Jahrgang 
15-26 (1862)
Seite
275
Einzelbild herunterladen

ll Jrg. Nr. 18. Dritte Solge. 275

9

Novellen-Zeitung.

Nach einer Chronik.

(nur nicht verzagt, ſondern fein demüthig ihm Alles an⸗ heimgeſtellt. Und des Herrn Stellvertreter hienieden ſind für Kinder die Eltern wer ihnen widerſtrebet, oder

Erzählung nur mit⸗Unluſt gehorchet, dem ergehet es nimmer wohl. 3 von Wißt Ihr nicht die denkwürdige Geſchichte, ſo ſich im vori⸗

eift,

hooße*

ahn

Marie v. Roskowska.

(Fortſetzung.)

Ihr trübſeliges, von Herzen trauriges Weſen fiel der alten Frau auf, und ſie fragte freundlich, ob Jungfer Ger⸗ traudt krank ſei oder einen Kummer habe. Stockend, mit zitternden Lippen, erzählte das Mädchen, der Vater habe beſtimmt, ſchon morgen ſolle ihr erſtes Aufgebot ſtattfinden.

Im Herzen der alten Frau erhob ſich ein kleiner Kampf. Sie wußte, was die ganze Stadt wußte, vaß nämlich die Jungfer Volkmarin den reichen Bräutigam nicht gern hatte; und ſie ahnte auch warum, und ihre Ahnung wurde beſtätigt, als die reiche Erbin, die Braut des vornehmen Maunes, gerade zu ihr kam, gerade ihr durch Blick und Miene verrieth, wie ſehr zuwider ihr des Vaters Auordnung ſei. Einen Augenblick fuhr ihr das Gelüſte durch den Sinn, die Jungfrau in ihrem Widerwillen zu beſtärken, und daneben ſchoß ein an derer, gar lockender und wunderſamlicher Gedanke empor. So reich der Vater, ſo angeſehen der Bräutigam auch war, aus der Heirath durfte nichts werden, ſobald Ger⸗ traudt feſterklärte, ſie willige nicht darein konute ſie doch Niemand zwingen, hatte ſie doch ſelber vor dem Traualtar noch die Freiheit, gegen die väterliche Willkür zu proteſti⸗ ren und zurückzutreten. Aber ſolch Aergerniß geben die Tochter zum Ungehorſam gegen den Vater aufreizen? Nimmermehr wiewohl dieſer Vater ſie arg geſchädigt hatte und, was ihr noch mehr zu Herzen ging ihr ein⸗ ziger geliebter Sohn ob dieſer Heirath ſchmerzlich betrübt war. Schnell verbannte ſie alle ſündhaften Regungen, ſtreichelte ſanft die kleine Haud der niedergeſchlagenen Jungfrau und ſprach ermuthigend:Der Eltern Segen baut der Kinder Häuſer, ſagt die Schrift. Darum er⸗ gebt Euch geduldig und als ein gehorſames Kind in Eures Vaters Willen, herzliebſte Gertraudt. Es iſt ja auch gleichzeitig der Wille Gottes, denn ohne ihn könnte kein Menſch etwas ausführen. Hat der Allmächtige andere Ahſichten, ſo ſetzet er ſie durch, ganz gegen der Menſchen Willen, und hilft noch im letzten Augenblick Denen, ſo auf ihn bauen mit gläubigem Gemüthe. Was er aber zuläßt, das dienet ſtets auf eine oder die andere Weiſe zu unſerm Beſten und zu unſrer Seelen Heil, wenn wir ſchwache Erdenwürmer das auch nicht immer gleich einſehen. Darum

gen Säculo in dieſer unſerer Stadt zugetragen hat? Iſt ſie doch von vielen Geſchichtsſchreibern zur Warnung be⸗ ſchrieben worden. Als Gertraudt trübe den Kopf ſchüttelte, fuhr ſie in dem Bemühen, das Mägdlein zu beruhigen und im kindlichen Gehorſam zu beſtärken, fort:Ein Bürger, Namens Lorenz Richter, ſeines Zeichens ein Leinweber, welcher auf der Weingaſſe wohute, befahl ſeinem Sohue von vierzehn Jahren etwas zu thun. Derſelbe verrichtete nicht alſobald hurtig das Geheiß, ſondern blieb in der Stube eine Weile ſtehen, da hat der Vater ihn aus zorni gem Gemüthe verwünſcht und geſagt:Ei, ſtehe, daß Du nimmermehr könneſt fortgehn und Dein Lebelang ſtehen müſſeſt. Auf dieſen Fluch und dieſe Verwünſchung des Vaters iſt der Knabe ſtracks ſtehen geblieben, daß er nicht von der Stelle kommen konnte, und hat drei ganze Jahre au demſelben Orte geſtanden, alſo, daß er tiefe Gruben in die Dielen getreten hat und man ihm Nachts, weun er ſchlafen wollte, ein Pult hinſetzen mußte, damit er den Kopf und die Arme darauf legen und ſo ein wenig ru⸗ hen möge. Weil aber die Stelle, wo er ſtand, nicht weit von der Stubenthür beim Ofen und den Leuten, ſo in die Stube gingen, gleich im Anlauf war, haben die Geiſtlichen bei der Stadt auf vorhergehendes fleißiges Gebet ihn endlich von ſelbigem Orte aufgehoben und gegenüber in den andern Winkel der Stube glücklich und ohne Schaden, wiewohl mit großer Mühe, gebracht. Denn wenn man ihn hat forttragen wollen, iſt er alſo⸗ bald mit unausſprechlichen Schmerzen befallen und ganz wie raſend geworden. An dieſem Orte hat er nun, ſo⸗ bald man ihn niedergeſetzt hatte, ferner bis ins vierte Jahr geſtanden und die Dielen noch tiefer durchgetreten, denn zuvor. Man hat dann einen Umhaug um ihn ge⸗ ſchlagen, daß ihn die Aus⸗ und Eingehenden nicht ſo ſehen konnten; welches auf ſeine Bitte geſchah, weil er am lieb⸗ ſten allein war und wegen ſteter Traurigkeit nicht gern viel redete. Endlich hat der gütige Gott ihm die Strafe in etwas gemildert, daß er das letzte halbe Jahr ſitzen, ſich auch ins Bett legen konnte. Wenn ihn Jemand fragte, was er mache, hat er gemeiniglich geantwortet: er würde von Gott dem Herrn ſeiner Sünden wegen gezüchtiget, ſetze Alles in deſſen Willen und halte ſich an das Verdienſt ſeines Herrn Jeſu Chriſti, auf welches er hoffe, ſelig zu werden. Er hat ſonſt gar eleud ausgeſehen, iſt blaß und bleich von Angeſichte und eines hagern und ſchmächtigen

ÿ˖