Jahrgang 
15-26 (1862)
Seite
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Aether,

ſchon zeitig und begab ſich unter Vortritt der Stadtpfeifer

. 19.)

Dritte Folge.

Novellen-Zeitung.

Nach einer Chronik.

Erzählung von

Marie v. Roskowska.

(Schruß.)

Und doch war dieſe reiche Mahlzeit noch nicht die größte des erſten Hochzeitstages(eine große Hochzeit währte nämlich mindeſtens drei Tage). Auch eilte man, ſie zu beendigen, denn eine der geltenden Verordnungen wollte der Brautvater pünktlich befolgen, diejenige, welche vorſchreibt:Demnach der Kirchgang Gott dem Allmächti⸗ gen und dem Eheſtand zu Ehren zierlich und ehrlich zu halten iſt, als ſoll ſich hinfüro Braut und Bräutigam hier⸗ nach achten, daß ſie zum längſten um drei Uhr in die Kirche gehen, damit deſto zeitlicher geſpeiſet, der Tanz und andere Gebräuche auch deſto beſſer können verrichtet werden.

Der große und glänzende Brautzug ordnete ſich daher

und Paukenſchläger zur Kirche. Auf dem Peterskirchhofe drängte ſich die ſchauluſtige Menge und bewunderte vor Allem die ſchöne junge Braut, welche die Andern, ſo über⸗ aus reich geſchmückt ſie auch waren, überſtrahlte, wie der Mond das funkelnde Heer der Sterne. Bleich wie das Licht des Mondes war ſie freilich auch, aber Niemand hatte einen rechten Begriff davon, wie angſtvoll ihr Herz ſchlug, als ſie nun die Kirche betrat, um dem ältern unge⸗ liebten Manne angetraut zu werden. Bis zum letzten Augenblick hatte ſie im Stillen gehofft, Gott werde es nicht zugeben, werde irgend etwas dazwiſchen kommen laſſen, oder aber ſie zu ſich nehmen in ſein Himmelreich. Der Tod wäre ihr willkommner geweſen, als dieſe Ehe, in ſo friſcher Jugend ſie auch noch blühte. Sie wagte nicht die Augen aufzuſchlagen, weil ſie Konrad unter den Zuſchauern zu erblicken fürchtete, und betrat mit Empfin⸗ dungen, wie ſelten eine Braut, das Gotteshaus, in welchem ſie nun copulirt werden ſollte.

Jeder hatte ſeinen Platz eingenommen die Braut ſuchte in einem inbrünſtigen Gebet die Kraft, ſich in das Unvermeidliche zu ergeben, und der Pfarrer begann ſeine Rede. Ein furchtbares Krachen unterbrach dieſelbe jählings und machte Alle erbeben. Indeß faßte man ſich bald. War dieſer mark⸗ und beinerſchütternde Donner doch kein un⸗ bekannter, unerklärlicher Ton, ſollte man ſeiner doch faſt ſchon gewöhnt worden ſein.

Die Schweden hatten wieder aus einem gewaltigen

Mörſer eins ihrer verderbeubringenden Geſchoſſe in die Stadt geſchleudert. Bisher hatten dieſelben durch des Allmächtigen gnädigen Schutz nur Verderben gedroht, nicht gebracht; nach dem erſten Schrecken fürchtete alſo auch jetzt Niemand ein ſolches, und der Geiſtliche wollte eben in der unterbrochenen Rede fortfahren. Da erhob ſich draußen lautes Geſchrei; Glockengeläut erſcholl, doch nicht helles feſtliches, ſondern der dumpfe Klang der Feuer⸗ glocke. Beſtürzt fuhr Alles auf, und ein unruhiges Flü ſtern lief durch die Reihen. Der Brautvater wie der Bräutigam winkten dem Pfarrer zu, die Copulation zu beginnen und raſch zu beenden, indem hörte man aber vor der Kirchthür den Schreckensruf:Feuer! und auf die Frage, wo es brenne, lautete die Antwort:Im Hochzeits⸗ hauſe bei Volkmars!

Alles ſtürzte hinaus nur der Bräutigam beugte ſich zu Gertraudt herab welche lautlos auf den Knieen lag. Er glaubte, ſie habe vor Schrecken über das Unheil, wie über eine ſo üble Vorbedeutung, die Beſinnung verlo⸗ ren. Allein ſie war mehr erfreut, als beſtürzt; war dieſer Unfall ein Zeichen von Gott, das ihr den ſo heißer⸗ ſehnten Aufſchub brachte? Sie war geneigt, es ſo auf zunehmen, wenigſtens zeigte ſie in der nächſten Zeit eine erſtaunenswürdige Ruhe und Faſſung.

Ihr Vaterhaus ſtand in lichten Flammen, und das Feuer griff ſehr ſchnell um ſich. Die vielen Leute, welche zur Bedienung der Gäſte, wie zur Beſorgung der Küche angenommen worden waren, hatten die Abweſenheit des Hausherrn zum Theil benutzt, um den Ihrigen von den guten Sachen, welche es hier gab, über die eine genaue Controle ganz unmöglich war, möglichſt viel zukommen zu laſſen. Die Andern hatten den Kopf verloren und vor Allem ihr Leben zu retten verſucht, oder in der Beſtürzung ganz werthloſe Dinge ergriffen. Genoß der Bräuherr bei den geringen Leuten doch auch keiner beſonderen Liebe oder Anhänglichkeit, die Sorge für ſein Eigenthum lag daher auch Keinem ſehr am Herzen.

Das Freudengeſchrei der Feinde vor den Thoren über den Brand war indeß zu früh, denn derſelbe wurde, vor⸗ nehmlich durch die Umſicht und Anſtrengung der ſchleunig herbeigeeilten Knappſchaft, glücklich gelöſcht, ohne weiter um ſich zu greifen. Dagegen verfehlte die Granate, welche der Commandant in die vorm Petersthor ange⸗ brachte feindliche Mine ſchleudern ließ, ihre Wirkung nicht und warf dieſelbe wirklich ein.

Obwohl alſo weder der Feind den Vortheil noch die Stadt den Schaden hatte, ſo jener gehofft, dieſe befürchtet, war der Verluſt des Bräuherrn doch ſehr groß. Unge⸗ rechnet den Schaden am Hauſe und den Mobilien war

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