264 Uovellen
Seine Mutter ausgenommen, war darüber wohl Nie⸗ mand ſo erfreut, hörte darauf mit ſo geſpanntem Antheil, wie die junge ſchöne Bewohnerin des großen Eckhauſes am Peterskirchhofe. Eilte ſie doch auch jedes Mal in die Nähe des Fenſters, wenn ſich draußen die Tritte eines Haufens der Vertheidiger hören ließen. Und dieſe Auf⸗ merkſamkeit galt nicht dem Verlobten, der als Muſterherr auf der Straße beſchäftigt war und manch liebes Mal an dem Hauſe des künftigen Schwiegervaters vorüber kam. Denn wenn Gertraudt erkannte, die Nahenden ſeien wehr⸗ hafte Bürger, ſo zog ſie ſich alsbald gleichgültig zurück; gewahrte ſie aber die Tracht der Bergleute, dann lauſchte ſie athemlos hinab, doch ſorgſam darauf bedacht, daß die Vorhänge ſie verhüllten. Befand ſich gerade Konrad darunter, dann flog eine lichte Gluth über das liebliche Antlitz, ſo in der letzten Zeit etwas erblaſſet war, und die blauen Augen leuchteten hell und glückſelig auf. Allein ſchon nach kurzer Zeit verdunkelte ſich der helle Glanz ihres Augenpaares— oftmals funkelte eine Thräne darin, und ſie war wieder trüber und ernſthafter denn zuvor. Erinnerte ſie ſich doch daran, daß ihr Vater ſie dem wohledeln Raths⸗ und Muſterherrn und geweſenen Bürgermeiſter Kurt Frey⸗ diger zum ehelichen Gemahl geben wollte. Obenein ſchwebte ſie auch in Sorge um das Leben des jungen Mannes, der ſich ihrer einſt ſo hülfreich gegen den trunkenen Kriegsknecht angenommen hatte, weshalb es ihr nicht mehr denn nur recht und billig ſchien, daß ſie hinwiederum lebhaften An⸗ an ihm nähme.
Sie erhielt binnen Kurzem noch mehr Urſache, um ihn in Sorge zu ſein, als da er mit der übrigen Knappſchaft der Stadt zum Schutz diente.— Am Tage nach dem hef— tigen Sturme hielt ſich der Feind ſtille, begrub ſeine Tod⸗ ten und begehrete die Auslieferung einiger Officiere, welche bei dem Angriff verwundet und gefangen, inzwiſchen aber ſchon in Folge ihrer harten Bleſſuren verſtorben waren. Da hatten die Belagerten denn Muße, den Schaden, ſo
Zeitung.
die Stadt erlitten, mit Fleiß auszukundſchaften. Und ſie erſchraken ſchier, denn das Petersthor war ſehr übel ver⸗ ſtümmelt, das Rondel mehrentheils gefüllet, die auswen⸗ dige Futtermauer in den Graben geworfen, die Zugbrücke niedergeſchoſſen und der Thurm am Thore, wie auch die beiden Nebenthürme rechter und linker Hand, ganz durch⸗ bohrt. Es wurde unausgeſetzt gearbeitet, um den Schaden möglichſt auszubeſſern, und der Rath ſetzte einen Bericht an den Kurfürſten auf, der alſo ſchloß:„Wenn der Feind den Thurm vollends durch das grauſaine und heftige Kanoniren, wie vermuthlich, niederlegen wird, kann er, weil die andern Streichwehren auch ſehr verletzt und zerſtümmelt ſind, ohne ſonderbaren Widerſtand ſeine Stücke darauf brin⸗ gen, die Wehre in den Zwingern uns benehmen, in die Stadt ſpielen und ſich, wo es Gott nicht in Gna— den verhütet, derſelben bemächtigen, wie wohl der Herr Commandant, Oberſtwachtmeiſter und die audern Officiere mit ihren Soldaten und der ſämmtlichen Bürgerſchaft es an ſich mit fleißigem Verbauen und unverdroſſenem, aber doch nunmehr in ven zehnten Tag ſehr beſchwerlichem, zu Tag und Nacht fortgeſetztem Wachen und tapferer Gegen⸗ wehr es an nichts fehlen laſſen. Der allmächtige Gott
wolle des Feindes Herz, welcher ſich nach der Ausſage der Gefangenen noch gäuzlich vorgenommen hat, die Stadt nicht eher wieder zu verlaſſen, bis er ſich derſelben bemäch⸗ tigt, bevoraus weil ihrem Vorgeben nach kein Succurs
vorhanden, lenken, uns vor demſelben in Gnaden behüten
und die Stadt nicht in ſeine Hände kommen laſſen.“
Zur Ueberbringung dieſes Berichtes mußte ein gewand⸗ ter Mann auserſehen werden, da die Feinde das Mund⸗ loch des Stadtſtollens, welcher ſonſt benutzt wurde, um Botſchaften aus der Stadt und in die Stadt zu bringen, ſcharf bewachten. Auch ſollte der Bote zum kaiſerlichen Feldmarſchall Octavian Piccolomini nach Saiz gehn, ihm gleichfalls ein Schreiben, das um ſchleunigen Entſatz bat, zuſtellen und Auskunft über Alles geben, was ſchrift⸗
ralien und an Allem, was ein Land geeignet macht, einer großen Einwohnerzahl Unterhalt und Wohlſtand zu gewähren.
Die Ruſſen haben aber nicht bloß in dem Amurthale wich⸗ tige Erwerbungen für ihr Reich gemacht. Ihr⸗Annexionsſyſtem in dieſem Thale wurde durch den Grafen Murawieff, den geſchick⸗ ten, ehrgeizigen und thätigen Generalgouverneur des öſtlichen Sibiriens, begonnen, der im Jahr 1848 eine Geſellſchaft den Amur hinabſchiffen ließ, um zu erforſchen, ob dieſer Fluß ſich für die Dampfſchifffahrt eigne. Zwei Jahr ſpäter errrichtete er Poſten an der Mündung des Fluſſes und längs der Küſte des Meerbuſens von Sachalin, und im Jahr 1854 ſegelte er ſelbſt an
der Spitze einer Expedition den Amur hinab, um die ruſſiſche
Flotte im ſtillen Meer mit Proviant zu verſorgen. Das geſchah während des Krimkrieges, und nach der Herſtellung des Friedens
ſetzte Murawieff ſeine Anſtrengungen, das Land zu coloniſiren,
fort, und endlich erlangte er von der chineſiſchen Regierung, daß das linke Ufer des Amur bis hinab an die Mündung ſeines Neben⸗ fluſſes, des Uſſuri, und die beiden Ufer unterhalb dieſes Punktes nebſt einigen ſchönen Häfen an der Küſte durch den Vertrag von Aigun ganz an Rußland abgetreten wurden. Dadurch dehnte das ruſſiſche Gebiet ſich vis zum 470 der nördlichen Breite aus und deſſen Größe erbielt einen ſehr bedeutenden Zuwachs.
Murawieff, deſſen Geſchicklichkeit und Energie Rußland dieſe
großen Erwerbungen verdankte, wurde für ſeine Dienſte mit dem Titel Graf von Amur belohnt, und er ſelbſt ſchreibt ſich jetzt Murawieff Amursky. Sein Ehrgeiz war indeſſen noch nicht be⸗ friedigt, und unter ſeinem Einfluſſe wurde im November 1860 ein anderer Vertrag mit China unterhandelt, durch welchen das Letztere ein ſehr großes Gebiet im Süden des Amur und die ganze See⸗
küſte der Mandſchurei bis an die Grenzen von Korea im 420 n. Br., demnach bis zur Breite ſüdlich der Pyrenäen und Maſſachu⸗ ſetts, welchen Ländern hinſichtlich des Klima's und der Producte dieſer Landſtrich gleicht, an Rußland überließ. Durch dieſen großen Schritt haben die Fahnen des Kaiſers von Rußland ſich
den Mauern Pekings bis auf 100 deutſche Meilen genähert, wäh⸗
rend gleichzeitig herrliche Häfen, die das ganze Jahr hindurch frei von Eis und geräumig genug ſind, um die mächtigſte Flotte in ſich aufzunehmen, dem Welthandel und dem Dienſt der ruſſiſchen Flotte im ſtillen Meer eröffnet worden ſind. Im Fall eines zweiten Krieges mit England würden dieſe Häfen und die großen Hülfsmittel für den Schiffbau am Amur der ruſſiſchen Seemacht eine weit größere Bedeutung geben, als ſie in dem Krimkriege zu entwickeln im Stande war.
Die neueſten Nachrichten aus Japan melden eine neue Ver⸗ größerung Rußlands in jenen Gegenden. Die Ruſſen ſollen nicht nur von der Inſel Sachalin, die ſich in einer Länge von beinahe 120 deutſchen Meilen längs ihrer neuen Beſitzungen in der Mandſchurei ausdehnt, und die ſo groß wie Pennſylvanien (über 2000 deutſche Meilen) iſt, ſondern auch von dem wichtig⸗ ſten Hafen der noch weit größern und ſchätzbarern japaneſiſchen Inſel Jeſſo Beſitz ergriffen haben. Noch wichtiger iſt die nach japane⸗ ſiſchen Documenten am 13. Juni 1861 von ruſſiſcher Seite er⸗ folgte Beſitznahme der wichtigen Inſel Tſuſima in der Straße von Korea in der Nähe der ſüdweſtlichſten Spitze von Japan im 35. Breitengrade. Dieſe Inſel, die 12 deutſche Meilen lang und 2 ⅜ Meilen breit iſt, hat ein ſehr mildes und geſundes Klima und ſie beſitzt einen höchſt geräumigen und vollkommen geſchützten Hafen, aus dem nöthigenfalls ein zweites Sebaſtopol gemacht
—
(VIII. Jahrg. V.
lich Werr zog! den kehre V zu ſc
nicht
wer ua de ühnen und ganz getri konn


