, und daß der Champagner eigentlich der wahre Damenwein ſei. Der Verliebte wurde zu⸗ dringlich und wollte mit Gewalt, daß Eduard ſeine Maske wenig⸗ ſtens beim Eſſen abnehme, allein Eduard that es natürlich nicht und ſchluckte doch unter einem kleinen Tafftvorhängelchen ein Er⸗ kleckliches in ſich.

Am Morgen nach dem Balle kam wieder ein Billet von Nett⸗ ſchen. Nachdem Kurz zwanzig Mal ſeine Lippen darauf gedrückt hatte, las er es uns vor.

Mein deuerſter Freind, ſchrieb man,ich bin ſeit geſtern nicht mehr die nempliche ſelbe, ich weis nicht was in mir vorgeht, aber ſie wiſſen es lippenswürdiger Beſewicht. Hier küßte der Leſer den Brief zärtlich und fuhr fort: Ich habe eine Bitte an ſie zu thun. Ich will mir ein

VIII. Jahrg.

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