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Dritte Solge.
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Novellen-Zeitung.
Die Obſthändlerin vom Pont des Arts.
Scenen aus der Pariſer Juli Revolution von
G. Kletke.
Es war am Vormittag des 25. Juli 1830, als Graf Magnus veon Sternberg in Paris langſam durch die Straße Rivoli dahinſchlenderte und ſich mit der Betrach⸗ tung der höchſt eleganten Kunſt⸗ und Modeartikel beſchäf⸗ ſigte, welche hinter den mächtigen Spiegelſcheiben der Schaufenſter prächtig geſchmückter Kaufläden ausgelegt waren. Plötzlich wurde ſeine Aufmerkſamkeit durch einen etwas tumultuariſchen Auftritt von ihrem bisherigen Ziele abgelenkt, indem ein lärmender Trupp Menſcheu neben ihm aus einer Seitenſtraße in die Hauptſtraße einbog. In der Mitte des Haufens befand ſich ein alter, grimmig ausſehender Polizeibeamter, welcher einen hübſchen blond⸗ lockigen Knaben, von etwa ſieben bis acht Jahren, der mit ſeinen Lumpen kaum ſeine Blöße zu verdecken vermochte, an einem Stricke, womit er deſſen Hände zuſammenge⸗ bunden, faſt gewaltſam mit ſich fortzog, während der ihn umgebende Pöbel mehrere Mal ziemlich ernſthaft Miene machte, ſich des kleinen Gefangenen anzunehnien, um ihn aus ſeiner Haft zu befreien. Der Graf blieb zuſchauend eine Weile ſtehen und ſuchte, da ihm das hübſche Geſicht des Knaben aufgefallen war, von einigen Vorübergehenden deſſen Vergehen zu erfahren, worüber ihm jedoch Niemand Auskunft zu geben vermochte. Da ging raſch eine junge, ſehr elegant gekleidete Damne an ihm vorüber, blieb plötz⸗ lich ſtehen, kehrte dann um, ging jenem Menſchentrupp ein paar Schritte nach, machte unterweges aber wieder Halt und ſchüttelte den Kopf, als fände ſie den eben gefaßten Entſchluß doch nicht ausführbar. Nach einem kurzen Mo⸗ ment des Beſinneus kehrte ſie jedoch zurück und eilte an
dem Grafen vorbei einem mit italieniſchem Blumenwerk
reich ausgeſchmückten Laden zu.„O mein Gott!“ rief das Mädchen mit rührender Theilnahme einer noch jungen, hübſchen Frau zu, welche, wahrſcheinlich Beſitzerin des
Blumen⸗Magazins, in der Thüre deſſelben ſtand;„was
wird nur aus dem armen Kind werden? Der Knabe war
bildhübſch und ſah wie die Unſchüld ſelbſt aus; der kann doch ſo jung noch kein Verbrechen begangen haben. Haben
Sie geſehen, Madame, wie bitterlich er weinte? Die
Menſchen hätten ihn gewiß ſchon frei gemacht, aber er
konnte ſich wahrſcheinlich nicht mit ihnen verſtändigen;
denn er rief auf Deutſch nur immer laut jammernd: O mein lieber Vater! o meine arme Mutter!“
Dieſe letzten Worte, welche die junge Dame dem Kna⸗ ben mit faſt unnachahmlicher Anmuth deutſch nachſprach, klangen von den friſchen Purpurlippen der elegonten und ſchönen Pariſerin dem Grafen wie himmliſche Sphären⸗ muſik. Er trat heran, dankte mit feinem Anſtand der jungen Dame, daß dieſelbe ihm hierdurch Gelegenheit gebe einem kleinen Landsmann möglicher Weiſe nützlich ſein zu können, und verſprach ſofort nachzugehen, ſich von den näheren Verhältniſſen zu unterrichten, den Knaben aber, wenn irgend angänglich, frei zu machen und dann mit ihm hierher zurückzukehren, damit er ſelbſt für die wohlwollende Theilnahme ſeinen Dank abſtatten könne.
„Ach, thun Sie das, mein edler Herr, aber raſch, da⸗ mit Ihre Hülfe nicht zu ſpät kommt,“ rief die junge Dame lebhaft in bittendem Tone aus, warf dem Grafen einen freundlichen Blick zu und ließ ein ſeidenes Geldbörschen in ſeinen Hut gleiten, den er in der Hand hielt. Faſt mit Gedankenſchnelle war ſie aber auch in dieſern Augenblick in dem Labyrinth des aus mehreren Zimmern und Cabineten beſtehenden Blumen⸗Magazins verſchwunden, ſo daß Magnus, von Beidem gleich überraſcht, zur Zurückgabe des zierlichen Börschens keine Zeit gewann; denn wollte er die Hauptſache, die etwa mögliche Befreiung des Knaben, nicht aus den Augen verlieren, ſo durfte er jetzt nicht daran denken, der holden Geberin in das Magazin zu folgen und ſie da aufzuſuchen. Es blieb ihm alſo weiter nichts übrig, als jenem Menſchentrupp, der ſchon ziemlich weit entfernt war, nachzueilen, ſich ſelbſt aber einſtweilen mit der Hoff⸗ nung auf ein Wiederſehen bei ſeiner Rückkehr zu tröſten.
Aus den zehn, zwanzig Menſchen, welche im Anfang den Polizeibeamten und ſeinen kleinen Gefangenen begleitet hatten, waren in der ſtark belebten Hauptſtraße wohl an
die Hundert geworden, unter denen Graf Sternberg jetzt
auch recht anſtändige Bürger und ſelbſt junge Männer von ganz feinem Aeußeren bemerkte. Alle waren neugierig zu erfahren, welches Verbrechens ſich denn dieſer Knabe eigentlich ſchuldig gemacht; allein von ihm ſelbſt war, da er der franzöſiſchen Sprache nicht mächtig, und man ſich daher gegenſeitig nicht zu verſtändigen vermochte, nichts zu erfahren, und der Polizeibeamte ſtanb Keinem Rede, wies vielmehr alle an ihn gerichteten Anfragen barſch und unfreundlich zurück. Magnus hatte den unter dem Drän⸗ gen der immer noch wachſenden Menſchenmenge ſich jetzt nur langſam fortbewegenden Zug bald eingeholt, ſich ihm gleichfalls angeſchloſſen und äußerte nun gegen einige
wegen unerlaubten Bettelns aufgegriffen worden ſein möge.
Nebengehende die Vermuthung, wie der Knabe wohl nur


