„Aber das allgemeine Völkerrecht, über das Sie mir neulich eine lange Abhandlung lieferten,“ unterbrach ihn der Lord,„erheiſcht Anderes, Sir Archibald.“
„Sehr richtig, Excellenz. Aber zugleich bitte ich ge— neigteſt zu erwägen, daß die meiſten Geſetze und Rechte einer doppelten Deutung unterworfen ſind; weßhalb es auch in der Interpretation heißt: Leges, ubi habent duplicem intellectum etc. Und noch ein anderer großer Uebelſtand iſt es für dieſes Königreich, daß die große Wohlthat der Magna Charta, welche Heinrich III. glor⸗ reichen Andenkens exließ, nicht in allen Stücken hier ſeine Anwendung findet. Die Patente und die mandamus der Könige haben hier ſeit Jahrhunderten ſo manche einzelne Beſtimmungen getroffen, wie die vielen Privilegien be⸗ weiſen, die in der Geheimen Kanzlei aufbewahrt werden, daß die allgemeinen engliſchen Geſetze, welche Ew. Herr⸗ lichkeit bei dem Ihnen innewohnenden Wohlwollen Irland gern würden zu Theil werden laſſen, auf die Bewohner dieſes Königreiches in den wenigſten Hauptfällen anwend⸗ bar ſind. Vor allen Dingen wollen Mylord zu erwägen geruhen, daß dieſer Zuſtand der Dinge aus dem fort⸗ währenden Kriegszuſtande hervorgegaugen iſt, in dem ſich Irland mit wenigen Unterbrechungen ſeit Jahrhunderten befunden hat. Die während deſſelben erlaſſenen tempo⸗ rären Verfügungen ſind endlich ſtabil geworden. Die außerordentlichen Auflagen, welche während der unruhigen Zeiten den Irländern auferlegt wurden, haben geſetzliche Kraft erlangt, und das ne injuste vexes— daß Du Niemand ungerechterweiſe zu nahe trittſt— das alteng⸗ liſche Geſetz, welches die Herren verhinderte, ihre Unter⸗ thanen und Hinterſaſſen zu bedrücken, kann der Irländer vor dem Gerichtshof der King's Bench nicht geltend machen.“
„Alles das iſt leider nur zu wahr,“ entgegnete finſter der Statthalter;„um ſo unangenehmer iſt es mir, mit Wort und That für die Aufrechterhaltung ſolcher Miß⸗
Uovellen-Zeitung..
[VIII. Jahrg.
bräuche kämpfen zu müſſen.— Was haben Sie zuerſt, Sir Archibald?“
„Einige Tauſend Einwohner aus den Grafſchaften Cork und Kerry bitten um Brod und Arbeit, oder um Ver⸗ ſetzung nach Cauada.“
„Der Canalbau am Shannon iſt vollendet,“ ſagte Lord Corhampton düſter.„Ich vermag bei der wenigen Theilnahme, welche man den öffentlichen Bauten und in⸗ duſtriellen Unternehmungen in Irland von Seiten der Re⸗ gierung beweiſt, keine neuen Erwerbsquellen aufzufinden. Die Tauſende von Arbeitern aber werden dem Gouverne⸗
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ment für Amerika willkommen ſein!
„Neue aufrühreriſche Bewegungen im Süden“”— fuhr der Staatsrath fort,„an dem viele ehemalige Matro⸗ ſen der königlichen Flotte betheiligt ſein ſollen.“
„Den verzweifelnden Menſchen ſteigt der Muth mit jedem mißlungenen Verſuche. Die Hyder der Empörung wächſt ſchnell um einen neuen Kopf, wenn mau nicht zu⸗ gleich, indem man den früheren abhaut, die Urſache des Mißvergnügens zu entfernen bemüht iſt. Wie viele Tau⸗ ſende bluteten ſeit Cromwell's Zeiten! Aber wuchernd, wie des Cadmus Saat, ſchießen fort und fort neue Rächer aus dem blutgetränkten Boden auf. Dunkel geboren in faulenden Hütten, oder in den Klüften der Gebirge, ja auf den Heerſtraßen, unter Gottes freiem Himmel, jedes Ob⸗ daches entbehrend, treten Tauſende der Bewohner dieſes Königreiches als Bettler ins Lebeu und ſterben als Bettler. Nichts iſt ihr Eigenthum als die Geſchichte ihrer Väter; und dennoch iſt ihr Leben und ihr Tod hiſtoriſch, und jeder dieſer Vagabunden hat ein Anrecht an die Geſchichte des britiſchen Reiches und an die Welt.“ 1
So ſprach der gefühlvolle Mann. Obgleich der Ge⸗ burt nach ein Tory, war ſein Herz weicher geworden, ſeit⸗ dem er ſich mitunter ſelbſt von dem Elende überzeugt hatte, deſſen Darſtellung ſeine Standesgenoſſen in Eng⸗
ſich aber nur ſehr kurze Zeit fremd fühlte, da ſeine Handelsfreunde
ihm fortwährend Höflichkeit, Güte und Vertrauen zu Theil wer⸗
den ließen, und wo er erſt zum reichen Manne geworden iſt. Unter dem 12. März c. richtete er nun ein Schreiben an fünf Herren in London— den nordamerikaniſchen Miniſter Adams in London,
Lord Stanley, Sir James Emerſon Tennant, und die Herren Lambſon und Morgan,— um ihnen mitzutheilen, daß er die
Summe von 150,000 Pfd. St.— alſo eine Million Thaler—
für die Verbeſſerung der Lage der Armen und Dürftigen Londons, und zur Beförderung ihres Wohlſeins und Glückes beſtimmt habe, und in Folge deſſen ſie erſuche, die Verwaltung dieſer Fonds zu übernehmen, deren Erhebung bei ſeinem Hauſe nach Belieben erfolgen könne. Zugleich macht er den Vorſchlag, 100,000 Pfd. St. davon ſofort auf den Ankauf oſtindiſcher Conſols zu verwen⸗ den und die Intereſſen einſtweilen bis nach Beſtimmung der Ver⸗ wendung der Fonds zum Capital zu ſchlagen. Sein Wunſch iſt, daß die oben genannten fünf Herren noch vier Mitglieder des Co⸗ mité wählen mögen, ſo daß daſſelbe aus neun Perſonen beſtehe, und in Betreff der Verwendung der jährlichen Intereſſen des Stiftungscapitals legt er dieſen Herren nur die Bitte an'’s Herz, dafür Sorge zu tragen, daß die zum obigen Zweck zu unter⸗ ſtützenden Armen der Bevölkerung Londons angehören, daß bei der Vertheilung jeder Secteneinfluß, ſowohl religiöſer als politi⸗ ſcher Art, ſtreng vermieden bleibt, und daß jeder Arme in London, ſobald er ſeinen moraliſchen Charakter aufrecht erhalten und ſich durch ſein gutes Betragen als ein achtbares Glied der menſch⸗ lichen Geſellſchaft bewährt hat, an den Wohlthaten dieſes Fonds Theil haben kann, weßhalb es als eine Verletzung der Abſichten des Stifters zu betrachten ſein werde, wenn irgend Jemand wegen
ſeines religiöſen Glaubens oder ſeiner politiſchen Meinungen da⸗ von ausgeſchloſſen werde.
Die oben genannten fünf Herren haben ſich bereit erklärt, den ihnen von dem Herrn G. Peabody gemachten Antrag anzunehmen, und nach der Vervollſtändigung des Comité werden ſie Beſchlüſſe faſſen, in welcher Weiſe die Zinſen des Stiftungscapitals jähr⸗ lich zu verwenden ſind, um die Abſichten des Stifters am beſten zu verwirklichen.
Möge der edle Stifter ſich noch viele Jahre einer dauerhaften Geſundheit erfreuen, damit ihm das Glück zu Theil werde, ſich mit eignen Augen von dem Segen überzeugen zu können, den ſeine Stiftung, ſobald ſie gut geleitet wird, ins Leben zu rufen vermag. C.
Literatur.
Der Knabe vom Berge. Erzählung von Louiſe Meyer von Schauenſee. Stuttgart& St. Gallen, Gebrü⸗ der Scheitlin. 1861.
Dieſer kleine Roman ſpielt in den Schweizer Bergen, am Ab⸗ hange des Pilatus unweit Luzern.
Das ciwa Verdienſtliche darin beſteht nicht in der Compoſi⸗ tion, Charakteriſtik oder in der Natürlichkeit des Dialogs, ſon⸗ dern in der guten Schilderung des Terrains und mancher Landes⸗ ſitten, die auf ungezwungene Weiſe zur Darſtellung kommen. Zu ihnen gehört auch jener egoiſtiſche ſtreng praktiſche Sinn, welcher
alle Bauern in ganz Deutſchland und noch weiterhin charäkteri⸗
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