——
[252 4 Aovellen
dem Fenſter beugend. Gumal kommt, er wird uns nicht im Stiche laſſen!“
Und Gumal kam wirklich mit dem achten Zuge. Wie ein Heros der alten Zeit ſchwang er ſein blitzendes Schwert hoch um den Helm und commandirte mit Löwenſtimme— denn die drei Trommelwirbel hatten nichts genützt:
„Zur Attake— Gewehr rechts!“
Gott, wie klein kam ich mir mit meiner Reſerve gegen ihn vor!
Die Barricadenbeſatzung vergaß das Schießen und lief davon. Wie die Katzen kletterten unſere Musketiere
über das Bollwerk und vertheilten ſich nach ihres Officiers
Auweiſung in die nächſtgelegenen Häuſer, au deren Fen⸗ ſtern bald ihre blinkenden Helme erſchienen; mein Zug be⸗
ſetzte die Barricade.
Wer hätte es Gumal verdenken wollen, daß er ſein Standquartier im Goldſtein'ſchen Hauſe nahm?
„Er kommt gerade auf unſer Haus zu!“ jubelte Si⸗ donchen.
„Wer, Sidonchen?“
„Der Herr von Gumal, Papachen! Gott, jetzt ſind wir errettet!“
„Jakob, wenn Du ihm jetzt nicht mit allem Anſtande ſeinen Wechſel in die Hand ſteckſt, ſo ſind wir dennoch ver⸗ loren, deun er könnte uns dem wilden Pöbel abſichtlich preisgeben,“ flüſterte Mama Goldſtein ihrem Manne in die Ohren.
Der Banquier ſeufzte und ſuchte vorſichtig unter ſeiner Weſte nach.
Jetzt trat Gumal wirklich in das Zimmerein; er hatte den Degen eingeſteckt, den Helm abgenommen und verbeugte ſich; ſein Blick ſuchte Sidonia und ſenkte ſich düſter nieder, als er auf Papa Goldſtein traf. Dann ging er zur Mama, küßte ihre Hand und ſagte mit einem Seitenblicke auf die Tochter:
„Entſchuldigen Sie, gnädige Frau, daß meine Pflicht
Zeitung.
[VIII. Jahrg. mich nöthigt, in Ihr Haus einzudriugen; ich würde mich glücklich ſchätzen, wenn Sie ſich einigermaßen da durch be⸗
ruhigt fühlten.“ „Herr Lieuteuant, Sie ſind uns willkommen wie im⸗ mer; Sie ſind heute unſer rettender Engel.“ „Nehmen Sie meinen wärmſten Dank,“ ſtotterte Herr Goldſtein ſich ihm nähernd.„Sidonchen, ſie ſchießen doch
nicht mehr?— Wertheſter Herr Lieutenant,“ fuhr er gegen Gumal gewendet fort und verſuchte ihm das ominöſe Pa⸗ pier in die Hand zu ſtecken,„mein Dankgefühl hat keine Grenzen,— erlauben Sie mir,— aber Sie nehmen es doch auch nicht übel?“
Gumal warf einen Blick auf das blaue Papier und
wurde noch düſterer. „Herr Goldſtein,“ ſagte er mit unverhohlener Empfind⸗ lichkeit,„Sie belieben zu ſcherzen. Mich führt die Seiner Majeſtät gelobte Pflicht hierher,— ich bin wirklich außer
Staude, heute das Papier zu erkennen.“
Draußen krachte eine Salve, die meine Reſerve weit
lüber die Köpfe der ſich' nähernden Revolutionäre ab⸗
feuerte. „Jakob!“ rief Madame Goldſtein verzweifelnd, und „Gumal!“ rief Sidonchen, ſich in die Arme meines Ca⸗ meraden ſtürzend. Die Salve hatte einen ſchrecklichen Eindruck gemacht, d. h. im Goldſteinſchen Hauſe. „Gott meiner Väter! nehmen Sie das Mädchen, aber V ſchützen Sie uns!“ ſchrie Herr Goldſtein, in die Kniee ſin⸗ kend. Ein kluger Schriftſteller ſagt:„Ich laſſe den Vor⸗ hang über dieſe Scene des Glückes ſinken.“ Der Vor⸗ hang fällt hiermit; was hinter ihm vorgegangen iſt, mag ſich Jeder nach ſeiner mehr oder minder poetiſchen An⸗ lage ausmialen, nur erlaube man dem Lieutenant von dem ſiebenten Zuge noch einige Randbemerkungen. Die Revolution in unſerer Stadt löſte ſich in Wohl⸗ gefallen auf; kein einziger Menſch wurde verwundet, Gott
zum Vaterländiſchen oder zum Viſſenſchaftlichen haben. Das Letztere wird erklärlich durch die Thatſache, daß der Verfaſſer der bekannte in Innsbruck lebende Naturforſcher iſt.
Vertraut mit den Zuſtänden der Intelligenz und Politik, wie ſie in Licht- und Schattenſeiten dem unbefangenen Auge auch außerhalb ſeines Vaterlandes entgegentreten, iſt des Autors Blick für Culturzuſtände geſchärft, und er lobt nicht, wie ſo viele andere Tyroler, die nie aus dem„Landl“ gekommen ſind, alles Heimiſche, mag es dem Fortſchritte oder Rückſchritte dienen. Im Gegentheil iſt er für die Luſt zum Rückſchritt, welche in manchem Tyroler Geiſte wohnt, nicht blind und ſpricht ſich über die Innsbrucker Irrfahrten böswilliger Fanatiker mit Würde aus.
Die Wanderungen beziehen ſich auf manche weniger bekannte Thäler Nordtyrols, und die darüber gegebenen Naturſchilderungen und Charakteriſtiken der Bewohner ſind ungezwungen und leben⸗ dig. Ueberhaupt macht das Buch den Eindruck der Wahrheit und hält alle herbeigezogene Romantik von ſich fern.
Für Naturfreunde überhaupt und ſolche Reiſende, welche Tyrol beſuchen wollen, iſt es daher eine empfehlenswerthe Tdiuion.
—— O. B.
Germania auf der Wacht. Deutſche Lieder, geſammelt von K. F. R. Schneider. Wittenberg, Krelling's Verlag. 1862.
Auf der Wacht ſollte Germania allerdings immer ſein, denn ſie hat jederzeit vermöge guter ehrlicher Nachbarſchaft vielen Grund dazu, und es würde ihr weniger entwendet worden ſein, wenn ſie fleißiger und wohlgerüſtet, reſpective tüchtig dreinſchla⸗ gend, aufgepaßt hätte.
Es macht nur leider immer einen trübſeligen Eindruck, wenn man den Einheitsbegriff Germania gefaßt hat, und die Sänger
in ihren begeiſterten Liedern ausrufen hört:„Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?“ oder„Wohlan, wohlan, mein Sachſen⸗ land!“ oder:„Dich preiſ' ich, dich, mein Würtemberg!“ Noch ſchlimmer wird das Gefühl und die Hoffnung auf Geſammtkraft verletzt, wenn man ſieht, wie die große Maſſe des Volks der ver⸗ ſchiedenen Staaten mit ſolchen Anſichten übereinſtimmt und ihre
engherzige Rivaliſation noch täglich von der Preſſe, die aufklären und von Kleinlichkeit befreien ſollte, zur Caricatur großgezogen wird. Ebe dieſer Particularismus nicht in ſeiner eigenen Halt⸗ loſigkeit zerfallen iſt, kann von Nationalität im großen Sinne nicht die Rede ſein, und alles Liederdichten iſt nur ein Wortklang ohne Folge. Man macht bekanntlich nicht mit Liedern Thatkraft und Politik, ſondern dieſe beiden werden von Liedern begleitet. Damit ſoll nicht geſagt ſein, daß die patriotiſche Lyrik, wenn ſie tüchtig in ihren Ideen aufgeklärt und zur Gemeinſam⸗ ſamkeit und Einheit hinſtrebend iſt, nicht für Einzelne ein ſehr erfriſchendes Element wäre. Auch den Dichtern macht es Ver⸗ gnügen, in ihren politiſchen Gedichten fortwährend mit dem Schwerte zu raſſeln und dem Feinde, dem wirklichen und dem eingebildeten, die Zähne zu zeigen. In dieſer prahleriſchen Renommage: „Flammet Herzen, wehet Fahnen! Flammet, wehet himmelan t Denn die Wonne der Germanen, Denn der Kampf, er hebet an!“ ꝛc. in dieſer Renommage haben unſere Lieder etwas echt Franzöſiſches, das wir ſonſt ſo ſehr verſpotten, nur mit dem galliſchen Drein⸗ ſchlagen ſind wir bedächtiger und laſſen uns von unſerm Muth
nicht gern überrumpeln. *
————


