Jahrgang 
15-26 (1862)
Seite
259
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Nach einer Chronik.

Erzählung von

Marie v. Roskowska.

Daß Gott erbarm! Hörſt Du, Konrad? die Schwe⸗ den! rief Frau Wernerin, und der Löffel, welchen ſie nach

deem Mitagseſſen eben wuſch, entfiel ihren zitternden Händen.

Konrad, ein ſchmucker, junger Bergmann, hatte die Trompetenſtöße wohl vernommen, womit der Thürmer vom Petersthorthurm der hochanſehnlichen und weltberühm⸗ ten Bergſtadt Freiberg im Meißniſchen die Annäherung von Kriegsvolk verkündigte. Haſtig ſtülpte er die Kappe auf und ſagte:Es kännen ja auch Kurfürſtliche oder Kaiſerliche ſein! Eine Belagerung bei ſo grimmiger Kälte dürften die Schweden billig ſcheuen.

4Der Allmächtige gebe es! ſeufzte Frau Wernerin und ſchaute bekümmert in das Antlitz des Sohnes, auf dem eine lichte Gluth flammte, während es gemeiniglich doch ſo bleich war, von der Arbeit im dunkeln Schooß der Erde oder aus einem andern Grunde, wer wußte das ſo genau? Seine großen Augen, die ſeit einiger Zeit zuwei⸗ len trüb ſchauten, lachten und funkelten wie in rechter Heerzensfreude, und die Ankunft des Feindes war ihm augenſcheinlich erwünſcht, ſo große Trübſal und Kümmer⸗ niß ſie allen Andern auch bereitete. .Glück auf, Herzensmutter! ſagte er Abſchied neh⸗ mend froh und eilig.

Mach g'ſund Schicht! erwiderte die Mutter den Bergmannsgruß nach alter Gewohnheit und dachte dabei mit ſchwerem Herzen, daß jetzt nicht die Rede ſei von An⸗ fahren und Schichtmachen, ſondern von einem gar grau⸗ ſigen Tagewerk.

Die kleinen in Blei gefaßten Scheiben des dürftigen . Zimmers deckte eine Eisrinde, die alte Frau trat daher zur Thür hinaus, um ihrem Einzigen nachzublicken, der mit muthig erhobenem Haupte leichtern und ſchnellern

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friſt an ihm gewöhnt war. Und manches der hübſchen Jüngferlein, die beſorgt und neubegierig den Kopf zu ihren Thüren und Fenſtern hinausſteckten, hatten trotz ihrer Furcht vor den Schweden doch einen Blick für den jungen Steiger oder waren im Stillen damit unzufrieden, daß er in ſeiner großen Eilfertigkeit ganz des ehrbaren Grußes vergaß, den jede ſittſam und mit geheimem Vergnügen zu erwidern pflegte.

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4 Dritte Folge.

Schritts davon ging, als ſie es ſeit miehr denn Monden⸗

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novellen-Zeitung.

Ein großer Mann mit feiſtem, rothem Geſicht und⸗ umfangreicher, faſt über die Maßen großer Körperfülle kam nebſt vielen Anderen eilig die Straße daher. Auf ſeinem Haupte prangte ein koſtbares Sammetbarett; der wohlgenährte Leib war in eine Schaube von Fuchsfell gehüllt, deren tuchnem Ueberzug männiglich auf den erſten Blick auſah, daß die Elle davon viel mehr denn drei Gul⸗ dengroſchen koſtete, wie es ein ehrbarer Rath der Stadt den Vornehmen zu tragen nachgelaſſen hatte. Doch reiche Leute waren damals, wie zu jeglicher Zeit, nicht ſo gar ſtrenge an das Geſetz gebunden. Zum weuigſten ließ ſich der Bräuer Andreas Volkmar derartige Uebertretungen oft zu Schulden kommen. Sein mächtiger Reichthum hatte ihm unter den Rathsherren und Angeſehenſten der Stadt vielen Anhang erworben, auchhatte bei dieſen ſchweren Zeiten Mancher ſeinen Geldſäckel in Anſpruch genommen, darum konnte er ſich Vieles ſonder Strafe erlauben. Und wurde er einmal um ſeiner Ueppigkeit willen um eine Summie Geldes gebüßt, ſo konnte er das leicht verwinden und ſcheute ſich davor nicht.

Die Andern alle, ſo Konrad Werner begegneten, kauſchten freundlich Gruß und Rede mit ihm, denn er ſtand bei Alt und Jung in gutem und löblichem Anſehn. Der Bräuherr aber wandte hochmüthig ſein volles Antlitz ab und würdigte ihn keines Blicks. Der junge Bergmann that, als beachte er das nicht, und eilte zum Kaufhauſe. Hier verſammelten ſich 250 Bergleute uitter dem Berg⸗ und Amthauptmann Georg Friedrich von Schönberg und andern Beamten, um theils das etwa ausbrechende Feuer zu löſchen, theils Gegenminen anzulegen, wenn der Feind Freiberg wieder einſchlöſſe. Sie bekamen während der Dauer der Belagerung zu ihrer Verpflegung ein Jeder des Tages einen Groſchen aus der Caſſe des Zehudners, außerdem aber auch noch einige Unterſtützung vom Rathe. Zu gleichen Dienſten wie die Knappſchaft war ferner die eingeflehte Mannſchaft aus den umliegenden Dörfern und Ortſchaften auf das Rathhaus beſchieden. Dier kurfürſt⸗ lichen Truppen unter dem Oberſtlieutenant von Schweinitz hatten die Thore und das Schloß beſetzt, den wehrhaften Bürgern lag die Vertheidigung der Thürme an der Stadt⸗ mauer ob, und vie fremden Handwerksburſchen waren zur unterſtützung der Bürger commandirt. So hatte man es V für den Fall einer neuen Belagerung mit großem Vor⸗ V bedacht und Weisheit angeordnet, und die Stadtbewohner waren im Ganzen guthen Muthes. Hatte Freiberg doch im

Lenz Anno 1639 eine dreiwöchentliche, gar heftige Berennung der Schweden unter ihrem wackern General Banner kühn⸗ lich ausgehalten, alſo daß dieſe Mannhaftigkeit bei Fürſten und Herren, wie bei Rath und Bürgerſchaft aller benach⸗